Luxemburg als kreativer Knotenpunkt

Animationsfilm „My Love Affair with Marriage“ ist ein feministisches Feuerwerk

„Man wird nicht als Frau geboren, man wird dazu gemacht.“ Der Satz von Simone de Beauvoir wirkt wie ein Echo, das sich durch „My Love Affair with Marriage“ zieht – den neuen Animationsfilm der lettisch-amerikanischen Regisseurin Signe Baumane, der ab heute in Luxemburger Kinos läuft. Ein Film, der sich nicht mit Romantik zufriedengibt – sondern sie seziert. Und dabei eine radikale Frage stellt: Was, wenn das, was wir Liebe nennen, nur gelernt ist?

Drei Sirenen flüstern der Protagonistin Zelma im Film geheimnisvolle Botschaften zu

Drei Sirenen versuchen, Zelma, die Protagonistin des Filmes, etwas zuzuflüstern Foto: Screenshot „My Love Affair with Marriage“

Wenn Zelma, die Heldin von „My Love Affair with Marriage“, zum ersten Mal den Sirenen begegnet, klingt es wie ein Echo aus vergangenen Jahrzehnten: Drei Stimmen, die ihr zuflüstern, man müsse sich „vor allem, besonders vor Männern“ in Acht nehmen, dass gezupfte Augenbrauen und kurze Röcke angeblich einen reichen Mann anziehen, der sich um einen kümmert, und dass am Ende alles gut werde, solange eine Frau „ihre Kinder mehr liebt als ihren Ehemann“. Drei Harmonien, drei Regeln, die Frauen kleinhalten sollen.

Regisseurin Signe Baumane hat diese Sirenen nicht erfunden – sie hat sie nur sichtbar und vor allem hörbar gemacht. Ihr preisgekrönter Animationsfilm, ein Coming-of-Age-Musical, ist ein radikaler Blick auf Liebe, Körper, Biochemie und die gesellschaftlichen Erwartungen, die Frauen seit Generationen formen.

Ein feministisches Musical über Biologie, Mythologie und Macht

Der Film begleitet Zelma über 23 Jahre – von der Kindheit in der ehemaligen Sowjetunion bis ins Erwachsenenleben, während sie versucht, „die beste Version eines Mädchens“ zu sein – und deren Körper sich dagegen wehrt. „Je mehr sie sich anpasst, desto mehr rebelliert ihr Inneres“, sagt die Regisseurin. Es ist ein Film über Selbstbestimmung, über das Aufbrechen von Rollenbildern, über die Frage, wie viel von dem, was wir Liebe nennen, eigentlich Erziehung ist. Baumane verbindet historische Ereignisse, biologische Prozesse und intime Emotionen zu einem visuellen und erzählerischen Mix, der sich jeder Schublade entzieht.

Regisseurin Signe Baumane bei der Filmpremiere ihres preisgekrönten Animationsfilms, gefeiert von Kritikern und Publikum

Die Regisseurin Signe Baumane erntet nicht nur Lob für ihren Film Foto: privat

Zelmas Geschichte ist dabei eng mit Baumanes eigener Biografie verwoben. Zwei Ehen, Erfahrungen von Ungleichgewicht, von emotionaler Abhängigkeit, von Beziehungen, in denen Nähe an Machtverhältnissen scheitert. „Wahre Intimität ist nur möglich, wenn es keine Asymmetrie gibt“, sagt sie. „Sobald einer glaubt, überlegen zu sein – oder etwas verbirgt –, wird echte Verbindung unmöglich.“

Der Film arbeitet mit neurobiologischen Einschüben, die erklären, wie Hormone, Dopamin und Bindung funktionieren. „Unsere biologischen Bedürfnisse sind real – aber die Gesellschaft legt oft starre Vorstellungen darüber fest, wie wir lieben und leben sollen“, sagt sie. „Und dann wundern wir uns, warum das nicht zusammenpasst.“

Zelmas innerer Widerstand bekommt im Film eine eigene Form: eine Katze, die auftaucht, wenn etwas nicht stimmt. Sie faucht, kratzt, verschwindet wieder. Ein Bild für das, was unterdrückt wird – und sich doch nicht ganz zum Schweigen bringen lässt.

Luxemburg als kreativer Knotenpunkt

Dass dieser Film nun in Luxemburg ins Kino kommt, ist kein Zufall. „My Love Affair with Marriage“ wurde mit Unterstützung des Film Fund Luxembourg koproduziert. Für die hiesige Filmszene ist es ein Prestigeprojekt: 110 Festivals weltweit, 25 internationale Preise, ein New-York-Times-Critics‘-Pick, Oscar‑Consideration in drei Kategorien.

Und Luxemburg war nicht nur Geldgeber, sondern auch kreativer Partner. Der luxemburgische Re‑Recording‑Mixer Loïc Collignon war maßgeblich daran beteiligt, dem Film seine akustische Identität zu geben. „Der Sound ist Teil der Emotion“, sagt er. „Wir versuchen, das zu reproduzieren, was das Gehirn ohnehin macht: filtern, fokussieren, verdrängen.“ In entscheidenden Momenten verschwinden Geräusche. Übrig bleiben Atem, Herzschlag, Spannung. Der Zuschauer wird nicht mehr Beobachter – sondern Körper. „Wir mussten alles von Grund auf erschaffen – jedes Geräusch, jede Präsenz, jede Textur.“ Animation bedeutet totale Freiheit, aber auch totale Verantwortung. „Es gibt keinen Drehton. Alles entsteht aus dem Nichts.“

Der Klang der inneren Konflikte

Besonders intensiv war die Arbeit an den Sirenen, die Zelma ständig zurechtweisen. Sie sind dabei mehr als ein Stilmittel. Sie sind die Stimmen, die jede Frau kennt – aus der Familie, aus der Schule, aus der Popkultur. Für Collignon waren sie „innere Dämonen, die sie ständig kitzeln und zurechtstutzen“. Er entwickelt mehrere Versionen, experimentiert mit Nähe, Verzerrung, Rhythmus. „Manchmal habe ich Szenen komplett verworfen und neu gebaut. Ich wollte, dass man spürt, wie sie in Zelmas Kopf eindringen.“

Sie singen, kommentieren, korrigieren. Ihre Botschaften sind vertraut: Sei angepasst. Sei begehrenswert. Sei leise. Ihre Stimmen sind eingängig, verführerisch – und gerade deshalb so wirkungsvoll. Für Baumane sind sie kein Märchenelement, sondern Realität. „Das sind die Stimmen, die wir alle hören“, sagt sie. „Gesellschaftliche Regeln, die sich wie Wahrheiten anfühlen.“

Baumane und Collignon diskutieren jede Nuance. „Wir hatten tiefe Gespräche darüber, wie viel Humor, wie viel Zynismus, wie viel Schmerz in einer Szene stecken soll.“ Der Sound soll dabei als zweiter Erzähler fungieren – einer, der die unsichtbaren Zwänge hörbar macht. Und das haben sie zweifelsohne geschafft – so gut wie selten ein anderer Film zu diesem Thema.

Auch die biologischen Passagen sollten nicht nur erklärend, sondern körperlich erfahrbar sein. „Ich wollte, dass man sie nicht nur hört, sondern fühlt“, erinnert sich Baumane. Die Lösung: tiefe Bassfrequenzen, die durch den Kinosaal vibrieren – und den Film buchstäblich unter die Haut gehen lassen.

Auch visuell geht Baumane einen eigenen, ungewöhnlichen Weg. Ihre Animation entsteht in einem hybriden Verfahren: Selbstgebaute Stop-Motion-Sets aus Holz, Fundstücken und recycelten Materialien bilden die physische Welt – darauf werden die Figuren von Hand gezeichnet und später Bild für Bild darübergelegt. In ihrem Studio in Brooklyn entstehen so Räume, die greifbar wirken und gleichzeitig etwas Traumhaftes behalten. „Wir bauen die Sets wie kleine Bühnen“, erklärt sie, „und dann zeichnen wir das Leben hinein.“

Baumane zeigt einen Blick hinter die Kulissen seiner Filmproduktion mit Kamera und Crew am Drehort

Baumane erlaubt einen Blick hinter die Kulissen Foto: Carole Theisen

Die Zumutung, man selbst zu sein

Zelmas Weg ist nicht linear. Er ist widersprüchlich, chaotisch, manchmal schmerzhaft. Genau das macht den Film so modern. Baumane zeigt keine Heldin, die alles richtig macht, sondern eine Frau, die versucht, sich selbst zu verstehen – gegen die Stimmen von außen und die Stimmen in ihr.

Die Reaktionen auf den Film fallen so unterschiedlich aus wie die Erfahrungen, die er erzählt. Bei einer Vorführung verließen zahlreiche Männer demonstrativ und hörbar verärgert den Saal – nicht leise, sondern „stampfend“, wie Baumane es beschreibt. Einige blieben jedoch und suchten anschließend das Gespräch, irritiert, herausgefordert, teils auch provoziert von der Perspektive des Films.

Ganz anders eine Begegnung in Lettland: Dort trat nach der Vorstellung ein Mann mit Tränen in den Augen an die Regisseurin heran und sagte schlicht: „Ich habe mich selbst gesehen.“ Ein Satz, der den Kern der Wirkung trifft – unabhängig von Geschlecht oder Herkunft.

Animationsfilm „My Love Affair with Marriage“ ist ein feministisches Feuerwerk

Für Baumane sind solche Spannungen kein Widerspruch, sondern Teil der Idee. „Ein guter Film ist wie ein Gedicht“, sagt sie. „Er gibt dir genug, damit du dich darin wiederfindest, aber er lässt dir auch den Raum, deine eigene Bedeutung hineinzulegen.“ Die Unterschiede, die sie ihr Leben lang gespalten haben – zwischen Erwartungen und Wirklichkeit, zwischen dem, was sie sein sollte, und dem, was sie ist – verschwinden nicht. Aber sie verlieren ihre Macht über sie. Zum ersten Mal bestimmt sie selbst, welche Stimme sie hört.

Genau diesen Moment möchte Signe Baumane dem Publikum mitgeben. Kein abruptes Aufstehen, kein schnelles Weiter. „Ich wünsche mir, dass die Menschen sitzen bleiben“, sagt sie. „Dass sie den Abspann hören, die Musik wirken lassen.“ Denn dort, in diesen letzten Minuten, verdichtet sich noch einmal alles, was der Film erzählt hat. Und vielleicht bleibt ja etwas hängen. „Ich will, dass sie den Kinosaal verlassen und die Melodie summen“, sagt Baumane. „Und denken: Liebe ist möglich.“

Animationsfilm „My Love Affair with Marriage“ ist ein feministisches Feuerwerk
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© Foto: Carole Theisen

Animationsfilm „My Love Affair with Marriage“ ist ein feministisches Feuerwerk
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© Foto: Screenshot „My Love Affair with Marriage“

Animationsfilm „My Love Affair with Marriage“ ist ein feministisches Feuerwerk
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© Foto: Screenshot „My Love Affair with Marriage“

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