Hoher Preis für Protest in Russland
Wenn das Hochhalten von Tolstois „Krieg und Frieden“ plötzlich mit einer Anzeige endet
Für ausgetauschte Preisschilder im Supermarkt drohen zehn Jahre Haft, das Hochhalten von Tolstois „Krieg und Frieden“ endet mit Anzeige. Wer in Russland die offizielle Meinung hinterfragt, lebt immer gefährlicher. Der Staat verschärft die Repression.
Der russische Staat verschärft die Repression: Festnahme einer Frau Anfang April in Moskau Foto: AFP
„Perekrjostok“ heißt Kreuzung auf Russisch. Supermärkte quer durch Russland tragen diesen Namen. Sie sind nicht teuer, nicht billig und finden sich an vielen Ecken russischer Städte. Weiß sind die Preisschilder, manchmal auch gelb, wenn die Waren reduziert sind. An einem Abend im März fanden sich in einem Perekrjostok in Sankt Petersburg statt Preisschildern kleine Handzettel – über den Krieg in der Ukraine. Über den Beschuss des Theaters in Mariupol und den Tod von Zivilisten. Es war ein Protest zwischen Buchweizen und Nudelpackungen. Ein kaum sichtbarer und doch offenbar ein so wirkungsvoller, dass Ermittler der Sankt Petersburger Polizei eine Soko einrichteten, um die „Übeltäterin“ wochenlang zu suchen.