Portugal/Frankreich
Weltuntergangs-Wahn als Tatmotiv? Paar setzt Kinder mit verbundenen Augen im Wald aus
Gut eine Woche ist es nun her, dass zwei kleine Jungen an einer Landstraße im Süden Portugals gefunden wurden. Allein, verängstigt, mit etwas Obst, Wasser und Kleidung im Rucksack. Ihre Mutter, erzählen sie später, habe ihnen die Augen verbunden und gesagt, das Ganze sei nur ein Spiel.
Die Mutter der beiden Kinder, Marine R. (oben rechts), und ihr Lebensgefährte Marc B. (unten rechts) werden von Sicherheitskräften aus einem Gerichtsgebäude eskortiert Foto: AFP/Filipe Amorim
Was am 19. Mai zwischen den portugiesischen Orten Comporta und Alcácer do Sal geschah, beschäftigt inzwischen Ermittler und Gerichte in mehreren Ländern. Aus der Entdeckung zweier ausgesetzter Kinder am Straßenrand ist ein Fall geworden, der mit jedem neuen Detail verstörender wirkt.
Es geht um eine Mutter, ihren neuen Lebensgefährten, eine rätselhafte Reise aus Frankreich nach Portugal – und um Berichte über apokalyptische Vorstellungen des Mannes, der die Kinder begleitet haben soll.
Das zuständige Gericht in der portugiesischen Stadt Setúbal hat inzwischen Untersuchungshaft für die Mutter der Kinder und ihren Lebensgefährten angeordnet. Die 41-jährige Marine R. und der 55-jährige Marc B., beide aus Frankreich, sollen die beiden Jungen im Alter von vier und fünf Jahren an der Straße zurückgelassen haben. Ihnen wird Kindesaussetzung vorgeworfen.
Gegen beide liegen außerdem europäische Haftbefehle aus Frankreich vor. Dort wird wegen des Verdachts der Kindesentziehung ermittelt: Die Mutter soll die Kinder aus Colmar im Elsass nach Portugal gebracht haben, ohne dass der leibliche Vater damit einverstanden war.
Begonnen hatte der Fall wie eine Szene aus einem Albtraum. Ein portugiesischer Bäcker, der mit seinem Auto unterwegs war, entdeckte die beiden Kinder am Rand einer ländlichen Straße in einem Pinienwald zwischen Comporta und Alcácer do Sal. Die Jungen waren allein und verschreckt. Der Mann nahm sie mit, brachte sie zunächst in Sicherheit und alarmierte die Behörden.
Bei sich hatten die Kinder einen Rucksack mit ein paar Anziehsachen und etwas Proviant. Offenbar sollten sie zumindest für ein paar Stunden versorgt sein – bis irgendjemand sie findet.
Emotionslos bei der Festnahme
Zwei Tage, nachdem die Kinder entdeckt worden waren, wurden die Mutter und ihr Begleiter im katholischen Wallfahrtsort Fátima festgenommen, rund 200 Kilometer entfernt; die beiden, nach denen eine Fahndung lief, wurden auf der Terrasse eines Cafés aufgegriffen.
Nach Polizeiangaben wirkten die Mutter und ihr Lebensgefährte bei der Festnahme auffallend emotionslos — fast so, als habe das Schicksal der Kinder kaum etwas mit ihnen zu tun.
Den Lebensgefährten der Mutter sollen inzwischen auch Videoaufnahmen belasten. Medienberichten zufolge ist auf den Aufnahmen zu sehen, wie der Mann eines der Kinder in einem Café in der Region Alcácer do Sal grob an den Armen gepackt und aggressiv behandelt haben soll. Die Ermittler werten die Szene offenbar als mögliches Indiz für den Vorwurf der Körperverletzung.
Auch aus Frankreich wurden neue Einzelheiten bekannt. Die Kinder lebten mit ihrer Mutter in Colmar im Elsass. Der leibliche Vater hatte nur ein eingeschränktes Besuchsrecht, kämpfte aber schon länger vor Gericht um eine Änderung der Sorgerechtsregelung. Er hatte demzufolge bereits am 11. Mai Anzeige wegen Kindesentziehung erstattet, nachdem seine kleinen Söhne nicht mehr in einer Betreuungseinrichtung auftauchten und der Kontakt zur Mutter abriss.
In einem Gespräch mit dem französischen Regionalsender Ici Alsace TV sagte der Vater: „Ich denke jede Sekunde an meine Kinder.“ Er hoffe, sie bald wieder in die Arme schließen zu können.
Kinder zurzeit bei einer Pflegefamilie
Ein weiteres Schlaglicht fällt auf den neuen Partner der Mutter. Französische Medien beschreiben Marc B. als früheren Angehörigen der französischen Gendarmerie mit einer belasteten Vergangenheit. Er soll den Behörden bereits im Zusammenhang mit Gewalt, Drohungen und Belästigung bekannt gewesen sein.
Besonders brisant sind Berichte über apokalyptische Vorstellungen des Mannes. Medienberichten zufolge soll Marc B. geglaubt haben, die Welt werde am 22. Mai untergehen – und nur Kinder unter sieben Jahren würden überleben. Ob diese Vorstellungen tatsächlich eine Rolle bei der Aussetzung gespielt haben, ist offen.
Ermittler und Gerichte werden klären müssen, was genau geschah, warum die Familie nach Portugal reiste und weshalb die beiden Jungen schließlich allein im Waldgebiet an der Straße zurückblieben. Die portugiesische Justiz muss zudem entsàcheiden, ob die Mutter und ihr Begleiter nach Frankreich ausgeliefert werden – oder ob sie sich zunächst vor Gericht in Portugal verantworten müssen.
Die Jungen sind vorerst bei einer französischsprachigen Pflegefamilie in Portugal untergebracht. Dort sollen sie bleiben, bis klar ist, wann und zu wem sie nach Frankreich zurückkehren können.