125 Jahre Wahlen in Down Under
Was Europa von Australiens Demokratie lernen kann
Während die Weltordnung wankt, feiert „Down Under“ 125 Jahre Demokratie: Mit Wahlpflicht, Präferenzwahl und ein paar Kuriositäten hält Australien Extremismus in Schach – eine Erfolgsgeschichte, die Europa inspirieren könnte.
Die Wahlpflicht in Australien sei sowohl ein Recht als auch eine Verantwortung, meint Regierungschef Anthony Albanese Foto: David Gray/AFP
Dass Australien dabei bewusst eigene Wege ging, ist Teil seines demokratischen Selbstverständnisses. Premierminister Anthony Albanese schreibt zum Jubiläum im Sydney Morning Herald: „Australien hat schon immer Dinge anders gemacht. Und damit oft dazu beigetragen, dass auch die Welt anders denkt.“ Gerade die Demokratie sei dafür ein Beispiel – in einem Land, das zugleich Heimat der ältesten ununterbrochenen Kultur der Erde und eine der ältesten modernen Demokratien ist.
Seit 1901 dürfen Australier wählen, seit 1924 müssen sie es sogar – mit durchschlagender Wirkung. Die Wahlbeteiligung liegt konstant bei 90 Prozent, während sie in Großbritannien und den USA bei mageren 60 bis 65 Prozent dümpelt. Der frühere Wahlkommissar Tom Rogers erklärte im ABC-Interview die Konsequenz des australischen Systems: Wahlpflicht diene dazu, die australische Politik davon abzuhalten, zu Extremen zu neigen. Die Historikerin Judith Brett betonte in diesem Zusammenhang einen weiteren Effekt: „Es stellt auch sicher, dass die am stärksten marginalisierten und die ärmeren Menschen wählen.“ In Ländern mit freiwilliger Wahl blieben gerade diese Gruppen den Urnen fern.
Nuancen statt Schwarz-Weiß
Noch ungewöhnlicher ist Australiens Präferenzwahlsystem. Wähler und Wählerinnen nummerieren alle Kandidaten nach Präferenz – jedes einzelne Kästchen. Australien ist weltweit die einzige große Nation, die dieses System flächendeckend einsetzt. Während Großbritannien 2011 in einem Referendum die Präferenzwahl ablehnte – Premier David Cameron nannte sie „unfair, obskur und verrückt“ –, schwört Australien darauf. Als Grund wird häufig genannt, dass es Wählern ermögliche, mit ihren Politikern in mehr als einem Tonfall zu sprechen. Ex-Premier Kevin Rudd formulierte es so: „Es zwingt dich, zu denken: Welchen dieser Schmocks hasse ich wirklich am meisten? Welchen am zweitmeisten? Bis hin zu: Mit wem könnte ich vielleicht zurechtkommen?“
Auch hier war die Einführung 1918 weniger edel als praktisch: Premier Billy Hughes, der gerade von der Labor Party zu den Konservativen übergelaufen war, drohte eine Spaltung der konservativen Wählerschaft durch die aufkommende Bauernbewegung. Präferenzwahl rettete ihn – vorerst. Ironie der Geschichte: 2022 kostete dasselbe System den konservativen Premier Scott Morrison die Macht, als unabhängige Kandidaten nach Präferenzverteilung siegten.
Neutrale Beamte und strenge Regeln
Die Australian Electoral Commission (AEC) ist die vertrauenswürdigste öffentliche Institution des Landes. Ihre Wurzeln reichen bis 1856 zurück, als Südaustralien die erste permanente Wahlkommission gründete. William Boothby, Sohn eines Richters, entwickelte ein System, bei dem neutrale Beamte statt Politiker Wahlen durchführen. Heute behält die AEC bewusst analoge Verfahren bei. Ein Beispiel: Die Reihenfolge der Kandidaten auf dem Stimmzettel wird per Bingo-Roller ermittelt – mit verbundenen Augen – wobei das Publikum den Roller drehen darf. In den Wahlkabinen liegen Bleistifte – eine Tradition aus dem Jahr 1917, als bei einer Hitzewelle blaue Buntstifte unbrauchbar wurden. Seither gilt: Simpel schlägt technisch.
Wahlurnen dürfen vor dem Zählbeginn unter keinen Umständen geöffnet werden – selbst dann nicht, wenn versehentlich persönliche Gegenstände hineinfallen. „Das häufigste Fremdobjekt in Wahlurnen sind Eheringe“, erklärte der ehemalige Wahlkommissar Rogers. Doch egal, wie sentimental der Verlust ist – die Urne bleibt verschlossen, bis gezählt wird.
Kein Allheilmittel und trotzdem stabiler
Doch nicht alles ist so vorbildlich, wie man denken könnte: Von 1901 bis 1962 – mehr als die Hälfte der Demokratiegeschichte – waren Aboriginal People vom Wahlrecht ausgeschlossen. Gesetze über ihr Land, die Zwangsentfernung ihrer Kinder, die Kontrolle ihrer Löhne: All das wurde ohne ihre Stimme entschieden.
Australiens System ist kein Allheilmittel, aber es funktioniert – und zwar stabiler als viele andere Wahlsysteme. Etwa 70 Prozent der Australier unterstützen die Wahlpflicht, die in den vergangenen Jahrzehnten politische Extreme in Schach gehalten hat. In Europa zeigt sich, wie stark freiwillige Wahlen mit wachsender Politikverdrossenheit kollidieren können: In Deutschland gilt die Bundestagswahl 2025 mit rund 82,5 Prozent Beteiligung bereits als außergewöhnlich hohe Mobilisierung – und bleibt dennoch deutlich unter dem australischen Niveau von dauerhaft etwa 90 Prozent. In Frankreich dagegen sank die Beteiligung an den Parlamentswahlen in den letzten Jahren teils unter 50 Prozent, während gleichzeitig rechtspopulistische Parteien ihren Stimmenanteil kontinuierlich ausbauen konnten – ein Muster, das sich in mehreren EU-Ländern beobachten lässt.