Forscherin klärt auf
Warum wir ausgerechnet im Urlaub krank werden
Nach Weihnachten und Neujahr liegen viele mit Erkältung oder Migräne flach. Die „Freizeitkrankheit“ liefert eine Erklärung dafür, warum Symptome oft genau dann auftreten, wenn der Stress nachlässt.
Krank werden im Urlaub ist keine Seltenheit und es gibt wissenschaftliche Erklärungen Foto: Philip Dulian/dpa
Die Weihnachts- und Neujahrsfeiertage liegen hinter uns, und viele Menschen sind nun mit Erkältungen, Kopfschmerzen oder Erschöpfung zu Hause. Zufall? Eher nicht. Wissenschaftler bezeichnen dieses Phänomen als „Freizeitkrankheit“ – und es gibt tatsächlich Erklärungen dafür, warum wir ausgerechnet dann erkranken, wenn wir uns endlich entspannen wollen.
„Sie haben sich auf eine Pause gefreut und die geschäftigen letzten Wochen bei der Arbeit durchgestanden. Sie sind endlich bereit, sich zu entspannen. Und dann setzt Müdigkeit ein, Sie spüren das Kratzen im Hals und merken, dass Sie krank werden“, beschreibt Thea van de Mortel, emeritierte Professorin für Krankenpflege an der australischen Griffith University, die frustrierende Situation in einer Analyse.
Der Begriff „Freizeitkrankheit“ wurde bereits 2002 von niederländischen Forschern geprägt. In ihrer Studie befragten sie 1.893 Menschen und stellten fest, dass etwa drei Prozent angaben, während der Arbeitswoche selten krank zu sein, an Wochenenden oder im Urlaub jedoch relativ oft zu erkranken. Die typischen Symptome umfassten Kopfschmerzen, Müdigkeit, Erkältungen, Muskelschmerzen und Übelkeit – genau das, was viele gerade jetzt während der Feiertage erlebten.
Was die aktuelle Forschung zeigt
Dass es sich dabei keineswegs um ein Randphänomen handelt, zeigen auch neuere Daten: In einer repräsentativen Studie aus Deutschland (2025) gaben rund 72 Prozent der Beschäftigten an, zumindest gelegentlich das Gefühl gehabt zu haben, an freien Tagen oder im Urlaub krank zu werden oder sich erschöpft zu fühlen. Etwa 19 Prozent berichteten sogar, dieses Muster trete bei ihnen immer oder häufig auf. „Die Ergebnisse zeigen, dass die Erreichbarkeit außerhalb der Arbeitszeiten, hohe Arbeitsbelastungen sowie ein Mangel an Erholung und Entspannung klare Risikofaktoren für Krankheitssymptome an freien Tagen sind“, erklärt Stefanie André, Professorin für Gesundheitsmanagement an der IU International University of Applied Sciences und Expertin für Gesundheit am Arbeitsplatz.
Zugleich weisen Forschende auf methodische Grenzen hin. Viele Untersuchungen zur Freizeitkrankheit stützen sich auf Selbstauskünfte und Erinnerungen der Befragten, die unzuverlässig sein können. Dennoch gibt es weitere Hinweise auf zugrunde liegende Mechanismen: Eine Studie aus dem Jahr 2014 untersuchte „Entspannungskopfschmerzen“ bei Migränepatienten. Das überraschende Ergebnis: „Wenn sie an einem Tag eine Stressreduktion aufzeichneten, entwickelten sie typischerweise innerhalb der nächsten 24 Stunden eine Migräne“, erklärt van de Mortel. Gerade nach stressigen Vorweihnachtswochen könnte dieser Mechanismus viele Menschen treffen.
Ist das „nur Kopfsache“?
Die Befunde deuten darauf hin, dass weder reine Einbildung noch „schwache Abwehr“ das Phänomen erklären. Vielmehr liegt die Erklärung in der komplexen Beziehung zwischen Stress und Immunsystem. Chronischer Stress kann bedeuten, dass unser Cortisolspiegel dauerhaft auf hohem Niveau gehalten wird – langfristig schwäche dies die Immunabwehr, so die australische Expertin. Kurzfristig jedoch funktioniere Stress wie ein Aufputschmittel: Das Stresshormon Cortisol hat entzündungshemmende Eigenschaften, kann Schmerzen lindern und unsere Infektionsresistenz vorübergehend verbessern.
Der kritische Moment kommt, wenn dieser Mechanismus wegfällt. Zugleich spielt Psychologie eine Rolle: Während stressiger Phasen ist die Aufmerksamkeit stark auf Aufgaben und Termine fokussiert. Fallen diese weg, rückt der eigene Körper wieder in den Fokus – Beschwerden, die zuvor „mitliefen“, werden plötzlich als Krankheit wahrgenommen. Genau dieser Übergang von der stressigen Vorweihnachtszeit in die ruhigen Feiertage könnte bei vielen Menschen die Krankheitssymptome auslösen.
Hinzu kommen praktische Faktoren: Während der Feiertage reisen Menschen häufiger und sitzen in geschlossenen, überfüllten Räumen wie Flugzeugen, wo sie Keimen erhöht ausgesetzt sind. Auch der erhöhte Alkoholkonsum über die Feiertage kann laut der australischen Forscherin die Immunfunktion verringern. Feiertage bedeuten zudem oft – länger schlafen und später essen. Der biologische Rhythmus gerät durcheinander. Wer über Wochen früh aufsteht und dann abrupt in einen anderen Rhythmus wechselt, setzt den Körper zusätzlich unter Stress.
Van de Mortels Rat: „Aktiv zu bleiben, genug Schlaf zu bekommen und sich gesund und ausgewogen zu ernähren – auch wenn man beschäftigt ist – kann helfen, das Immunsystem zu stärken.“ Eine finnische Studie mit über 4.000 Probanden zeigte, dass regelmäßige Bewegung, besonders intensive, die Krankheitsanfälligkeit deutlich reduziere.