Ungarn
Streifzug durch Budapest: Die Melancholie der Befreiung
In Ungarn geht die Herrschaft des Rechtspopulisten Viktor Orbán nach 16 Jahren zu Ende. Doch der Systemwechsel wird nicht so einfach sein. Alte Seilschaften und ein schwieriges internationales Umfeld sind mehr als Wermutstropfen im Sieg von Péter Magyar.
Die Magyaren schicken den Autokraten Viktor Orbán in die Opposition und entscheiden sich für Demokratie Foto: Ferenc Isza/AFP
„Willkommen in einem freien Land!“, begrüßt mich László und nimmt meinen Koffer. In der Gewissheit, dass ich kein Anhänger von Viktor Orbán bin, lässt der Taxifahrer seiner Freude über die Wahlniederlage des ungarischen Ministerpräsidenten freien Lauf, als er mich vom Budapester Flughafen abholt. Es ist der Tag nach der Parlamentswahl, die einen überwältigenden Sieg von Péter Magyar und seiner konservativen Tisza-Partei brachte. Die 16-jährige Herrschaft des Rechtspopulisten Orbán ist damit beendet.
„Es war höchste Zeit“, sagt Laszlo. „Denn es ist ein korruptes System, eine Mafia, die Ungarn beherrscht.“ Orbán habe immer vorgegeben, dass er alles für das ungarische Volk tun würde, erklärt er weiter. „Aber er hat nur für die Reichen Politik gemacht, die einfachen Leute gingen leer aus. Schauen Sie, die Armut ist geblieben. Sie ist sogar noch größer geworden. Orbán beging Diebstahl zugunsten der Oligarchen.“ Während wir zu meinem Hotel in Buda fahren, kommen wir durch zahlreiche Vororte der ungarischen Metropole. Stadtteile mit Einfamilienhäusern wechseln sich ab mit Wohnsilos, die noch aus der kommunistischen Zeit stammen dürften.
Es ist mein dritter Besuch in Ungarn. Zum ersten kam es bereits 1989, dem entscheidenden Jahr der Wende, kurz nachdem der damalige ungarische Außenminister Gyula Horn (1994 bis 1998 Ministerpräsident) zusammen mit seinem österreichischen Amtskollegen Alois Mock in einem symbolischen Akt den Grenzzaun zum Nachbarland im Westen durchgeschnitten hatte und damit zur Öffnung des Eisernen Vorhangs beitrug. Damals war ich als Student des Geschwister-Scholl-Instituts an der Universität München, wo ich mehrere Seminare zur Demokratisierung in Mittel- und Osteuropa besuchte, in das Land gekommen.
Abenddämmerung an der Donau Foto: Editpress/Stefan Kunzmann
„Gulaschkommunismus“
Kurz zuvor hatte ich mich in einer wissenschaftlichen Arbeit mit dem ungarischen Volksaufstand der 1950er Jahre und der Reformphase unter Ministerpräsident Imre Nagy im Zuge der Entstalinisierung beschäftigt. Der Aufstand wurde jedoch durch die sowjetische Armee niedergeschlagen. Nagy, der für einen „menschlichen Sozialismus“ eintrat, wurde wegen Landesverrats und des versuchten Sturzes der „volksdemokratischen Staatsordnung“ zum Tode verurteilt und im Juni 1958 hingerichtet. Heute gilt er als Nationalheld. Sein Nachfolger wurde János Kádár. Als Generalsekretär der Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei (MSZMP) konnte er von der Sowjetunion einige Freiheiten für Ungarn abgewinnen, etwa die Einführung privatwirtschaftlicher Elemente. Damit wurde nicht nur die Versorgung der Menschen verbessert. Es entstand außerdem ein gewisses Freiheitsgefühl. Der Kádárismus, der auch „Gulaschkommunismus“ genannt wurde, sollte das Land bis zum Ende des kommunistischen Systems prägen.
Ich fahre mit László an einigen großen Neubauten vorbei, die in den letzten zwei Jahrzehnten entstanden sind. „Schauen Sie sich die vielen Projekte an. Ich will es gar nicht genau wissen, wie viel Korruption darin steckt. Am Anfang war Orbáns Politik nicht mal so schlecht. Ich hatte sogar Sympathie mit ihm“, sagt László. Der 51-Jährige erzählt, wie er nach Schweden emigriert war und nach zehn Jahren nach Ungarn zurückkehrte. „Ungarn ist meine Heimat. Ein schönes Land. Die Ungarn sollen hierbleiben. Aber viele sind ausgewandert. Heute dominiert der Fidesz-Filz. Das Land ist durch und durch verfilzt von Orbán und seinen Freunden.“

Wahlplakate einer Fidesz-Kandidatin Foto: Stefan Kunzmann
Gemeint ist Orbáns Partei Fidesz, auf Deutsch „Ungarischer Bürgerbund“. Als „Bund Junger Demokraten“ war er 1988 von jungen liberalen Intellektuellen in einem Budapester Studentenwohnheim gegründet worden. Die Organisation trug mit zum Fall des kommunistischen Systems bei und spielte zudem eine wichtige Rolle bei den Gesprächen am „Runden Tisch“. Schon damals war einer der Protagonisten Viktor Orbán, der durch eine Rede bei der Umbettung von Imre Nagy auffiel. Von 1992 bis 2000 war die Fidesz in der Liberalen Internationalen, Orbán deren Vizepräsident. Unter Orbán, von 1998 bis 2002 erstmals Ministerpräsident in einer Koalition mit der Kleinbauernpartei und dem christdemokratischen Demokratischen Forum, wurde die Fidesz eine konservative Partei und trat der EVP bei. Nach Umbenennungen, Spaltungen und Wandlungen ist die Partei heute autoritär, nationalistisch und illiberal.
Orbán-Klientelismus
Mein zweiter Aufenthalt in Ungarn fand 2003 vor dem Referendum über den Beitritt des Landes zur EU statt. Damals regierten die aus der ehemals sozialistischen Einheitspartei hervorgegangenen Sozialdemokraten. Die Zustimmung bei dem Referendum war mit 80 Prozent ziemlich hoch, die Wahlbeteiligung jedoch mit ungefähr 45 Prozent außerordentlich niedrig. Auf meine Bemerkung, dass es sich doch wohl auch um mit EU-Geldern geförderte Bauprojekte handeln könnte, geht László nicht ein. „Ich weiß, dass Orbán nicht diesen Unsinn mit Russland hätte anfangen sollen“, sagt er, während er sich über die zahlreichen Ampeln, an denen wir bei Rot stehen bleiben müssen, aufregt. „Dass er sich mit Wladimir Putin anfreundet, nur damit wir Öl kriegen“, sagt er und haut mit der Hand heftig aufs Lenkrad. „Und dass er mit Donald Trump gut kann, der seinen Stellvertreter nach Ungarn schickte, um eine längst verlorene Wahl zu retten. Ungarn gehört den Ungarn – und sonst niemandem.“ Wir fahren an Plakaten vorbei, auf denen Wahlsieger Péter Magyar von der Mitte-rechts-Partei Tisza zu sehen ist, neben dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Die Schwarz-Weiß-Porträts lassen die beiden Politiker wie auf Fahndungsplakaten aussehen. Darüber steht „veszélyek“, was „Gefahren“ bedeutet. Die beiden Politiker wurden im Fidsz-Wahlkampf als Komplizen dargestellt und die Ukraine als kriegerische Bedrohung gegen das friedliche Ungarn bezeichnet. „Alles billige Propaganda“, kommentiert dies László.
Allmählich kommt er auf die engen Beziehungen Ungarns zu China sowie auf Orbáns Bemühungen zu sprechen, chinesische Investitionen ins Land zu holen. Einige sind im Bereich der Elektromobilität angesiedelt. László spricht die chinesischen Batteriewerke in Ungarn an. CATL hat in Debrecen eine Fabrik errichten lassen, BYD in Szeged ein Autowerk gebaut. „Ich fahre seit Jahren einen Hybrid und würde gerne ganz auf ein Elektroauto umsteigen“, sagt der Taxifahrer. „Ich denke an die Umwelt, an die schöne Natur und an die Zukunft meines Sohnes.“ Der 24-Jährige sei in diesem Bereich tätig. Mehr kann László nicht mehr erzählen. Wir sind am Hotel angekommen.
Bevor ich auf meine Tour durch Budapest aufbreche, schmökere ich ein paar Seiten in László Krasznahorkais „Melancholie des Widerstands“. Es ist das erste Buch des ungarischen Schriftstellers und Literaturnobelpreisträgers von 2025, das ich lese. Es stammt aus dem Jahr 1989, als ich zum ersten Mal hier war, und beschreibt ein Gefühl des Untergangs und gesellschaftlichen Verfalls in einer kleinen Stadt, in die ein Wanderzirkus kommt und Unruhen auslöst. Es handelt außerdem von einem gestrandeten Riesenwal als Vorzeichen des Bösen. „Melancholie des Widerstands“ wurde nicht zuletzt als Buch über das zerfallende kommunistische System in Osteuropa interpretiert. Heute erinnert es auch an die ungarische Gegenwart, in der die politische Macht alle Bereiche und Institutionen kontrollieren will, von der Justiz über die Medien bis hin zu den kulturellen Einrichtungen.

Foto: AFP
TV-Schrott und Propaganda
Auf meinem Streifzug von Buda über die Donau nach Pest begegne ich Nicolett. Die 22-Jährige ist Schauspielschülerin und spricht mit mir über die Freude und Erleichterung der ungarischen Kulturschaffenden. „Orbáns Regierung hat Gelder gestrichen für Institutionen und Organisationen, die nicht in ihr nationalistisches Weltbild passten“, bestätigt sie. „Vor allem für unabhängige Theatergruppen und Bühnen ohne feste Ensembles ist massiv gekürzt worden. Das bedeutet auch weniger Produktionen. Aber für die kleinen Theater ist der Kampf ums Überleben noch härter geworden.“ Von Kunstfreiheit sei erst gar nicht die Rede, so die junge Budapesterin. Insbesondere junge Schauspieler, aber auch andere Künstler bis hin zur Filmszene kämen kaum noch über die Runden, sagt sie. „Ich meine dabei nicht den ganzen TV-Schrott und die Fidesz-Propaganda.“ Viele, die ihre Ausbildungen schon beendet haben, „nehmen alles an, was geht“, weiß Nicolett. „Das ist frustrierend.“

Überreste eines gescheiterten Wahlkampfes: Orbáns Konterfei an einer Bushaltestelle in Budapest Foto: Stefan Kunzmann
Mit Péter Magyar verbinde sie zwar Hoffnungen, „aber ganz so sicher bin ich mir da nicht“, fügt sie hinzu. „Er ist konservativ, er ist Nationalist“, sagt die Nachwuchsschauspielerin. Der Umbau der ungarischen Kulturlandschaft, unter Orbán begonnen, sei nicht von einem Tag auf den anderen rückgängig zu machen. Davon will Henrik nichts wissen. Der 34-Jährige war in der Nacht feiern. „Ich habe noch nie so eine große Party gesehen“, sagt er. „Bis drei Uhr war ich unterwegs.“ Einen Hangover habe er nicht, wehrt der Hotelangestellte ab, aber ziemlich müde sei er schon. „Wenn ich dran denke, dass Orbán fast die Hälfte meines Lebens Ministerpräsident war. Das ist eine viel zu lange Zeit. Genug ist genug.“ Er sei froh, dass Ungarn sich wieder mehr der EU zuwende, sagt Henrik. „Da liegt unsere Zukunft, nicht in Russland. Moskau unter Putin, das ist wie zu Sowjetzeiten. Das haben schon meine Eltern überwunden. Und ich bin froh, dass ich das nicht erlebt habe.“ Henrik hat auf dem Batthyani-Platz gefeiert, wo Magyar am Donauufer zu etwa Zehntausenden von Anhängern gesprochen haben soll und einen Neuanfang versprach.
Techno bis in den Morgen
„Bis in die Morgenstunden liefen Techno-Beats und es wurde darauf getanzt“, erzählt Henrik. „Auf den Straßen bildeten sich Autokorsos wie nach einem Sieg bei einem Fußballspiel.“ Er hält kurz inne und sagt dann: „Aber ernsthaft: Es muss sich viel ändern.“ Dazu gehöre die Korruption. Magyar hat etwa angekündigt, dass der Beitritt zur Europäischen Staatsanwaltschaft dazu beitragen soll. Zumindest stand es in seinem Wahlprogramm. Mit der Zweidrittelmehrheit der Tisza-Partei im neuen Parlament dürften viele Entscheidungen leichter fallen. Damit können die Verfassung und Gesetze im Verfassungsrang geändert werden.
Ganz so einfach werde es jedoch nicht sein, weiß Zoltán. Mit ihm treffe ich mich einen Tag später. Er arbeitet als Sozialwissenschaftler im Budapester ELTE-Forschungszentrum. „Hier hat das Verfassungsgericht ein Wörtchen mitzureden. Und das hat Orbán mit seinen Leuten besetzt“, sagt Zoltán. Zwar hat Orbán seine Niederlage noch am selben Abend eingestanden. Der Einfluss nach 16 Jahren an der Macht wird bleiben. „Vor allem auf dem Land ist die Fidesz stark, auch wenn sie auch dort bei den Wahlen an Zuspruch verloren hat“, stellt Zoltán fest. Der 43-Jährige ist selbst in der Nähe von Budapest aufgewachsen und lebt heute mit seiner Familie in der 1,7-Millionen-Stadt. Auch wenn der Sieg von Magyars Partei Tisza mit 53,1 Prozent hoch ausfiel und sie sich aufgrund des Wahlsystems eine Zweidrittelmehrheit sicherte, wird die Lage nicht einfacher.

Gefahren für Ungarn? Foto: Stefan Kunzmann
Magyar habe viel versprochen, aber alle seine Versprechen umzusetzen, habe einen hohen Preis. Es kostet im wahrsten Sinne des Wortes Geld, betont Zoltán, „und die Staatskassen sind leer“. Zwar wolle Magyar die eingefrorenen rund 18 Milliarden Euro an EU-Geldern wieder auftauen. Doch die finanziellen Hilfen zum Beispiel, die Orbán mit seiner Klientelpolitik verteilte, können nicht einfach rückgängig gemacht werden. Auch die verstärkte Wiederausrichtung auf die EU bedeute, sich an den Sanktionen gegenüber Russland zu beteiligen. „Ungarn ist jedoch unter anderem vom russischen Öl abhängig“, sagt Zoltán. „Die Ungarn haben vergleichsweise niedrig Energiekosten. Wenn Russland als Lieferant wegfalle, hätte dies schwere Konsequenzen.“
Die Polarisierung der Gesellschaft hat in jüngster Zeit zugenommen
Zoltán Kmetty
Sozialwissenschaftler
Als Orbán 2010 antrat, hatte Ungarn unter dem zuvor regierenden Sozialdemokraten Ferenc Gyurcsány die Auswirkungen der Weltfinanzkrise zu spüren bekommen. Jetzt, am Ende seiner Herrschaft, ist das Land einmal mehr heruntergewirtschaftet, weiß Zoltán, nicht zuletzt aufgrund der Verschwendung von öffentlichen Geldern zugunsten von Oligarchen, die für Aufträge deutlich höhere Preise abkassierten. Zoltán hat in jüngster Zeit viel über die Polarisierung der Gesellschaft geforscht. „Diese hat deutlich zugenommen“, bestätigt er. „Vor allem im letzten halben Jahr.“ Die internationale Situation ist heute in allen Belangen noch schwieriger geworden. „Das hat die Polarisierung weiter verschärft“, stellt Zoltán fest.
Aber dass insbesondere junge Wähler sich für einen Wechsel ausgesprochen haben, stimmt ihn optimistisch. Die Wahlbeteiligung war zudem mit rund 80 Prozent enorm. „Überall wird über Politik diskutiert“, sagt Zoltán, als wir aus dem Restaurant herauskommen und ein Café betreten. Auch wenn die linken Parteien deutliche Wahlverlierer sind und keine Rolle mehr spielen. So sind die Sozialdemokraten in der politischen Bedeutungslosigkeit verschwunden und scheiterten an der Fünf-Prozent-Hürde, über die außer Tisza und Fidesz (38,4 Prozent) nur noch die rechtsextreme Unsere-Heimat-Bewegung (MHM) mit 5,8 Prozent kam.

Partei des zweischwänzigen Hundes Foto: Stefan Kunzmann
Ich muss an den melancholischen Blick von László am Vortag denken. Auch wenn Magyar sagt, Ungarn sei nun befreit, und Orbán die Niederlage eingestanden und seinem Kontrahenten gratuliert hat, war in den Augen des Taxifahrers ein wenig Ratlosigkeit zu erkennen. Wie wird es mit Ungarn weitergehen? Im Stadtbild von Budapest sind zudem auch noch zwei Tage nach dem Urnengang die Plakate der linken Spaßpartei des „Zweischwänzigen Hundes“ nicht zu übersehen. Den Humor haben die Wähler nicht verloren. Köszönöm! Danke, Ungarn!