Spanien 

Sintflut nun auch in Barcelona: Warum sich in Valencia die Wut entlädt

Erst Valencia, nun Barcelona. Die explosive Unwetterfront, die Ende Oktober eine tödliche Regen- und Schlammflut in der spanischen Mittelmeerregion Valencia verursachte, legte am Montag weite Teile des nördlich liegenden Kataloniens lahm. Der heftig Starkregen im Großraum Barcelona, der Hauptstadt Kataloniens, überschwemmte Straßen und Autobahnen.

Die Aufräumarbeiten in der von der Flutkatastrophe heimgesuchten spanischen Stadt Valencia werden wohl noch viele Tage, wenn nicht Wochen in Anspruch nehmen

Die Aufräumarbeiten in der von der Flutkatastrophe heimgesuchten spanischen Stadt Valencia werden wohl noch viele Tage, wenn nicht Wochen in Anspruch nehmen Foto: AFP/José Jordan

Auch Teile des Flughafens und dessen Zufahrtswege standen unter Wasser. Viele Reisende hingen auf dem Airport fest. Die Zugverbindungen zum Flughafen waren unterbrochen. Viele Flüge mussten abgesagt oder umgeleitet werden. In nahezu der ganzen Region Katalonien wurde der Eisenbahnverkehr gestoppt.

Die Regionalregierung löste für Barcelona und benachbarte Landkreise die höchste Alarmstufe aus. Die Bürger wurden aufgefordert, zu Hause zu bleiben und nicht Auto zu fahren. Die katalanische Stadt Tarragona war ebenfalls betroffen. Die Mittelmeerautobahn AP-7 musste stellenweise gesperrt werden. In Katalonien befindet sich mit der Urlaubsküste Costa Brava nördlich Barcelonas eines der meistbesuchten Feriengebiete Spaniens.

Auf Fernsehbildern konnte man sehen, wie in der Nähe der Stadt Castellfels, einem Vorort Barcelonas, Fahrzeuge samt Insassen auf einer Schnellstraße vom Wasser eingeschlossen waren. Der Wetterdienst meldete, dass örtlich 150 bis 200 Liter Regen fielen – ein Vielfaches dessen, was normalerweise im gesamten Herbst gemessen wird.

Der Wetterdienst warnte in Katalonien vor ähnlich sintflutartigen Regenfällen, wie sie sich am 29. Oktober in der benachbarten Region Valencia ereigneten. Dort hatten sich nach der schlimmsten Regenflut seit Jahrzehnten im bergigen Hinterland gewaltige Sturzbäche gebildet. Diese hatten dann in den tiefer gelegenen Ortschaften für eine verheerende Flut gesorgt, in der mehr als 200 Menschen umkamen.

Aufgeheizte Stimmung

Auch eine Woche nach der verhängnisvollen Katastrophe in der Provinz Valencia bietet sich auf vielen Straßen der Region immer noch ein trostloses Bild. Zwar steht kein Wasser mehr auf den Straßen, doch links und rechts der Fahrbahnen türmen sich stinkende Berge auf, mit Müll, unbrauchbaren Möbeln und Autowracks. Viele Menschen, die mit dem Aufräumen beschäftigt sind, tragen Mund-Nasen-Schutz.

„Wir fühlen uns von den Behörden alleingelassen“, klagen die Betroffenen in den verwüsteten Ortschaften. Die Wut der Menschen über die schleppende Hilfe hatte sich am Sonntag beim Besuch des spanischen Königspaars entladen. Als König Felipe und Königin Letizia den besonders schlimm betroffenen Ort Paiporta besuchten, wurden sie beschimpft und mit Schlamm sowie Steinen beworfen. Spaniens Regierungschef Pedro Sánchez, der die Royals begleitete, wurde von hinten mit einem Knüppel geschlagen und daraufhin von Leibwächtern in Sicherheit gebracht.

Felipe und Letizia versuchten unterdessen, die zornige Menge zu beruhigen und mit den Menschen zu reden. Doch viele Gespräche kamen in der aufgeheizten Stimmung nicht zustande. „Wenn ihr schon kommt, dann nehmt eine Schaufel in die Hand und helft mit“, hörte man einen Mann rufen. Ein anderer schrie: „Euer Besuch behindert uns beim Aufräumen in der Straße.“ Und: „Jetzt ist nicht die Zeit, um für Fotos zu posieren, sondern um Verantwortung zu übernehmen.“

Immer wieder skandierte die Menge „Haut ab!“. Auch die Rufe „Mörder, Mörder“ kamen auf, weil man den Behörden vorwirft, die Bevölkerung nicht rechtzeitig gewarnt zu haben. Als einer von Letizias Leibwächtern von einem Stein am Kopf getroffen wird und eine blutende Platzwunde davontrug, brach Letizia in Tränen aus.

„Die Hilfe kommt nicht an“

Auch das Königspaar musste wenig später den Besuch abbrechen. Felipe, der durch Regenschirme gegen Wurfgeschosse geschützt wurde, hörte man noch sagen: „Unsere Hilfskräfte unternehmen alles Menschenmögliche.“ Am Wochenende, fünf Tage nach der Tragödie, waren 5.000 Soldaten und 5.000 Polizisten zur Verstärkung der Helferarmee in die Region eingetroffen.

Aber diese Unterstützung kommt spät: Bisher mussten sich viele betroffene Dörfer weitgehend selbst helfen. Paiportas Bürgermeisterin Maribel Albalat, in deren Ort mehr als 70 Menschen starben, sagte nach den Vorfällen: „Ich verstehe die Verzweiflung der Menschen.“ Aber Gewalt sei trotzdem nicht gerechtfertigt. Inzwischen ermittelt die Polizei, weil der Protest von militanten rechtsradikalen Gruppen benutzt worden sein soll, um Ausschreitungen zu provozieren.

Die Not in Paiporta und andernorts ist auch eine Woche nach der Katastrophe immer noch groß. „Die Hilfe kommt nicht an“, klagt Albalat. 90 Prozent aller Fahrzeuge dieser Kleinstadt mit 27.000 Einwohnern sind zerstört worden, berichtet sie. Die Straßen sind immer noch mit Autowracks und Trümmerbergen verstopft. Die Lage sei weiter „apokalyptisch“.

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