Kolumbien

Präsidentschaftswahl als Test für die Linke inmitten von Gewalt

Fortsetzung der Linkspolitik oder Rechtsruck: Vor dieser Entscheidung stehen die Kolumbianer bei der Präsidentschaftswahl am Sonntag.

Präsidentschaftskandidaten Ivan Cepeda, Paloma Valencia und Abelardo de la Espriella bei Wahlkampfveranstaltung, Porträts nebeneinander

V.l.: die Präsidentschaftskandidaten Ivan Cepeda, Paloma Valencia und Abelardo de la Espriella Fotos: AFP/Raul Arboleda, Jaime Saldarriaga

Als aussichtsreichster Kandidat gilt der linksgerichtete Senator Iván Cepeda. Er will den Kurs des scheidenden Amtsinhabers Gustavo Petro weiterführen, dem ersten linken Präsidenten in der Geschichte des südamerikanischen Landes. Überschattet wird die Wahl von einem deutlichen Anstieg der Gewalt.

Petro darf laut Verfassung nicht wieder antreten. In den vier Jahren seiner Amtszeit sank die Arbeitslosigkeit und der Mindestlohn stieg um 75 Prozent. Doch obwohl die Regierung mit den Guerilla- und paramilitärischen Gruppen sowie mit den Drogenbanden verhandelte, verschlechterte sich die Sicherheitslage deutlich.

Cepeda, dessen Vater – ebenfalls ein Linkspolitiker – 1994 ermordet wurde, will die Friedensgespräche fortsetzen. In der Abschlusskundgebung des Wahlkampfs versprach der 63-jährige Menschenrechtsanwalt und Philosoph in soziale Programme zu investieren und den Staat „in den Dienst“ der „Ausgeschlossenen“ zu stellen.

„Ich gebe ihm meine Stimme, weil sich mein Leben unter dieser Regierung verändert hat“, sagt die 23-jährige Natalia Rojas aus der Hauptstadt Bogotá. „Ich konnte kostenlos studieren und das war eine finanzielle Entlastung für meine Familie.“

Um in der ersten Runde der Präsidentschaftswahl zu gewinnen, muss Cepeda mehr als die Hälfte der Stimmen auf sich vereinen. Meinungsforscher sagen jedoch eine Stichwahl am 21. Juni gegen den rechtsgerichteten Anwalt Abelardo de la Espriella voraus. Der 47-jährige Millionär - Spitzname „der Tiger“ – hat keine politische Erfahrung. Im Wahlkampf trat er in einer kugelsicheren Weste auf und forderte eine harte Gangart gegen Guerilla und Drogenbanden.

Dauerproblem bewaffnete Konflikte

Als Präsident wolle er mit Unterstützung der USA mit Luftangriffen gegen die bewaffneten Gruppen vorgehen und die Koka-Anbauflächen vernichten, sagte De la Espriella in einem Interview mit der Nachrichtenagentur AFP. Wie der Präsident von El Salvador, Nayib Bukele, will er Megagefängnisse bauen, in denen die Häftlinge von „Wasser und Brot“ leben sollen. Auch US-Präsident Donald Trump ist für ihn ein Vorbild.

In den Umfragen liegt De la Espriella knapp vor der zweiten rechten Kandidatin, der Senatorin Paloma Valencia. Im Gegensatz zu anderen lateinamerikanischen Ländern wie Argentinien, Peru oder Chile, die einen Rechtsruck vollzogen haben, zeigt die Linke in Kolumbien kaum Anzeichen von Schwäche. „Diese Wahl ist vom Klassenkampf geprägt, darin liegt die Stärke“ der Linken, sagt der Politikwissenschaftler Álvaro Forero.

Die Opposition konzentriert sich auf die Verschlechterung der Sicherheitslage, für die sie die Politik des „totalen Friedens“ von Präsident Petro verantwortlich macht. Damit versuchte dieser vergeblich, die kriminellen Gruppen zu entwaffnen, die trotz des Friedensabkommens von 2016 mit der Farc-Guerilla weiter aktiv sind.

Kolumbien leidet seit Jahrzehnten unter bewaffneten Konflikten, an denen neben der Armee und linken Guerillagruppen auch rechte Paramilitärs und Drogenbanden beteiligt sind. Viele der bewaffneten Gruppen Kolumbiens, die einst linken oder rechten Ideologien anhingen, sind heute kriminelle Banden, die sich insbesondere durch den lukrativen Kokainhandel finanzieren.

Experten schätzen, dass diese Gruppen die Verhandlungen mit der Regierung nutzten, um sich zu stärken und noch größeren Einfluss auf den Anbau von Koka, dem Grundstoff von Kokain, zu gewinnen. Kolumbien ist der weltweit größte Produzent der Droge.

Große wirtschaftliche Herausforderungen

„2025 war sehr schlimm. Die Entführungen haben im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 110 Prozent zugenommen“, sagt Juanita Goebertus von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. Im Juni vergangenen Jahres wurde der rechtsgerichtete Präsidentschaftskandidat Miguel Uribe bei einer Wahlkampfveranstaltung ermordet. Auch zahlreiche Gemeindevorsteher und Zivilisten wurden getötet. Die drei führenden Präsidentschaftskandidaten erhielten nach eigenen Angaben alle Morddrohungen.

Den nächsten Präsidenten erwarten auch große wirtschaftliche Herausforderungen: Das Haushaltsdefizit beträgt fast sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), die Staatsverschuldung über 64 Prozent des BIP. Präsident Petro übernahm nach der Pandemie eine schwache Wirtschaft und griff auf die Staatskasse zurück, um seine Sozialpolitik zu finanzieren.

„Es geht darum, ob die von Petro angestrebten Reformen fortgesetzt oder gestoppt werden. Aber die Opposition hat den Fehler begangen, indem sie im Wesentlichen ein ‚Weg mit Petro!‘ anbietet“, sagt Politologe Forero. „Das ist keine Vision für die Zukunft, sondern der Blick zurück.“ (AFP)

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