Deutschland

Organspenden nur auf freiwilliger Basis

Emotional und trotzdem sachlich debattiert der deutsche Bundestag über die Organspende – und entscheidet klar für Freiwilligkeit.

Deutschlands Gesundheitsminister Jens Spahn hatte sich bis zuletzt für die Widerspruchslösung starkgemacht

Deutschlands Gesundheitsminister Jens Spahn hatte sich bis zuletzt für die Widerspruchslösung starkgemacht Foto: Odd Andersen/AFP

Die Gegner sitzen manchmal nebeneinander. Wie Hilde Mattheis gleich vorne neben Karl Lauterbach. Die beiden SPD-Politiker sind die ersten Redner pro und contra. Es gibt keine Fraktionen mehr. Nur noch Argumente. Der Bundestag erlebt beim Thema Organspende eine Debatte, von der die Schulklassen auf der Tribüne so einiges lernen können: Emotion, Moral, Grundrechte. Alles auf hohem Niveau. Und dann eine Entscheidung mit Mehrheit, nach der niemand Türen schlagend den Saal verlässt. Trotzdem dösen einige der Jugendlichen.

Jeweils rund 200 Abgeordnete haben einen der beiden Gesetzesvorschläge unterzeichnet. Es geht um die Grundsatzfrage, ob die Menschen von vornherein als Organspender betrachtet werden (Widerspruchslösung), oder dazu erst aktiv ihre Zustimmung geben müssen, wofür die Werbung verstärkt werden soll (Zustimmungslösung). Rund 300 Abgeordnete sind also unentschieden. Um sie geht es, und viele von ihnen sitzen auch im anfangs nur halbvollen Saal. Darunter SPD-Fraktionsgeschäftsführer Carsten Schneider, der am Mittwoch noch gesagt hat, er wisse wirklich noch nicht, wie er abstimmen werde. Nach einer Stunde konzentrierten Zuhörens klatscht er zum ersten Mal bei einem Redner für die Widerspruchslösung, scheint also von dieser überzeugt worden zu sein.

Lungenteile von den Eltern

Vielleicht, weil es dafür die emotionalsten Auftritte gibt. Denn die Anhänger beanspruchen für sich, schnell eine deutliche Erhöhung der Spenderzahlen erreichen zu können. Karl Lauterbach erklärt, fast alle anderen Länder in Europa hätten die Widerspruchslösung und deutlich mehr Spender. „Wir sind Schlusslicht.“ Am stärksten prägt sich wohl die CDU-Politikerin Gitta Connemann ein, die leise mit dem Satz anfängt: „Wissen Sie, wie es ist, wenn man auf einen Anruf wartet? Und wartet und wartet?“ Und dann von ihrem Mitarbeiter „Wendt“ erzählt, der unheilbar krank wurde, ein Spenderorgan brauchte, aber nicht bekam und im Sommer letzten Jahres starb. „Wendt hat 130.000 Minuten gewartet“, sagt Connemann leise und bittet inständig um Zustimmung zur Widerspruchslösung. „Für alle, die noch warten, für Wendt, für Lebenszeit“.

Claudia Schmidtke, ebenfalls CDU-Abgeordnete und Ärztin, erzählt das Beispiel eines jungen Mannes, der acht Jahre auf eine Lungenspende gewartet habe. Bis schließlich seine Eltern ihm unter hohem Risiko für ihr eigenes Leben Teile ihrer Lunge gaben. Schmidtke hat diese Familie mitgebracht, sie sitzt auf der Tribüne. Der junge Mann mit Atemschutzmaske. Mit einer minimalen Änderung des Gesetzes könne man eine große Wirkung entfalten, sagt Schmidtke und wird eindringlich: „Ich bitte sie, gehen Sie diesen Schritt.“

Die stärksten Reden für die Gegenseite halten zwei frühere Gesundheitsminister. Ulla Schmidt (SPD) sagt, dass man mit einem System der aktiven, positiven Zustimmung zur Organspende viel mehr für die Spendenbereitschaft erreiche als mit einer Widerspruchslösung. Und Hermann Gröhe (CDU) ruft aus, dass das Recht auf körperliche Unversehrtheit bedingungslos gelten müsse. „Das Selbstbestimmungsrecht ist ein Anker unserer ethischen Grundüberzeugungen.“ Es steht Moral gegen Moral, Ethik gegen Ethik.

AfD und Grüne gegen Widerspruchslösung

Was fast völlig fehlt in der Debatte, ist Polemik. Zwei unrühmliche Ausnahmen gibt es. AfD-Mann Paul Podolay nennt die vorgeschlagene Widerspruchslösung „eine sozialistische Gängelung“ und wird parteipolitisch. Dass die „ehemals freiheitliche CDU“ so etwas ebenfalls unterstütze, zeige, „dass die AfD die einzige freiheitliche Partei ist“, sagt er. Tatsächlich lehnt nicht nur die AfD die Widerspruchslösung mit Ausnahme von vier Abgeordneten ab, auch bei den Grünen sagen 60 von 67 Abgeordneten hierzu Nein. Die andere Ausnahme bildet der SPD-Politiker Thomas Oppermann, Befürworter der Widerspruchslösung, der einiges Missfallen erzeugt, als er sagt, es gebe zu viele „auf sich selbst bezogene, egoistische Individuen“, die sich nicht entscheiden wollten, ob sie nach ihrem Tod ein Organ spenden oder nicht. Während andere Menschen stürben. Was Oppermann übersieht: In dieser Debatte macht eigentlich keine Seite der anderen moralische Vorwürfe. Im Gegenteil, viele Redner betonen wie Annalena Baerbock, Grüne: „Wir sind heute hier, um Leben zu retten. Das gilt für beide Entwürfe.“

Gegen Ende der Debatte füllt sich der Saal, es kommen nun auch jene zur Abstimmung herein, die schon vorher entschieden waren. Zuerst wird über die Widerspruchslösung entschieden. Sie fällt in namentlicher Abstimmung mit 292 gegen 379 Stimmen deutlicher als erwartet durch, obwohl sich Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) als letzter Redner noch einmal mächtig für sie ins Zeug geworfen hat. Die Zustimmungslösung findet mit 382 Stimmen gegen 261 Stimmen hingegen eine Mehrheit. Auffällig ist, dass niemand so recht klatscht, als das Ergebnis bekannt gegeben wird. Das Thema ist zu ernst für Triumphe.

Lesen Sie die andere Seite: In Spanien wird jeder als potenzieller Organspender angesehen, der nicht ausdrücklich widerspricht. Aber es wird auch bei dieser Widerspruchslösung immer ein Einverständnis eingeholt: Soweit der Patient nicht mehr befragt werden kann, haben die Angehörigen das letzte Wort. Und nirgendwo ist die Spendenbereitschaft höher.

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