Der Fluch des schwarzen Mönchs
Neun Präsidenten in zehn Jahren: Die lange Vorgeschichte zu den Präsidentschaftswahlen in Peru
Neun Präsidenten in zehn Jahren, mehrere davon sind heute hinter Gittern. Es ist, als hätte sich jemand gegen Peru verschworen. Am 12. April findet der erste Wahlgang zur Präsidentschaft in dem südamerikanischen Land statt.
Vladimiro Montesinos im Jahr 2000, damals noch die rechte Hand von Präsident Alberto Fujimori Foto: Jaime Razuri/AFP
Am Nachmittag des 10. Oktober 1991 holte Melissa Alfaro Méndez das Zeitungspaket der regierungskritischen Wochenzeitung Cambio an der Rezeption der Redaktion in Lima ab. Sie war 23 Jahre alt und Journalistin. Kaum hatte sie ein paar Schritte gemacht, als eine Explosion den Block im Stadtteil Lince erschütterte. Die Zeitungsrolle war mit einem batteriebetriebenen Sprengstoffband und einem elektrischen Zünder versehen. Melissa Alfaro Méndez starb auf der Stelle. Ein weiterer Sprengsatz nahm einem Nachbarn der Wochenzeitung das Leben, Víctor Ruiz León.
Peru war in den 1980er- und 1990er-Jahren von einem bürgerkriegsähnlichen Konflikt geprägt. In der Provinz Ayacucho herrschte der „Sendero Luminoso“ (Leuchtende Pfad). Die Guerilla-Organisation, deren Ursprung in dieser Hochlandregion lag, hatte es sich unter ihrem Anführer, dem früheren Philosophieprofessor Abimael Guzmán, zum Ziel gesetzt, den Staat gewaltsam abzuschaffen und eine neue Gesellschaftsordnung nach maoistisch-revolutionärem Muster zu errichten.
Karte: Freeworldmaps.net
Alberto Fujimori, Sohn von japanischen Einwanderern und Baumwollpflückern sowie unter anderem Unirektor und Moderator einer Fernsehtalkshow, hatte für die rechtsgerichtete Partei „Cambio 90“ die Präsidentschaftswahl 1990 mit 56,5 Prozent der Stimmen gegen den Schriftsteller und späteren Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa gewonnen. In seinen beiden Amtszeiten bis 2000 hatte er einige Erfolge vorzuweisen. Fujimori führte eine „Schocktherapie“ durch, um die Inflation zu senken, liberalisierte die Märkte und privatisierte staatliche Unternehmen, setzte eine Währungsreform um und verkleinerte den Staatsapparat. 1994 erreichte Peru mit 12,3 Prozent das höchste Wirtschaftswachstum seiner Geschichte. Zugleich war der peruanische Staat aber nur eine Scheindemokratie. Fujimori löste zum Beispiel das Zweikammersystem auf, was als „autogolpe“ (Selbstputsch) bezeichnet wurde, und errichtete eine Regierung des „Notstands und der nationalen Umstrukturierung“.
Die Wahlen 1995 gewann Fujimori gegen den ehemaligen UN-Generalsekretär Javier Pérez de Cuéllar mit 62 Prozent. Im April 2000 gewann er die Wahlen gegen den Oppositionsführer Alejandro Toledo Manrique. Doch der innenpolitische Druck wurde aufgrund der offensichtlich manipulierten Wahlen so groß, dass der autokratisch regierende Staatschef den Weg für Neuwahlen freigeben musste, zu denen er nicht mehr antrat. Nach einer Asien-Reise als Staatschef blieb er in Japan, während er in Peru für amtsunfähig erklärt wurde. Er erklärte per Fax seinen Rücktritt.
Weil Fujimori neben der peruanischen auch die japanische Staatsbürgerschaft besaß, war er im Land seiner Vorfahren vor einer Auslieferung nach Peru geschützt, jedoch wurde er bei der Einreise nach Chile im November 2005 wegen eines internationalen Haftbefehls festgenommen. Fujimori wurde in dem Nachbarland im Juni 2007 unter Hausarrest gestellt und im September desselben Jahres nach Peru ausgeliefert.
Die Staatsanwaltschaft warf ihm unter anderem die Verantwortung für zwei Massaker an den maoistischen Rebellen des „Sendero Luminoso“ sowie Korruption und Folter vor. Das Oberste Gericht Perus verurteilte das Ex-Staatsoberhaupt im April 2009 unter anderem aufgrund seiner Verantwortung für den Einsatz von Todesschwadronen zu 25 Jahren Gefängnis. Im Juli 2009 wurde Fujimori außerdem wegen Korruption zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt. Im Dezember 2017 begnadigte der damalige Präsident Pedro Pablo Kuczynski den zu diesem Zeitpunkt 79-Jährigen. Fujimori wurde vorzeitig aus der Haft entlassen. Er starb 2024 im Alter von 86 Jahren.
Blutige Strategie gegen den Terror
Im Kampf gegen die Guerilleros setzte Fujimori auf eine umfassende Anti-Terror-Strategie, die zur weitgehenden Zerschlagung der Guerilla-Organisationen „Sendero Luminoso“ und „Movimiento Revolucionario Túpac Amaru“ (MRTA) und der Festnahme ihrer führenden Köpfe wie etwa Abimael Guzmán und Víctor Polay führte. Allerdings kam es dabei zu zahlreichen Menschenrechtsverletzungen. Laut dem Abschlussbericht der Kommission für Wahrheit und Versöhnung kamen bei den Konflikten zwischen 1980 und 2000 etwa 70.000 Menschen ums Leben, darunter viele Zivilisten. Ein erheblicher Teil gehörte indigenen Gruppen an.
Neben der Einbindung der ländlichen Bevölkerung und der Bewaffnung und Schulung sogenannter „Comités de Autodefensas“ gehörte auch eine Intensivierung der nachrichtendienstlichen Tätigkeiten von Militär und Polizei zu Fujimoris „antisubversiver“ Politik. Es war die große Zeit von Vladimiro Montesinos, dem Chef des Nationalen Geheimdienstes (SIN). Cambio war eine Wochenzeitung, die sich gegen Fujimori stellte. Daher erhielt sie ständig Drohungen. Eine Zeit lang wurde der Anschlag dem Leuchtenden Pfad zugeschrieben, doch dann richtete sich der Verdacht gegen die Streitkräfte und die Todesschwadronen von Montesinos.
Erst 35 Jahre später, Ende März dieses Jahres, hat die Familie von Melissa Alfaro Méndez Gerechtigkeit erfahren: Der 1945 geborene Montesinos wurde zu 20 Jahren Haft verurteilt. Die Justiz befand ihn des Mordes für schuldig. Es war einer von mehreren Prozessen gegen Montesinos in den vergangenen Jahren. So wurde er etwa 2024 aufgrund eines der Massaker, die er angeordnet hatte, verurteilt. Damals wurden nördlich von Lima sechs Menschen von der paramilitärischen Gruppe Colina gefoltert und getötet. Colina unternahm keinen Schritt ohne den Befehl von Montesinos.
Dieser hatte 1965 in Panama die berüchtigte „Escuela de las Américas“ absolviert. Bereits in den 70er-Jahren war er als Hauptmann der Armee an Verschwörungen beteiligt, die sich gegen die Gewerkschaften richteten. Er reiste in die USA und verkaufte Geheimnisse der peruanischen Armee an die CIA. Daraufhin wurde Montesinos aus der Armee entlassen und wegen Verrats zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Er studierte Jura und verteidigte danach Drogenhändler sowie in den Drogenhandel verstrickte Polizisten. 1983 wurde er wegen Anzettelung eines Militärputsches vor ein Militärgericht gestellt, aber freigesprochen. Später wurde bekannt, dass Montesinos von dem kolumbianischen Drogenboss Pablo Escobar 1989 eine Million US-Dollar für den Wahlkampf Fujimoris erhalten hatte. Zudem lieferte er Letzterem geheimdienstliche Erkenntnisse über den gegnerischen Kandidaten Vargas Llosa bei den Wahlen 1990.

Keiko Fujimori hat gute Chancen, endlich in die Fußstapfen ihres Vaters treten zu können Foto: Ernesto Bernavides/AFP
Seit 2001 hinter Gittern, dürfte Fujimoris Berater und einstige rechte Hand – dem der Staatschef umgerechnet etwa elf Millionen Euro aus dem Verteidigungsetat bezahlt hatte, offiziell als „Entschädigung“ deklariert – wohl erst im September 2037 im Alter von 92 Jahren aus dem Gefängnis entlassen werden. In lateinamerikanischen Medien oft als „monje negro“ (schwarzer Mönch) bezeichnet, hatte Montesinos, neben seinen guten Verbindungen zum Drogenhandel, ein Korruptionsnetzwerk in allen Bereichen der peruanischen Gesellschaft aufgebaut, in das hohe Beamte, Kongressabgeordnete, Unternehmer und verschiedene weitere Persönlichkeiten verwickelt waren, die er in seinem Büro auf Video aufzeichnete. Eines dieser Videos führte im Jahr 2000 zum Rücktritt Fujimoris: Ein oppositioneller Kongressabgeordneter ließ es ausstrahlen; es zeigte Montesinos bei der Übergabe eines Geldbetrags in Höhe von 15.000 US-Dollar an einen anderen Oppositionsabgeordneten für dessen Übertritt in die Wahlallianz des Präsidenten.
Im vergangenen Jahr trat Montesinos im Gefängnis der politischen Partei „Por amor al Perú“ bei. Eine Zeit lang war darüber spekuliert worden, ob die Partei Montesinos als Kandidaten für die Präsidentschaftswahlen am 12. April aufstellen würde, wenn seine Strafe mit den Jahren verrechnet würde, die er bereits im Gefängnis verbracht hatte. Ein Gericht erklärte die Strafe zunächst für verbüßt. Auf diese Weise hätte er im Juni 2026, im Alter von 81 Jahren, auf freien Fuß kommen können. Doch seine Rückkehr in die Politik ist vom Tisch. Der Oberste Gerichtshof hob das Urteil auf, das ihm eine vorzeitige Entlassung aus dem Gefängnis ermöglicht hätte. Montesinos sitzt im Gefängnis Ancón II nördlich von Lima, nachdem er mehr als 20 Jahre in einem Trakt der Marinebasis Callao verbüßt hatte.
Luxemburger Konten des „schwarzen Mönchs“
Mehr als ein Jahr nach seiner Festnahme in Venezuela im Juni 2001 war Montesinos bereits in mehr als 60 Punkten schuldig gesprochen. Derweil richtete in Luxemburg der damalige „déi gréng“-Abgeordnete Robert Garcia eine Dringlichkeitsanfrage an Luc Frieden, zu jener Zeit Justizminister, zum Fall Montesinos. Denn der „schwarze Mönch“ hatte mehr als zehn Millionen US-Dollar bei Luxemburger Banken deponiert. Dabei handelte es sich um Schwarzgeld, das aus illegalen Waffengeschäften stammte. Es wurde in Luxemburg 2002 von Doris Woltz beschlagnahmt, damals Untersuchungsrichterin und heute Leiterin des Luxemburger Geheimdienstes (SREL).
Das zuständige Gericht prüfte jedoch erst 2017 die Ansprüche auf das beschlagnahmte Geld. Es dauerte weitere drei Jahre, bis das Geld schließlich nach Peru zurückfloss, weil Luxemburg nach Angaben des Justizministeriums an Auflagen hinsichtlich der Verwendung gebunden war. Ein peruanisches Gesetz aus dem Jahr 2018 erlaubt die Rückführung gestohlener Vermögenswerte aus ausländischen Bankkonten. Nach Luxemburg erklärte sich auch die Schweiz bereit, umgerechnet gut 13 Millionen an Peru zurückzugeben. Ende 2024 wurde eine weitere Million US-Dollar von Luxemburg an Peru zurückgegeben, das aus dem Bankkonto eines flüchtigen peruanischen Unternehmers stammte, der mit Montesinos in Verbindung stand.
Fujimori war nicht der einzige peruanische Ex-Präsident, der im Gefängnis landete. Dieses Schicksal ereilte u.a. auch Alejandro Toledo Manrique (2001-2006) und Linkspopulist Pedro Castillo (2021-2022). Toledo setzte sich bei der Stichwahl im Juni 2001 gegen Ex-Präsident Alan García durch. Der Wirtschaftswissenschaftler Toledo war der erste Peruaner mit indigenen Wurzeln im Präsidentenamt. Er hatte zwar ein Ende der grassierenden Korruption und Vetternwirtschaft angekündigt. Doch seine Präsidentschaft war von Unruhen und einer Wirtschaftskrise geprägt. In Zusammenhang mit dem Korruptionsskandal um den brasilianischen Baukonzern Odebrecht wurde Toledo ab 2017 mit internationalem Haftbefehl gesucht, nach Peru ausgeliefert und 2024 wegen Korruption zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt. Der frühere Lehrer und Gewerkschaftsführer Castillo wurde im November 2025 u.a. wegen Rebellion, eines versuchten Staatsstreichs und Amtsmissbrauchs zu elfeinhalb Jahren Haft verurteilt.
Gefängniszelle statt Präsidentenpalast
Als José María Balcázar von der linken Partei „Perú Libre“ im Januar sein Amt als Übergangspräsident antrat, war bereits klar, dass seine Amtszeit nur bis 28. Juli dauern würde. Der 83-Jährige ist mittlerweile der neunte Präsident in zehn Jahren, der Peru regiert.* Sein Vorgänger José Jerí war durch inoffizielle Treffen mit chinesischen Unternehmen und Unregelmäßigkeiten bei der Vergabe von Regierungsposten in Ungnade gefallen und des Amtes enthoben worden. Der letzte Präsident, der seine fünfjährige Amtszeit beendete, war der frühere Oberstleutnant Ollanta Humala von der Nationalistischen Partei (PNP) von 2011 bis 2016. Er wurde im April 2025 wegen Geldwäsche in Zusammenhang mit dem Odebrecht-Skandal zu 15 Jahren Haft verurteilt. Gegen Kuczynski (2016-2018), Sohn des nach Peru ausgewanderten deutschen Bakteriologen Max Kuczynski und Cousin des französischen Filmregisseurs Jean-Luc Godard, und Dina Boluarte (2022-2025), erste Frau an der Spitze des Landes, laufen noch Verfahren.
Die peruanische Parteienlandschaft der Gegenwart ist extrem fragmentiert. Als Favoriten auf die Präsidentschaft gelten der Geschäftsmann und Bürgermeister von Lima, Rafael López Aliaga, von der rechten Partei „Renovación Popular“. Dahinter machen sich mehrere weitere Kandidaten Hoffnungen, wie etwa der Komiker und Fernsehmoderator Carlos Álvarez von der Partei „País para todos“, Roberto Sánchez von der linken „Juntos por el Perú“ und der Ex-Kultur- und Verteidigungsminister Jorge Nieto, übrigens ein Neffe von Vladimiro Montesinos, von dem eher progressiven „Partido del Buen Gobierno“.
Der exzentrische Politiker Rafael López Aliaga mit dem Spitznamen „Porky Pig“ wird als Bolsonaro Perus bezeichnet. Bei der Präsidentschaftswahl wird er es u.a. mit Keiko Fujimori zu tun haben. Die 50-Jährige ist die Tochter von Alberto Fujimori. Sie hatte 2009 ihre eigene Partei „Fuerza Popular“ gegründet und trat mit rechten Positionen auf. Keiko Fujimori verlor 2011 gegen Humala, 2016 gegen Kuczynski und 2021 gegen Castillo jedes Mal nur knapp. Viele Beobachter sagen, ein Vierteljahrhundert nach Alberto Fujimori sei die Zeit für dessen Tochter gekommen.
* seit April 2016: Ollanta Humala, Pedro Pablo Kuczynski, Martín Vizcarra, Manuel Arturo Merino de Lama, Francisco Sagasti, Pedro Castillo, Dina Boluarte, José Jerí, José María Balcázar

Rafael López Aliaga, der Bolsonaro von Peru Foto: Connie France/AFP