Italien
In vino furtum: Diebe räumen das Lager eines toskanischen Weinguts leer
30.000 Flaschen Spitzenwein für fünf Millionen Euro: Italien erlebt womöglich den größten Weinraub seiner Geschichte.
(Archiv) Marchesi Antinori gehört zu den größten und renommiertesten Weingütern Italiens Foto: Getty Images via AFP
Am Montagmorgen schlossen die Mitarbeiter in Cortona das Lager des toskanischen Weinguts Marchesi Antinori auf. Hier warten die Kisten auf ihre Reise ins Ausland. Normalerweise. An diesem Montag allerdings war die Halle ausgeräumt. Über das Wochenende waren 30.000 Flaschen Rotwein verschwunden. Wert: etwa fünf Millionen Euro.
Die Diebe wussten, was sie wollten. Sie nahmen Tignanello, Solaia und Guado al Tasso, die bekanntesten Weine des Hauses Antinori. Eine Flasche kostet je nach Jahrgang 120 bis 300 Euro, manche mehr. Die Weine würden „auch von Sammlern sehr geschätzt“, sagte ein Vertreter des Weinguts gegenüber der AFP am Freitag. Auch der Ort war demnach gut gewählt. „Es handelt sich um unser größtes Lagerhaus, in das alle Flaschen vor der Auslieferung gebracht werden.“
Nach Angaben des Unternehmens waren fünf bis sechs Täter am Werk. Sie schalteten die Alarmanlage aus. Laut der italienischen Zeitung Corriere della Sera luden sie die Paletten mit den Gabelstaplern des Weinguts auf. Mit zwei Kleintransportern fuhren sie davon. Festnahmen bislang: Fehlanzeige.
Ein Sechstel des Jahrgangs
Alle Flaschen stammen aus dem Jahrgang 2023. Allein 10.000 davon seien Solaia, berichtet der Corriere. Von diesem Wein füllt Antinori nach Angaben des Fachportals The Wine Independent in einem normalen Jahr 60.000 bis 65.000 Flaschen ab. Die Diebe haben also rund ein Sechstel eines ganzen Jahrgangs mitgenommen.
Das Weingut hält den Coup für den größten Weindiebstahl, der je in Italien verzeichnet wurde. Geschäftsführer Renzo Cotarella sprach von einer sehr gut vorbereiteten Bande. Möglicherweise sei es dieselbe, die in den vergangenen Monaten schon andere Weingüter heimgesucht habe. Die Financial Times sieht es ähnlich. Die gezielte Auswahl der Flaschen verrate Fachwissen und Insiderinformationen über die Ziele.
Das Muster aus dem Piemont
Im September traf es das Weingut Conterno Fantino in Monforte d’Alba im Piemont. Dort verschwanden 3.000 Flaschen Barolo im Wert von mehreren hunderttausend Euro. Die Lokalzeitung Gazzetta d’Alba hat den Ablauf rekonstruiert. Vier Vermummte kamen nachts zu Fuß über die Weinberge und stiegen durch ein ungesichertes Fenster ein. Um 23.58 Uhr zeigt eine Kamera einen Mann mit Sturmhaube, der routiniert einen Gabelstapler startet. Drei Stunden später war alles vorbei. Die Flaschen luden die Täter in Lieferwagen des Weinguts.
Spektakuläre Weindiebstähle kannte die Branche bisher vor allem als Sammlercoups. 2021 verschwanden aus dem Restaurant Atrio im spanischen Cáceres 45 Flaschen, darunter ein Château d’Yquem von 1806. Wert: mehr als 1,6 Millionen Euro. Die Täter wurden gefasst. Der Wein ist bis heute verschwunden.
Antinori ist seit 1385 in Familienbesitz und exportiert in 170 Länder. Jetzt geht das Haus an die Öffentlichkeit. Cotarella wolle damit auch den Markt schützen. Wer Flaschen über ungewöhnliche Kanäle zu verlockenden Preisen angeboten bekomme, solle misstrauisch werden. Jede Flasche lässt sich über ihre Chargennummer zurückverfolgen. Das hilft allerdings nur, solange der Korken steckt.