Proteste gegen Rechenzentren

In den USA formiert sich KI-Widerstand

Proteste einer Bürgerinitiative im US-Bundesstaat New Jersey haben den geplanten Bau eines Rechenzentrums verhindert – und nun fragen sich Aktivisten im gesamten Land, wie ihnen das gelungen ist. Während Technologiekonzerne von Küste zu Küste jährlich hunderte Milliarden Dollar in neue Infrastruktur für Künstliche Intelligenz (KI) pumpen, formiert sich Widerstand.

Baustelle für geplantes Rechenzentrum von Amzak Capital Management auf Grundstück in New Brunswick

Auf diesem Grundstück in New Brunswick wollte Amzak Capital Management ein Rechenzentrum errichten Foto: Thomas Urbain/AFP

In New Brunswick in New Jersey, rund 65 Kilometer von der Skyline New Yorks entfernt, richtet sich der Unmut der Bewohnerinnen und Bewohner im Februar gegen ein Projekt des Unternehmens Amzak Capital Management. Erst neun Tage vor einer Abstimmung im Stadtrat erfahren die Menschen damals von dem Vorhaben für ein Rechenzentrum auf dem Gelände eines ehemaligen Automobilwerks.

Doch trotzdem hat ihr Protest Erfolg: Wie ein Lauffeuer verbreitet sich ein virales Video, Flugblätter zirkulieren durch die Stadt und über den nahe gelegenen Universitätscampus – und bei einer öffentlichen Anhörung zu dem Vorhaben kreuzen mehr als 300 Menschen auf, in einem Raum, der kaum 80 Plätze hat.

Wenig später gibt der Stadtrat der Kleinstadt bekannt, dass das Projekt gestrichen werde, erinnert sich Ben Dziobek, Gründer der Umweltinitiative „Climate Revolution Action Network“. Seitdem würden sie von unzähligen Menschen aus dem ganzen Land kontaktiert, „die uns fragen, wie wir das geschafft haben“, berichtet Charlie Kratovil, demokratischer Bürgermeisterkandidat und Mitglied der Umweltgruppe Food & Water Action. „Das ist definitiv Teil von etwas, das größer ist als jeder Einzelne von uns.“

Der Bürgermeister von New Brunswick, James Cahill, verweist gegenüber der Nachrichtenagentur AFP darauf, dass Rechenzentren zwar für moderne Volkswirtschaften unverzichtbar geworden seien. „Gemeinden im ganzen Land ringen aber damit, wie sie diese lokal integrieren können“, fügt er hinzu und verweist auf Bedenken zum Energieverbrauch der Anlagen, ebenso wie auf Umweltauswirkungen, den Flächenbedarf – und nicht zuletzt den Nutzen für die Menschen vor Ort.

Belastungen für lokale Stromnetze

In New Brunswick treffen diese Bedenken einen Nerv: Ein 23-Jähriger, der seinen Namen lediglich mit CJ angibt, hält es für kritikwürdig, dass das Rechenzentrum weit weg vom wohlhabenden Stadtzentrum und stattdessen mitten in einem Arbeiterviertel hätte gebaut werden sollen. „Wenn dadurch tausende von Arbeitsplätzen entstanden wären, hätte es sich gelohnt“, fügt Brandon Guillebeaux hinzu, der seit vielen Jahren in einem hispanisch geprägten Stadtviertel wohnt. „Aber es wären nur ein paar gewesen.“

Tatsächlich werden in Rechenzentren, sobald sie in Betrieb sind, nur vergleichsweise wenige Mitarbeiter vor Ort beschäftigt. Sorgen gibt es außerdem wegen der Belastungen für die lokalen Stromnetze durch die energieintensiven Anlagen, die zudem die Stromrechnungen für Privatverbraucher weiter in die Höhe treiben könnten. In New Jersey stiegen die durchschnittlichen Energiekosten eines Haushalts im vergangenen Jahr ohnehin um fast 17 Prozent.

Landesweit lehnen laut einer aktuellen Umfrage der Quinnipiac University 65 Prozent der US-Bürgerinnen und -Bürger den Bau eines Rechenzentrums in ihrer Gemeinde ab. Zwar verpflichteten sich Anfang März sieben große Akteure der KI-Branche, ihren Stromverbrauch durch Investitionen in neue Stromquellen zu kompensieren. Kritiker bemängeln aber, dass diese freiwilligen Zusagen nicht ausreichen.

Demokraten fordern landesweites Moratorium

Widerstand gab es im vergangenen Jahr bereits an anderer Stelle: Auch Städte wie Chandler in Arizona und College Station in Texas lehnten geplante Rechenzentren ab. Allerdings erregte keiner dieser Fälle dieselbe landesweite Aufmerksamkeit wie nun die Proteste in New Brunswick. „Ich hoffe sehr, dass dies ein Präzedenzfall wird“, sagt CJ. „Um den Menschen zu zeigen, dass sie tatsächlich eine Chance auf Erfolg haben, wenn sie aktiv werden und ihren Widerstand öffentlich äußern.“

Erreicht hat diese Dynamik inzwischen auch die Hauptstädte der Bundesstaaten. In Maine beschloss das Parlament am Dienstag ein Moratorium für den Bau von KI-Rechenzentren. Auch hier werden explodierende Strompreise und negative Auswirkungen auf die Umwelt befürchtet.

Im dicht besiedelten New Jersey liegen derzeit ebenfalls zahlreiche Gesetzesentwürfe zur Regulierung von Rechenzentren auf dem Tisch. Während einige strengere Auflagen für die Unternehmen fordern, drängen Akteure wie Kratovil und die demokratischen Politiker Bernie Sanders und Alexandria Ocasio-Cortez auf einen generellen Stopp und ein umfassenderes, landesweites Moratorium.

Dziobek von der Umweltinitiative „Climate Revolution Action Network“ nennt es so: „Wir wollen Machbarkeitsstudien und eine Pause, damit wir die tatsächlichen lokalen Auswirkungen kennen - und nicht einfach mit voller Geschwindigkeit vorpreschen“. (AFP)

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