Preisexplosion
Hormus-Blockade belastet Kraftstoffversorgung in Südostasien und Australien
Von der australischen Outback-Schule bis zur Motorbike-Schlange in Hanoi: Die Schließung der Straße von Hormus legt eine globale Abhängigkeit bloß, die viele Länder jahrzehntelang verdrängt haben. Canberra antwortet jetzt mit Steuersenkungen und einem nationalen Notfallplan.
In der indischen Stadt Varanasi stehen die Menschen mit ihren Motorrädern an einer Tankstelle für Kraftstoff an Foto: Niharika Kulkarni/AFP
Amber Driver rechnet. Die Australierin lebt im Outback – und ihr Sohn fährt für die Schule 4.000 Kilometer pro Runde. Seit die Benzinpreise explodiert sind, könnte sie allein für Transport und Schulbesuche über 30.000 australische Dollar (rund 18.000 Euro) im Jahr ausgeben. Ein Leben, das ohnehin schon teuer war, wird zur finanziellen Zermürbung.
Kari Larssen, Massagetherapeutin in Cronulla an der Südküste Sydneys, zählt derweil Schichten. Ihre Massageliege wiegt 15 Kilogramm – öffentliche Verkehrsmittel sind keine Option. „Ich habe kein verfügbares Einkommen mehr, um mit meiner Tochter irgendwohin zu gehen“, sagt sie dem Sydney Morning Herald. Der Osterurlaub ist gestrichen.
Hinter diesen persönlichen Geschichten steckt eine geopolitische Zäsur: Seit dem 28. Februar, als die USA und Israel den Iran angriffen und die Straße von Hormus – Nadelöhr für rund 25 Prozent des weltweiten Ölangebots – blockiert wurde, steckt Australien in einer Energiekrise, die das Land in seiner ganzen strukturellen Verletzlichkeit zeigt. Benzin kostet im Schnitt 2,50 australische Dollar pro Liter (1,50 Euro), Diesel hat die Drei-Dollar-Marke (1,80 Euro) überschritten. Rund 500 Tankstellen haben mindestens eine Kraftstoffsorte nicht mehr vorrätig.
Am Ende der Lieferkette
Was Australien so verwundbar macht, ist eine Entscheidung aus besseren Zeiten: Das Land importiert 90 Prozent seines Kraftstoffs aus asiatischen Raffinerien – in Indien, Malaysia, Singapur und Südkorea. 2003 gab es noch acht Raffinerien im Land, heute überleben zwei davon nur dank staatlicher Subventionen. Die strategischen Reserven decken derzeit 39 Tage – die Internationale Energieagentur (IEA) empfiehlt 90.
„Unsere gesamte Wirtschaft hängt davon ab“, sagt Lurion De Mello, Dozent für Finanzwesen an der Macquarie University, mit Blick auf Diesel. Der Kraftstoff bewegt die Lkw, die Lebensmittel durch den Kontinent transportieren, treibt den Bergbau an, versorgt Krankenhausgeneratoren in abgelegenen Gemeinden. Bauern berichten von explodierenden Betriebskosten – die Ernte wird teurer, lange bevor sie den Markt erreicht.
Steuermaßnahmen und ein nationaler Notfallplan
Der australische Premierminister Anthony Albanese hat staatliche Bürgschaften für private Kraftstoffimporteure angekündigt, Raffinerie-Subventionen verlängert und Öl aus der strategischen Reserve freigegeben. Als unmittelbare Entlastungsmaßnahme halbiert die Regierung als nächsten Schritt nun für zunächst drei Monate die Kraftstoffsteuer – Benzin und Diesel werden dadurch um rund 26 Cent (15 Eurocent) pro Liter billiger. Für schwere Nutzfahrzeuge entfällt die Abgabe in diesem Zeitraum ganz. Finanzminister Jim Chalmers bezifferte die Kosten am Montag auf etwa 2,55 Milliarden australische Dollar (1,5 Milliarden Euro); die Maßnahme soll Haushalte und Unternehmen gleichermaßen stützen.
Parallel dazu verabschiedete Canberra gemeinsam mit den Bundesstaaten einen nationalen Notfallplan zur Kraftstoffversorgung, der je nach Lage mehrere Eskalationsstufen vorsieht – von gezielten Markteingriffen bis hin zur Priorisierung kritischer Infrastruktur. Zuvor hatte Albanese die Bevölkerung bereits aufgerufen, nicht zu horten: Fotos von Australiern, die mehrere Reservekanister an Tankstellen füllen, entsprächen „nicht der australischen Art“. Sein Ministerium schließt Homeoffice-Empfehlungen und Fahrgemeinschaften für die Zeit nach April nicht mehr aus. Sechs von 81 planmäßigen Tankerlieferungen wurden bereits storniert.
Ein Schock mit globaler Reichweite
Australien ist nicht allein. Auch Neuseeland hat seinen nationalen Kraftstoffplan aktiviert – ein Stufensystem ähnlich den Covid-Warnstufen. Derzeit gilt Phase eins; Phase zwei würde Bürger und Unternehmen zu freiwilligem Sparen auffordern, Phase drei die Versorgung auf lebenserhaltende Dienste priorisieren.
Noch dramatischer ist die Lage in Südostasien. Auf den Philippinen arbeiten Regierungsbehörden nur noch vier Tage die Woche. Thailand und Vietnam haben ihre Beamten ins Homeoffice geschickt, Myanmar führte alternierende Fahrtage ein. In der nordostthailändischen Provinz Buriram stehen Autofahrer, Bauern und Lkw-Fahrer stundenlang an Tankstellen an – obwohl Premier Anutin Charnvirakul einen temporären Preisdeckel auf Diesel verhängt hat. „Wir müssen jeden Tag in einer Facebook-Gruppe nachsehen, welche Tankstelle noch Kraftstoff hat“, berichtete eine Bäuerin der Bangkok Post. „Wenn wir zu spät kommen, ist der Sprit alle.“ In Hanoi fasst ein Bürger die Lage knapp zusammen: „Der Sprit ist verrückt. Letztes Mal habe ich mehr als 30 Minuten gewartet, nur um mein Motorrad aufzufüllen.“ Auch in Tokio klagen Einwohner – nicht nur über Benzinpreise, sondern über steigende Lebensmittelkosten und teurere Fahrtarife.
Krise als Wendepunkt?
Der Grund für diese regionale Verwundbarkeit liegt in nackten Zahlen: Laut der US-Energiebehörde EIA waren 2024 rund 84 Prozent des durch die Straße von Hormus transportierten Rohöls und 83 Prozent des Flüssiggases für Asien bestimmt. Trotzdem sind die Notreserven in Südostasien auffällig dünn – während Japan Vorräte für rund 250 Tage und Südkorea für über 200 hält, kommen die meisten Asean-Staaten nur auf einen Bruchteil davon.
In Australien mehren sich die Stimmen, die mehr fordern als kurzfristige Schadensbegrenzung. Der unabhängige Senator David Pocock dringt auf einen beschleunigten Umstieg auf Elektromobilität: „Australien verbrennt jährlich rund 25 Milliarden Liter Benzin und Diesel. Der Ersatz durch Elektroautos würde unsere Abhängigkeit von teurem importiertem Kraftstoff grundlegend verringern.“
Erste Marktsignale kommen tatsächlich an: Das Auktionshaus Pickles verzeichnet derzeit 20 Prozent mehr Elektrofahrzeugverkäufe als im Vormonat – vor allem bei jungen Familien, die die gestiegenen Pendelkosten nicht länger tragen wollen.