Deutschland

Gysi, Bartsch und Ramelow sollen der Linken den Einzug in den Bundestag sichern

Sie kennen sich seit Jahrzehnten und starten jetzt eine Aktion, um die Linke zu retten: Gregor Gysi, Dietmar Bartsch und Bodo Ramelow kämpfen mit der Mission Silberlocke um Direktmandate. Dabei sind sie Teil einer Doppelstrategie.

(v.l.) Die Linken-Politiker Bodo Ramelow, Geschäftsführender Ministerpräsident des Freistaats Thüringen, Gregor Gysi (MdB) und Dietmar Bartsch (MdB) wollen ihrer Partei bei den kommenden Wahlen zum Fraktionsstatus verhelfen

(v.l.) Die Linken-Politiker Bodo Ramelow, Geschäftsführender Ministerpräsident des Freistaats Thüringen, Gregor Gysi (MdB) und Dietmar Bartsch (MdB) wollen ihrer Partei bei den kommenden Wahlen zum Fraktionsstatus verhelfen Foto: dpa/Bernd von Jutrczenka

Dass ausgerechnet drei alte weiße Männer die Linke retten sollen, sehen die Parteigranden mit einer gewissen Selbstironie. Der scheidende Thüringer Ministerpräsident Bodo Ramelow (68) drückt es am Mittwoch so aus: „Es gibt die Botschaft, dass sich der Senioren-Express aufmacht und sagt, wir mischen uns ein.“ Er räumt zugleich ein: „Den optischen Teil können wir nicht aus der Welt schaffen. Wir sind drei ältere Herren, wir sind drei Männer.“ Deswegen könnten seine Mitstreiter und er den feministischen, ökologischen und den Klimaschutz-Teil im Wahlkampf nur thematisieren, nicht verkörpern. „Und ich werde ihn ganz massiv thematisieren“, sagt Ramelow.

Gemeinsam mit Gregor Gysi (76) und Dietmar Bartsch (66) zieht Ramelow mit der „Mission Silberlocke“ in den Wahlkampf, mit dem erklärten Ziel, dass die „Stimme der Linken“ in der deutschen politischen Landschaft nicht verstummt. Konkret geht es darum, mindestens drei Direktmandate zu gewinnen, um wie schon 2021 über die sogenannte Grundmandatsklausel den Wiedereinzug in den Bundestag in Fraktionsstärke zu schaffen. Denn aktuell liegt die Linke in Umfragen bundesweit nur bei drei bis vier Prozent, würde also an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern. Vor allem Gysi werden in seinem Berliner Wahlkreis in Treptow-Köpenick und Ramelow in Weimar-Erfurt gute Chancen ausgerechnet.

Es ist nichts entschieden, aber wir haben uns entschlossen mitzukämpfen

Dietmar Bartsch

Linken-Politiker

Die Linke fährt laut Parteichef Jan van Aken eine Doppelstrategie, um mit „sieben Prozent“ in den Bundestag einzuziehen. Es gehe darum, mit starken Persönlichkeiten mehrere Direktmandate zu holen, um den Einzug sicher zu schaffen und bundesweit klare Themen zu setzen. Insgesamt nimmt sich die Partei sechs aussichtsreiche Wahlkreise vor, um dort ihre Spitzenkräfte aufzustellen. Die Silberlocken sind Teil dieser „Garantie“. Bereits bekannt ist, dass neben den Senioren auch Sören Pellmann (47) in Leipzig und Ines Schwerdtner (35) in Berlin-Lichtenberg für ein Direktmandat kämpfen wollen. Spitzenkandidatin neben van Aken ist Heidi Reichinnek, Co-Vorsitzende der Gruppe „Die Linke“ im Bundestag.

Sechs Themenschwerpunkte

Dass sich Gysi, Bartsch und Ramelow für diesen Kraftakt noch einmal zusammentun, ist alles andere als selbstverständlich. Doch Gysi zeigt sich überzeugt, wenn die Linke erst einmal aus dem Bundestag ausscheidet, werden die Medien sie „weder zurücksenden noch zurückschreiben“. Das sei bei der FDP oder bei den Grünen anders – „aber nicht bei uns“. Wenn die Linke wiederum in Medien kaum noch vorkomme, kämen linke Argumente auch in der Gesellschaft nicht mehr vor. In Anbetracht der „Rechtsentwicklung“ in den USA und vielen europäischen Ländern wäre das eine „ziemliche Katastrophe“. Daher hätten sie sich trotz ihres Alters entschlossen, zu sagen: „Nein, das können wir nicht zulassen.“

Um nicht ein „Laden für die tausend kleinen Dinge“ zu sein, wollen sie im Wahlkampf sechs Themenschwerpunkte setzen: soziale Gerechtigkeit, Frieden, Migration, ökologische Nachhaltigkeit, Gleichstellung von Mann und Frau sowie Gleichstellung von Ost und West. Dietmar Bartsch sagt, es sei nicht zu erklären, dass in Deutschland die „Zahl der Kinder in Armut wächst, gleichzeitig die Zahl der Milliardäre wächst“. Das sei eine Frage des Steuersystems, der Erbschaftssteuer. „Wenn der jüngste Milliardär in Deutschland 23 ist, dann ist etwas falsch.“ Kaum noch jemand spreche das Thema Kinderarmut an. „Wir reden über Taurus“, fügte er mit Blick auf die Debatte über Rüstungslieferungen an die Ukraine hinzu.

„Streitlaterne“ zur SPD weitergewandert

Und werden die Linken Wahlkampf mit dem Satz „offene Grenzen für alle Menschen“ machen? Gysi sagt, sie hätten sich darauf verständigt, zu sagen, dass sie den „humansten und wirksamsten Weg der Einschränkung von Migration gehen“ wollen. Er nennt dabei den Kampf gegen Fluchtursachen. „Gäbe es zum Beispiel endlich einen Waffenstillstand zwischen Russland und der Ukraine, könnten die meisten ukrainischen Flüchtlinge zurückkehren, um ihr Land wieder aufzubauen.“ Flüchtlinge in existenzieller Not kümmerten sich nicht um Zäune und Verordnungen. „Das überwinden die alles“, betont er.

Ob die Mission Silberlocke zum Erfolg führt, wird sich in weniger als hundert Tagen zeigen. Bartsch räumt ein: „Das Ding heißt Wahlkampf und wir haben eine Situation, dass wir von sehr weit unten kommen.“ Der Wind habe sich für die Linke aber schon ein wenig gedreht. „Es ist nichts entschieden, aber wir haben uns entschlossen mitzukämpfen.“

Bei einer Sache sind sich Gysi, Bartsch und Ramelow aber sicher: Dass die „Streitlaterne“ von der Linken weitergewandert ist zu einer anderen Partei – ins Willy-Brandt-Haus zur SPD, wo aktuell eine Kanzlerkandidatur zu klären ist.

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