Albanien

„Erste KI-Ministerin der Welt“ sieht sich mit Klagen und Rücktrittsforderungen konfrontiert

Eigentlich könnte Künstliche Intelligenz (KI) auch Balkanregenten das Regieren erleichtern. Doch in Albanien sieht sich die erste KI-Ministerin der Welt bereits mit Rücktrittsforderungen konfrontiert. Serbiens Kabinett wird derweil für seine von ChatGPT produzierten Programme vom eigenen Präsidenten gerügt.

Schauspielerin wirft albanischer Regierung Ausbeutung vor, nachdem ihr Gesicht für KI-Chatbot „Ministerin“ genutzt wurde

Eine Schauspielerin, deren Gesicht von der albanischen Regierung für einen KI-Chatbot verwendet wurde, den sie als „Ministerin“ bewarb, wirft der Regierung „Ausbeutung“ vor Foto: AFP

Seinen Stolz über die neue virtuelle Würdenträgerin in seiner Regierungstruppe konnte und wollte Albaniens Premier Edi Rama nicht verbergen. „Sie ist meine Tochter – und sie ist sehr loyal zu ihrem Vater“, pries er scherzend seine neue Verwaltungsministerin „Diella“, nachdem die „erste KI-Ministerin der Welt“ auf einer Konferenz in Berlin im Oktober mit einer Bildschirm-Rede über auf Daten und Algorithmen basierte Entscheidungsprozesse ihr internationales Debüt gegeben hatte.

Tatsächlich könnten die Segnungen der Künstlichen Intelligenz (KI) auch selbstverliebten Balkanregenten das Regieren erleichtern. Doch bereits ein halbes Jahr nach ihrem kometenhaften Aufstieg von einer Dialog-Chatbox, die ratsuchende Bürger durch die Sites von Albaniens E-Verwaltung lotst, zur Ministerin, sieht sich KI-Ministerin Diella mit Rücktrittsforderungen und gar Gerichtsklagen konfrontiert.

Klage wegen „unberechtigter Nutzung“

Die umgehende Suspendierung der Cyber-Amtsträgerin fordert ausgerechnet die real existierende Frau, die der in ein traditionelles Trachtenkostüm gehüllten Diella zu ihren ebenmäßigen Gesichtszügen verhalf: Die Schauspielerin Anila Bisha hat die Regierung, den Premier und die Nationale Agentur für die Informationsgesellschaft (AKSHI) wegen der „unberechtigten Nutzung“ ihres Antlitzes und ihrer Stimme verklagt.

Ihr Vertrag mit der AKSHI sei bis zum 31.12.2025 begrenzt gewesen und habe keineswegs ihren Karrieresprung zur Ministerin vorgesehen, ärgert sich Bisha: „Ich habe mit Diella nichts zu tun und niemand hat mich um eine Zustimmung gefragt: Ich habe nur einen Vertrag unterzeichnet für die Nutzung meiner Aufnahmen als digitale Assistentin von E-Albania, aber nicht als Ministerin.“

Als „Unsinn“ bezeichnet eine Regierungssprecherin die Vorwürfe der Schauspielerin, deren Klage vor Gericht aber durchaus Erfolg haben könnte: Denn außer ihrem Gesicht hatte die zweifache Mutter mit dem stundenlangen Einsprechen von Texten der KI-Diella auch ihre Stimme verliehen.

Diellas Aufstieg zur Ministerin bescherte der 57-Jährigen zwar jede Menge Glückwünsche ihrer verblüfften Freunde, aber keinerlei Aufbesserung ihres Honorars. Da weder die Regierung noch die AKSHI auf ihre Forderung nach einem neuen Vertrag reagierten, zieht sie nun vor das Verwaltungsgericht in Tirana – und fordert die Suspendierung der KI-Ministerin bis zu einem Urteil.

Regierungspläne von ChatGPT

Ganz andere KI-Tücken machen derweil Serbiens sorgengeplagte Regierungstruppe zu schaffen. Nachdem der allgewaltige Präsident Aleksandar Vucic im Januar kurzerhand das neue Entwicklungsprogramm „Serbien 2035“ für den von endlosen Korruptionsskandalen und Protesten geplagten Balkanstaat angekündigt hatte, sollten sie in aller Eile dafür die Vorlagen liefern. Der kaum zu übersehbare KI-Einsatz von ChatGPT brachte ihren autoritär gestrickten Vormann bei der Ansicht der ersten Entwürfe allerdings empört auf die Palme.

„Vucic wütend, großer Skandal im Staat!“, schlug letzte Woche aufgeregt die Regierungspostille Novosti Alarm. Während die demonstrativ abgekanzelten Würdenträger nun nachsitzen und bis zum 21. Februar hand- und selbstgemachte Programmentwürfe vorlegen müssen, reagieren Oppositionspolitiker eher spöttisch auf die Präsidentendrohung, das Programm notfalls selbst zu verfassen.

Er habe Verständnis für den KI-Rückgriff, denn dadurch komme bei der ausschließlich „auf Knopfdruck und Anordnung von Vucic“ agierenden Regierung „zumindest etwas Intelligenz“ zum Einsatz, spöttelt Radomir Lazovic, der Co-Vorsitzende der grünlinken ZLF. Seine unfähige Kabinettstruppe diene dem Präsidenten nur dazu, im Vergleich zu ihr „klug“ zu wirken, ätzt der DS-Abgeordnete Filip Tatalovic: „Wahrscheinlich hat Vucic den Einsatz von ChatGPT bemerkt, weil die Dokumente durchdachter verfasst waren als sonst. Und dieser Präzedenzfall hat dem Präsidenten nicht gefallen.“

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