Russland-Reportage
Die polarisierte Provinz: Eindrücke aus der Stadt Twer
Auch außerhalb von Moskau sind die politischen Erschütterungen rund um den Fall Nawalny zu spüren. Zwar überwiegt in den Regionen nach wie vor Apathie, doch die Konflikte nehmen zu. Ein Besuch in der Stadt Twer.
Alexej Nawalny am 5. Februar im Bezirksgericht Babuskinsky: In vielen Städten in den russischen Regionen gingen Menschen nach der Festnahme des Kremlkritikers auf die Straße Foto: dpa/AP/Uncredited/Babuskinsky District Court
Keiner der beiden Männer will den Mund aufmachen. Die Fragen sind heikel: die Haftstrafe für Alexej Nawalny, der Palast des Präsidenten, die Proteste. „Wir leben in einem recht totalitären Staat. Da schweigt man besser“, sagt der Jüngere. In der lichtdurchfluteten Markthalle verkauft er goldgelben Honig in großen Trögen: Wiesenhonig, Lindenhonig, Buchweizenhonig. Sein Kunde, ein 62-Jähriger in schwarzer Freizeitkluft, lässt sich gleich mehrere Plastikeimer geben. Pensionisten in Twer bekämen an die 100 Euro Pension. Gerade habe er noch Geld. Und dann sprudelt es aus ihm heraus. Warum Menschen wie er kein normales Leben führen könnten, fragt der Mann, wenn doch russische Staatsfirmen wie Gazprom Milliarden verdienten. Eine Ungerechtigkeit. Nawalnys Doku? Natürlich hat er sie gesehen. Wladimir Putin sei Besitzer des Palastes, ist er überzeugt. „Und wenn schon“, wendet der Honigverkäufer ein. „Immerhin ist er Präsident.“ Es sei nichts dagegen einzuwenden, wenn der Kreml-Chef das Gebäude mit ehrlich verdientem Geld gebaut habe. Ist das so? Schulterzucken. „Schau dir Merkel an“, wendet sein Kunde ein. „Die lebt in einer Wohnung und geht selbst einkaufen.“ Unvorstellbar für russische Politiker.