Deutschland

„Die machen super TikTok-Videos“: Wieso junge Menschen AfD wählen

Die AfD kann bei jungen Menschen punkten – das hat nicht zuletzt die Wahl vergangene Woche in Rheinland-Pfalz gezeigt. Ein häufig genannter Grund: die Social-Media-Strategie der Rechtspopulisten. Was ist dran?

Junge Menschen diskutieren auf Social Media über die rechtspopulistische Partei Alternative für Deutschland (AfD).

Für manche junge Menschen ist die „Alternative für Deutschland“ greifbarer als traditionelle Parteien der Mitte – auch weil die Rechtspopulisten in den sozialen Medien stark vertreten sind Foto: AFP

Vor einer Woche hat Rheinland-Pfalz einen neuen Landtag gewählt. Ein Ergebnis zeichnete sich schon vorher ab: dass die AfD stärkste Oppositionspartei wird. 24 Mandate konnten die Rechtspopulisten gewinnen, 15 mehr als in der bisherigen Legislaturperiode. Besonders erschreckend war für viele der Zuwachs an jungen AfD-Wählern. Bei unter 25-Jährigen lag die AfD mit 21 Prozent auf Platz eins. Das zeigen Umfragen von infratest dimap für das ZDF. Woran liegt es, dass gerade diese Gruppe ihr Kreuz rechtsaußen macht?

Social Media als Informationsquelle

„Die jungen Menschen, die wir dort vor Ort befragt haben, sagen, die machen super TikTok-Videos“, sagt Generationenforscher Rüdiger Maas, Co-Gründer des privaten Instituts für Generationenforschung in Augsburg. Ein großer Teil der Lebenswelt junger Menschen finde auf der Plattform statt. „Im Schnitt sind die 90 bis 95 Minuten täglich auf TikTok und insgesamt bis zu 70 Stunden pro Woche auf Social Media.“ Und dort stoßen sie auf die AfD.

Denn sieht man einmal von Markus Söder (CSU) und seinen Bratwurstvideos ab, gibt es kaum Politiker der Mitte-Parteien (Union, SPD und Grüne), die nennenswerte Followerzahlen vorweisen können. „Die AfD hat frühzeitig begonnen, diesen Vorsprung muss man erst mal wieder einholen“, sagt auch Klaus Siebenhaar, Professor am Institut für Kultur und Medienmanagement der Freien Universität Berlin. „Deren Politiker sind flächendeckend aktiv.“ Hinzu komme ein hochprofessionelles Netzwerk von Content-Lieferanten. Zwar produzieren viele AfD-Politiker Inhalte für die sozialen Medien, ein großer Teil der Videos kommt jedoch von Influencern und Unterstützern der Partei, die „geradezu das Netz fluten“ würden.

„Die suggerieren, dass ganz, ganz viele Menschen so denken“, sagt Generationenforscher Maas. „Du bist keine Ausnahme.“ Hinzu komme, dass die Partei trotzdem als Außenseiter wahrgenommen würde. „Keiner will mit denen koalieren, und genau hier greift der Underdog-Effekt bei den jungen Wählern.“ Der führe dazu, dass junge Menschen das Gefühl hätten, auch dahinterstehen zu müssen.

Von Abstiegsängsten getrieben

Anderen Parteien können da nicht mithalten. Ausgenommen ist die Linke. Sie hat mit ihrer Fraktionsvorsitzenden Heidi Reichinnek „ein begabtes verbales Schnellfeuergewehr“, wie es Siebenhaar bezeichnet. Auf der einen Seite ist also die schiere Masse an Videos und Inhalten. Auf der anderen sind die Themen, mit denen die AfD bei jungen Wählern punktet. Das Narrativ sei klar, sagt Generationenforscher Maas: Mit Deutschland gehe es bergab. Schuld daran sei die Regierung, die gegen Deutschland arbeite. „Über 80 Prozent der jungen AfD-Wähler haben das Gefühl, man arbeitet gegen einen. Man holt Migranten ungesteuert ins Land, um Deutschland zu ruinieren“, fasst es Maas zusammen. Und von den Parteien der sogenannten Mitte werde das nicht richtig aufgeklärt. Dabei beruht das Gefühl des sozialen Abstiegs auf realen Problemen: Seit sieben Jahren stagniert die Wirtschaft. Das schlägt sich auch im Arbeitsmarkt nieder. Dazu kommen Dauerthemen wie steigende Kosten für Krankenkassen und die Altersvorsorge, um die politisch stark gerungen wird. Die AfD nimmt konkrete Probleme – und suggeriert, dass daran Migranten die Schuld tragen würden. Damit macht die AfD sie zu Sündenböcken.

Für Siebenhaar haben die anderen Parteien auch Verantwortung für den Erfolg der AfD – sie würden sich nicht auf die Kommunikationsgewohnheiten junger Menschen einlassen. „Wenn man das vergleicht mit der Politikersprache, wie wir es bei Merz oder Klingbeil sehen: Da kann ich Ihnen selbst als sehr gebildeter Insider nicht mehr sagen, von welcher Reform gerade gesprochen wird.“ Währenddessen seien AfD und Linke sehr nahbar – „eben auch in ihrer digitalen Kommunikationsstrategie“. Zudem würde es beiden Parteien gelingen, ihre Zielgruppen einzubinden, was zu einer Art Kommunikationsgemeinschaft führe.

Wer Perspektiven hat, hat weniger Ängste

Was also tun, um diese Menschen wieder zu erreichen? Mit ihnen sprechen, sagt Rüdiger Maas: „Man darf sie auch nicht verteufeln: Etwa ein Viertel der jungen Menschen, die jetzt AfD wählen, ordnen sich komplett in der politischen Mitte ein.“ Doch diese Mitte sei nicht mehr greifbar, die politischen Ränder hingegen umso mehr. „Wenn die CDU jetzt mit AfD-nahen Themen anfängt, dann ist das eigentlich nur Unterstützung für die AfD“, erklärt Maas. Außerdem müsse die Angst reduziert werden, die unter anderem von der AfD geschürt wird. Dabei könnten Wirkräume außerhalb der sozialen Medien helfen. „Wir konnten feststellen: Je höher die Ängste junger Menschen waren, desto höher war auch der Anteil derer, die die AfD oder die Linke wählen“, sagt er. „Wenn junge Menschen mehr Erlebnisse auch außerhalb von Social Media haben, eine höhere Resilienz aufbauen können, dann können sie infolgedessen auch populistische Beiträge besser einsortieren oder auch ablehnen.“ Dafür bräuchte es politisch neutrale Räume, in denen junge Menschen eigene Erfahrungen machen könnten.

Auch Siebenhaar plädiert dafür, etwas gegen die Ängste junger Menschen zu tun, sieht aber auch die Generation Z selbst in der Verantwortung: „Wer eine Perspektive hat, der hat dann auch weniger Ängste. Da sind beide Seiten gefordert: einerseits die Politik, andererseits diese Generation.“ Die einen müssten klar kommunizieren, die anderen aber auch nüchtern zur Kenntnis nehmen, was die Politik leisten könne.

3 Kommentare
Guy Mathey 30.03.202618:07 Uhr

"Nur die dümmsten Kälber wählen ihre Schlächter selber". Also, entweder sind AFD-Wähler*innen so unsagbar dumm, dass sie die menschenverachtende Gesinnung der AFD-Faschist*innen nicht erkennen, oder aber sie sind tatsächlich selbst alle Faschist*innen.
Wobei der Begriff "AFD" stellvertretend für Parteien dieser braunen Blutgruppe steht (etwa ADR, RN, FPÖ, usw).
TikTok hin oder her, warum benutzen diese Menschen nicht ihr eigenes Hirn, sondern übernehmen kritiklos irgendwelchen menschenverachtenden Schwachsinn???

Yves ALTWIES 30.03.202613:03 Uhr

Die hier geschilderte Entwicklung kann jetzt schon zum Teil auf Luxemburg uebertragen werden, u. keine Besserung in Sicht. Einziger Lichtblick, es fehlt an "begabten verbalen Schnellfeuergewehren"... .

JJ 30.03.202609:31 Uhr

Weil sie nicht eigenständig denken können ? Sie lassen denken! KI und TicToc. Medien statt Bücher.Da ist eine Hetz-Partei wie die AfD doch Paradebeispiel. Und wir denken über ein Wahlalter von 16 nach.

Das könnte Sie auch interessieren

Israel

Todesstrafe für Terroristen: Parlament stimmt zu