Israel

„Das Land wurde uns verheißen“: Radikale jüdische Siedler träumen vom Libanon

Während die israelische Armee ihre Angriffe im Südlibanon verstärkt, schmieden radikale Siedler bereits Zukunftspläne für ein zweites Westjordanland bis zum Litani-Fluss.

Blick auf die jüdische Siedlung Bat Ein in der Nähe des palästinensischen Dorfes Surif, unweit der von Israel besetzten Stadt Hebron im Westjordanland

Blick auf die jüdische Siedlung Bat Ein in der Nähe des palästinensischen Dorfes Surif, unweit der von Israel besetzten Stadt Hebron im Westjordanland Foto: AFP

Von einem Berg nahe der jüdischen Siedlung Karnei Schomron im von Israel besetzten Westjordanland aus blickt die Israelin Anna Sloutskin in die Ferne. Die Nachrichten vom Vorrücken der israelischen Armee im Süden des Libanon lassen den Traum der 37-Jährigen von einem Leben in diesem Gebiet aufleben – und damit ist sie nicht allein.

Die von ihr mitgegründete Gruppe „Uri Tzafon“ („Wach auf, Nordwind!“) hat der Biologin zufolge zuletzt stark an Mitgliedern gewonnen und umfasst heute dutzende Familien. Sie gehen davon aus, dass sich die israelische Nordgrenze bis mindestens zum Litani-Fluss im Süden des Libanon erstrecken müsste – und damit etwa 30 Kilometer weiter nördlich als völkerrechtlich festgelegt. Ziel der Gruppe ist der Bau von jüdischen Siedlungen auf dem Stück Land, das zum Libanon gehört.

Dort hat die israelische Armee in ihrem Kampf gegen die pro-iranische Hisbollah-Miliz im Libanon bereits eine Pufferzone eingerichtet, um den Norden Israels vor Angriffen der Hisbollah zu schützen. Trotz einer Waffenruhe mit der libanesischen Regierung in Beirut, die von der Hisbollah abgelehnt wird, greift die israelische Armee dort massiv an – und zerstört viele Häuse. Eine Million Libanesen mussten wegen israelischer Angriffe in ihrem Land bereits flüchten.

Vorbild Westjordanland

„Die Idee ist, dass der Großteil der Bevölkerung flieht, wir verschieben die Grenze und wir lassen diese Menschen nicht zurückkehren. Das Land wird dann per Erklärung ein Teil des Staates Israel“, erläutert Sloutskin die Pläne ihrer Bewegung. Ihre Siedlung Karnei Schomron liegt im Norden des Westjordanlandes, das palästinensisches Gebiet ist. Israelische Siedlungen dort werden von der UNO als völkerrechtswidrig eingestuft. Im Süden des Libanon wollen die jüdischen Siedler ähnlich vorgehen.

In einer Whatsapp-Gruppe mit mehr als 600 Mitgliedern tauscht Sloutskin mit Gleichgesinnten Einladungen zu Treffen und Landkarten aus, die angebliche alte jüdische Siedlungen im Libanon zeigen. Auf Telegram hat die Gruppe mehr als 900 Follower. Das gegenwärtige Vorrücken der israelischen Armee im Libanon stimmt Sloutskin euphorisch. „Die Armee geht hinein, erobert und räumt auf“, sagt die Siedlerin. „Danach dürfen wir uns nicht zurückziehen, sondern uns dort niederlassen“, fügt sie hinzu.

Die israelische Regierung baut zwar die Siedlungen im besetzten Westjordanland aus. Außerdem fordern die rechtsextremen Minister im Kabinett von Regierungschef Benjamin Netanjahu immer wieder eine Annexion des Palästinensergebiets. Doch weder die Armee noch die Regierung haben bislang eine Besiedelung des Libanon als Ziel ausgegeben.

Ori Plasse findet das schade. Der Saisonarbeiter in der Landwirtschaft mit US-Abstammung wohnt in Nordisrael und hat sich bereits an Siedlungsaktionen im Westjordanland und dem Gazastreifen beteiligt. Bei „Uri Tzafon“ war der 51-Jährige von Anfang an dabei. Zusammen mit einem weiteren Siedlungsaktivisten fuhr er vor rund anderthalb Jahren illegal über die Grenze in den Libanon. Seine Absicht sei gewesen, Bäume zu pflanzen und „etwas zu starten, das an Dynamik gewinnt“, sagt er. Zwar sei er wenig später von israelischen Soldaten zurückgebracht worden, die Erfahrung sei aber „erstaunlich“ gewesen. „Du fühlst dich wie zu Hause. Du hast das Gefühl, dass es dein Land ist“, schwärmt Plasse.

Karten des alten, biblischen Israel

In seinem Garten öffnet er voller Begeisterung einen alten Schiffscontainer mit Ausrüstung für den Siedlungsbau. Unter den Matratzen und Plastikplanen ist auch ein Buch mit Landkarten, auf denen sich das alte, biblische Israel vom heutigen Ägypten bis zum Irak erstreckt. „Jeder, der sich mit dem Alten Testament beschäftigt, sollte wissen, dass uns das Land Israel vom Nil bis zum Euphrat verheißen ist“, sagt Plasse.

Vor den in diesem Jahr anstehenden Parlamentswahlen in Israel hoffen die radikalen Siedler auf weiteren Aufwind für ihre Bewegung und auf Unterstützung durch Politiker für ihre Bewegung „Uri Tzafon“, auch wenn die Unterstützung laut Plasse bisher nur „vage“ ist. Sloutskin zufolge hat ihre Gruppe aber die Unterstützung vieler Parlamentarier und sogar von Ministern. „Manche sagen es offen, manche sagen es still und leise, aber es gibt definitiv Unterstützung.“

Der Traum der Besiedlung des Libanon ist am ultra-nationalistischen Rand der israelischen Gesellschaft vertreten. Aber Sloutskin und Plasse sind sich sicher, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis sich die Idee ausbreitet. „Letztlich müssen es die Leute wollen“, sagt Sloutskin. „Das Volk muss vorangehen.“

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