Belgien
Anschlagsopfer in Brüssel sucht Gespräch mit Täter
Sandrine Couturier war in der Brüsseler U-Bahn-Station, wo sich am 22. März 2016 ein Attentäter in die Luft sprengte. Sie erlitt schwere Verbrennungen im Gesicht und an den Händen, ihr Trommelfell platzte. Zehn Jahre später erzählt sie im Gespräch mit AFP-Journalisten, wie ihr Gespräche mit dem verurteilten Attentäter Mohamed Abrini bei der Aufarbeitung geholfen haben.
Sandrine Couturier, Opfer eines der Attentate von Brüssel vor zehn Jahren, besuchte später einen der Attentäter im Gefängnis Foto: Simon Wohlfahrt/AFP
Abrini gehört zur Terrorzelle hinter den Anschlägen am 13. November 2015 mit 130 Toten in Paris und wenige Monate später in Brüssel, bei denen am Flughafen und in einer U-Bahn-Station 32 Menschen getötet wurden. Er war einer von drei Attentätern, die Bomben in die Abfertigungshalle des Flughafens brachten, kehrte aber in letzter Sekunde um.
Ein französisches Gericht verurteilte Abrini 2022 zu lebenslanger Haft mit 22 Jahren Sicherheitsverwahrung, ein belgisches Schwurgericht verhängte 30 Jahre Haft. Im Brüsseler Prozess gehörte er zu den wenigen Angeklagten, die den Opfern gegenüber „eine gewisse Menschlichkeit“ zeigten, sagt Sandrine Couturier.
Wie kam es zum Kontakt mit ihm?
Sandrine Couturier: Das war während des Prozesses, als mein Mann und ich als Zeugen ausgesagt haben. Nachdem er uns zugehört hat, erbittet er das Wort. Ich glaube, mir wünscht er, dass es mir so gut geht wie möglich. Aber vor allem wendet er sich an meinen Mann, Olivier, der gerade gesagt hat, er könne an einer Hand abzählen, wie viele Menschen sich für ihn interessieren. Er fragt, wie es ihm geht – damit er künftig beide Hände zum Zählen brauche. Man könnte das anstößig finden, weil man diese Frage von einem Freund erwartet, und das ist er nicht. Aber er zeigt mit seinen Worten, dass er meinem Mann zugehört hat und ihn als indirekt betroffenes Opfer anerkennt. Er zeigt eine gewisse Menschlichkeit.
Es tut mir gut, dass er sich dafür interessiert, wie es mir geht. Ich bin auf einmal ein Mensch, nicht mehr einfach ein Opfer.
Sie haben ihn zweimal im Gefängnis besucht. Wie sind diese Treffen verlaufen?
Er war es, der die Initiative ergriffen und über Médiante (eine belgische Organisation für Mediation zwischen Opfern und Tätern, Anm.d.Red.) um ein Treffen gebeten hat, und ich habe angenommen. Beim ersten Mal war er ziemlich angespannt, hat sehr viel geredet, über Gott und die Welt. Ich ging mit dem Gefühl, dass ich ihn eher nicht wiedersehen würde. Aber er hat um ein zweites Treffen gebeten, das dann sehr interessant war. Er war viel ruhiger und strukturierter, er war nicht mehr in Einzelhaft. Er hat mir viele Fragen gestellt: wie es mir gehe, über meine Familie.
Und das tut Ihnen gut?
Ja. Es tut mir gut, dass er sich dafür interessiert, wie es mir geht. Ich bin auf einmal ein Mensch, nicht mehr einfach ein Opfer. Vor dem Prozess waren wir füreinander abstrakte Dinge: sie die Dschihadisten, wir die Opfer. Zumal ich den Dschihadisten nicht in die U-Bahn habe kommen sehen, ich habe kein Bild von ihm. Im Prozess merken wir, dass wir echte Menschen sind. Ich bin nicht naiv oder glaube, dass es jetzt plötzlich eine große Versöhnung geben wird. Aber die Begegnung bringt sie zum Nachdenken; bringt sie dazu, sich unserer Realität bewusst zu werden.
Schon vorher haben Sie an der Gruppe „Retissons du lien“ teilgenommen, die Sie mit Müttern zusammenbrachte, deren Söhne zum Kämpfen nach Syrien gegangen waren.
In den zwei Jahren nach den Anschlägen hatte ich das Gefühl, zu den Toten zu gehören, nur aus Trümmern zu bestehen. Als mir Isabelle Seret (die klinische Soziologin und Leiterin der Gruppe, Anm.d.Red.) vorgeschlagen hat, an der Gruppe teilzunehmen, war das ein Gefühlssturm. Ich hatte Angst vor einer Konfrontation, Angst davor, Unhörbares zu hören. Aber die Begegnung mit den Müttern hat für mich ein Feld der Möglichkeiten eröffnet. Sie hat Komplexität gebracht, in einem Moment, in dem man sich komplett davor verschließt. Ich habe wieder Hoffnung geschöpft. Für mich ist das auch ein politischer Schritt. Ein Wille zum Dialog dort, wo man uns zum Schweigen bringen will. Ziel eines Anschlags ist es, uns zu terrorisieren, am Denken zu hindern und uns in Stigmatisierung und Spaltung zu treiben. Ich will mir das nicht auferlegen lassen. Ich will meine Freiheit bewahren. (AFP)