Israel

Angehörige von Opfern und Geiseln des 7. Oktober mischen Wahlkampf auf

Die Israelis kennen Scharon Scharabi als den Bruder, der unermüdlich für die Freilassung seiner beiden in den Gazastreifen verschleppten Geschwister kämpfte. Jetzt kandidiert er für die Parlamentswahl.

Der ehemalige Generalstabschef Gadi Eisenkot ist Benjamin Netanjahus größter Konkurrent

Der ehemalige Generalstabschef Gadi Eisenkot ist Benjamin Netanjahus größter Konkurrent Foto: Jack Guez/AFP

Scharabi ist nicht der einzige Angehörige von Opfern des Großangriffs der Hamas vom 7. Oktober 2023, der nun in die Politik will. Ihre Kandidaturen zeigen, welche zentrale Rolle dieses nationale Trauma bei der Abstimmung spielt – und wie es Israel spaltet.

Auf der einen Seite stehen jene, die den von Regierungschef Benjamin Netanjahu angeordneten massiven Militäreinsatz im Gazastreifen befürworten. Auf der anderen Seite die, die seine Koalition für das Versagen der Sicherheitskräfte am 7. Oktober verantwortlich machen und zur Rechenschaft ziehen wollen. Der Überfall der radikalislamischen Palästinenserorganisation war das schlimmste Massaker in der Geschichte des Staates. Mehr als 1.200 Menschen wurden getötet, über 250 weitere als Geiseln genommen.

Scharabi ist einer der führenden Köpfe der wichtigsten Vereinigung der Familien der Geiseln. Sein Bruder Eli kam im Februar 2025 frei, sein Bruder Jossi wurde in Gefangenschaft getötet. Bei der Wahl am 27. Oktober tritt Scharon Scharabi auf der Liste von Avigdor Lieberman an, einem ehemaligen Minister Netanjahus, der inzwischen einer seiner schärfsten Kritiker ist.

Er kandidiere, um „sicherzustellen, dass die Hamas besiegt wird und nicht wieder erstarken kann“, sagte Scharabi der Nachrichtenagentur AFP. Außerdem möchte er „den trauernden Familien und den ehemaligen Geiseln helfen, die von der aktuellen Regierung im Stich gelassen wurden“. Viele Angehörige werfen Netanjahu vor, die Befreiung der Geiseln im Krieg vernachlässigt zu haben.

Von „Helden“ geführt werden

Fast alle Parteien mit Chancen auf den Einzug in die Knesset haben Kandidaten mit direktem Bezug zum 7. Oktober aufgestellt, nach Zählung von AFP sind es neun. Als Netanjahu Anfang September die Kandidaten seiner Likud-Partei präsentierte, stellte er nicht die Minister in den Vordergrund, sondern trat mit Talik Gvili auf die Bühne, der Mutter eines bei dem Hamas-Überfall getöteten Polizisten.

Ihr Kampf um die Rückführung der sterblichen Überreste ihres Sohnes machte sie bekannt. Auf Listenplatz neun ist Gvili laut Umfragen ein Sitz im Parlament sicher. Sie gehe in die Politik, um die „Fackel“ ihres Sohnes weiterzutragen, der am 7. Oktober versucht habe, die Menschen in Israel zu verteidigen, sagte sie in einem Video. Gvili habe „ihre persönliche Geschichte in eine inspirierende Mission verwandelt“, pries Netanjahu sie und machte damit deutlich, welchen politischen Wert die Parteien diesen Symbolfiguren des nationalen Traumas beimessen.

Denn auf Dauer hält nichts der Aggressivität der öffentlichen Debatte in Israel stand

Myriam Schermer

Politologin

Nach Einschätzung der Analystin Myriam Schermer „brauchen die Israelis das Gefühl, von den Helden des 7. Oktober geführt zu werden“ – Menschen, die in ihren Augen „für Mut und Widerstand in schweren Zeiten“ stehen. Viele Wähler möchten „die Führung denen anvertrauen, die am meisten gelitten haben, in der Hoffnung, dass sie das Land verändern“, sagt die Politikwissenschaftlerin, die ein Buch über die bevorstehende Wahl geschrieben hat.

Aggressive öffentliche Debatte

Die beiden ehemaligen Regierungschefs Naftali Bennett und Jair Lapid stellten für ihr Bündnis der Mitte den ehemaligen General Noam Tibon auf, der zum Nationalhelden wurde, nachdem er mit einigen Soldaten auf eigene Faust die Hamas aus dem Kibbuz vertrieb, in dem sein Sohn lebte.

Netanjahus größter Konkurrent bei der Wahl ist der ehemalige Generalstabschef Gadi Eisenkot. Er gewann Schira Schapira für seine Liste, deren Sohn Aner am 7. Oktober Menschenleben rettete, indem er vor einem Schutzraum Granaten der Hamas zurückwarf, bevor er selbst getötet wurde.

Scharabi, Tibon, Gvili und Schapira eint die unmittelbare Erfahrung des Leids des 7. Oktobers. Könnten sie als Politiker zu Brückenbauern in einer polarisierten Gesellschaft werden? Scharabi kann sich bei gemeinsamen Zielen durchaus eine Zusammenarbeit vorstellen. Politologin Schermer ist skeptischer. Im erbitterten Wahlkampf würden auch die Persönlichkeiten des 7. Oktober ihre Strahlkraft einbüßen, sagt sie. „Denn auf Dauer hält nichts der Aggressivität der öffentlichen Debatte in Israel stand.“ (AFP)

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