Ukraine-Krieg

Acht Tote bei stundenlangen russischen Angriffen auf Dnipro

Inmitten tödlicher russischer Luftangriffe hat die Ukraine am Sonntag der Atomkatastrophe von Tschernobyl vor 40 Jahren gedacht. Russische Drohnen fliegen immer wieder über das stillgelegte AKW Tschernobyl hinweg, im vergangenen Jahr ist die wichtige Schutzhülle des Unglücksreaktors getroffen worden. Durch russische Angriffe auf die Ukraine wurden am Wochenende nach Behörden-Angaben zudem mindestens elf Menschen getötet.

Ukrainische Rettungskräfte räumen Trümmer nach russischem Angriff in Dnipro auf, Katastrophenhilfe vor Ort

Ukrainische Rettungskräfte räumen nach einem russischen Angriff in Dnipro Trümmer weg Foto: AFP/State Emergency Service of Ukraine

Der Super-GAU von Tschernobyl am 26. April 1986 war die schlimmste zivile Nuklearkatastrophe der Geschichte. Damals hatte ein menschlicher Fehler während eines Sicherheitstests eine Explosion in einem der Reaktoren des AKW im Norden der Ukraine – die damals Teil der Sowjetunion war – ausgelöst. In den folgenden Tagen kontaminierte die ausgetretene radioaktive Wolke die Ukraine, Belarus und Russland, ehe sie sich über Europa ausbreitete.

Die Schätzungen über die Zahl der Todesopfer gehen weit auseinander. Ein UN-Bericht aus dem Jahr 2005 bezifferte die Zahl der bestätigten und prognostizierten Todesfälle in den drei am stärksten betroffenen Ländern auf 4.000. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace schätzte 2006, dass die Katastrophe fast 100.000 Todesfälle verursacht habe.

Die Überreste des Atomkraftwerks sind von einer inneren Strahlungsschutzhülle aus Stahl und Beton umgeben, die nach der Katastrophe hastig errichtet wurde. Eine modernere äußere Schutzhülle umgibt den gesamten Unglücksreaktor. Sie verhindert die Freisetzung radioaktiver Strahlung.

„Nuklearer Terrorismus“

Mit dem Einmarsch in die Ukraine im Februar 2022 habe Russland „die Welt erneut an den Rand einer menschengemachten Katastrophe“ gebracht, erklärte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj. Hinsichtlich der russischen Drohnen über dem stillgelegten Akw Tschernobyl fügte er hinzu: „Die Welt darf diesen nuklearen Terrorismus nicht weiter zulassen.“

Im Februar 2025 wurde die äußere Schutzhülle durch eine russische Drohne schwer beschädigt. Ende desselben Jahres warnte der Kraftwerksleiter gegenüber der Nachrichtenagentur AFP, ein weiterer Angriff könne zum Einsturz der Schutzhülle führen. Greenpeace erklärte kürzlich, dass die Außenhülle „derzeit nicht repariert werden kann, sie nicht wie vorgesehen funktionieren kann und die Möglichkeit radioaktiver Freisetzungen besteht“.

In den ersten Tagen des russischen Angriffskriegs hatten russische Truppen das Gelände von Tschernobyl unter ihre Kontrolle gebracht. Die Eroberung des stillgelegten AKW schürte große Befürchtungen, ein militärischer Zwischenfall könnte dort eine katastrophale nukleare Katastrophe auslösen. Später zogen sich die Truppen von der Anlage zurück.

Neue Angriffe am Wochenende

Am Wochenende flog die russischen Armee wieder massive Angriffe auf das Nachbarland. Dabei wurden in der Nacht zum Sonntag nach ukrainischen Angaben mindestens drei Menschen getötet. Die Angriffe wurden den Angaben zufolge mit Drohnen und Artillerie verübt. Nach Angaben der ukrainischen Luftwaffe setzte die russische Armee 144 Drohnen in der Nacht zum Sonntag ein, 124 davon seien abgefangen worden.

Am Samstag waren in Dnipro nach Angaben der örtlichen Behörden mindestens acht Menschen getötet und dutzende weitere verletzt worden. Die Bomben- und Drohnenangriffe begannen in der Nacht zum Samstag und dauerten rund 20 Stunden lang bis in den späten Nachmittag, wie Bürgermeister Borys Filatow berichtete. Beschossen wurden Wohnhäuser, Unternehmen und Energie-Infrastruktur.

Mindestens 49 Menschen wurden laut Filatow verletzt, darunter zwei Kinder. Auch sein Stellvertreter sei schwer verletzt worden, berichtete der Bürgermeister. Weitere zehn Menschen wurden in der Region Dnipropetrowsk verletzt. Stundenlang durchsuchten Rettungskräfte die Trümmer auf der Suche nach Opfern und Überlebenden. Ein Wohnhaus wurde den Angaben zufolge zweimal in zeitlichem Abstand bombardiert.

Das russische Verteidigungsministerium sprach von einem „massiven Angriff“ auf militärische Ziele in der Ukraine. Moskau leugnet regelmäßig Angriffe auf Zivilisten in dem seit mehr als vier Jahren andauernden Krieg. Dnipro liegt mehr als hundert Kilometer von der Front entfernt. Die Industriestadt war bereits in den vergangenen Tagen von Russland ins Visier genommen worden.

Neue russische Taktik

Die russische Armee hatte ihre Taktik in jüngster Zeit geändert. Statt nächtlicher Luftangriffe setzt sie nun auf fortgesetzte Angriffe, die nachts beginnen und sich in Wellen bis in den Tag hinziehen.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj forderte angesichts der neuen Angriffe ein härteres internationales Vorgehen gegen Russland und weitere Militärhilfe für die Ukraine. Auch das 21. EU-Sanktionspaket gegen Russland müsse auf den Weg gebracht werden, erklärte Selenskyj. „Die durch die Blockade des 20. Pakets verursachte Pause hat dem Aggressor zusätzliche Zeit verschafft – es ist wichtig, dem entgegenzuwirken.“

Bei einem Treffen der EU-Staats- und Regierungschefs in Zypern war am Donnerstag ein 20. Sanktionspaket gegen Russland verabschiedet worden, das auf den Bankensektor abzielt und neue Beschränkungen für den Export von russischem Öl vorsieht. Nach monatelanger Blockade durch Ungarn genehmigte die EU zudem ein Darlehen für die Ukraine in Höhe von 90 Milliarden Euro.

Seit Russlands Einmarsch in die Ukraine im Februar 2022 sind bereits zehntausende Zivilisten getötet worden. Kiew greift als Reaktion auf die fortgesetzten russischen Angriffe immer wieder Ziele auf russischem Gebiet an. Auch dabei gibt es zivile Opfer. Der Gouverneur der russischen Grenzregion Belgorod, Wjatscheslaw Gladkow, teilte am Samstag mit, bei einem ukrainischen Drohnenangriff auf ein Auto seien eine Frau getötet und ein Mann schwer verletzt worden. Das Verteidigungsministerium in Moskau erklärte, die russischen Streitkräfte hätten in der Nacht zum Samstag 127 ukrainische Drohnen abgefangen.

Russische Drohne verursacht Schäden in Rumänien

Nach russischen Angriffen in der Ukraine ist im benachbarten Rumänien eine Drohne abgestürzt und hat erstmals in einer Reihe vergleichbarer Vorfälle für Sachschäden in dem NATO-Mitgliedstaat gesorgt. Das Verteidigungsministerium in Bukarest sprach am Samstag von einem „schwerwiegenden“ Vorfall. Eine russische Drohne sei „unerlaubt in den rumänischen Luftraum eingedrungen“ und habe „privates und öffentliches Eigentum beschädigt“.

Die russischen Angriffe seien nahe einem Grenzfluss unweit der rumänischen Stadt Tulcea erfolgt, hatte das rumänische Verteidigungsministerium zuvor mitgeteilt. Im Radar seien „im rumänischen Luftraum operierende Drohnen“ erfasst worden.

Die rumänischen Rettungskräfte teilten mit, die Drohne „mit einer möglichen Sprengladung“ sei in bewohntem Gebiet abgestürzt. Es habe keine Opfer gegeben. Jedoch seien ein Strommast und ein Gebäudeteil beschädigt worden. Es sei der „erste Vorfall“ dieser Art, erklärte der rumänische Präsident Nicosur Dan im Onlinedienst Facebook. Es handele sich um „eine Schwelle, die wir sehr ernst nehmen“, fügte er hinzu.

Die Behörden ordneten die Evakuierung des Gebiets an, von der 200 Menschen betroffen waren, wie das rumänische Außenministerium mitteilte. Zudem wurde die Unterbrechung des Gasversorgung in dem Gebiet angeordnet. Die rumänische Außenministerin Oana Toiu bestellte den russischen Botschafter ein.

Nach Angaben des rumänischen Verteidigungsministeriums hoben zwei britische Jets vom Typ Eurofighter Typhoon in der Nacht zum Samstag vom rumänischen Stützpunkt Borcea ab. Das britische Verteidigungsministerium teilte jedoch der Nachrichtenagentur AFP mit, die im Rahmen der NATO-Luftverteidigung eingesetzten Kampfflugzeuge seien zu der Basis zurückgekehrt, ohne gegen russische Ziele vorgegangen zu sein.

Ein im vergangenen Jahr in Rumänien verabschiedetes Gesetz erlaubt den Abschuss von Drohnen, die in den Luftraum des südosteuropäischen Landes eindringen. Bislang wurde davon jedoch kein Gebrauch gemacht.

Seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine im Februar 2022 waren wiederholt Drohnen im Luftraum Rumäniens gesichtet und Fragmente abgestürzter Drohnen auf rumänischem Staatsgebiet gefunden worden. Rumänien und die Ukraine teilen sich eine etwa 600 Kilometer lange Grenze.

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