Motorsport„Ich kann WEC und Formel 1 gut verbinden“: Mick Schumacher und Teamkollege Nicolas Lapierre im Interview

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Nicolas Lapierre und Mick Schumacher im Exklusiv-Interview mit dem Tageblatt Foto: Norbert Nickels, Marie-Jo Nickels

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Nachdem Mick Schumacher keinen Stammplatz in der Formel 1 mehr finden konnte, hat sich der Sohn des siebenfachen Weltmeisters Michael Schumacher dazu entschlossen, die WEC in der Hypercar-Klasse mit dem neuen Werksteam von Alpine zu bestreiten. Hier teilt er sich das Cockpit mit den Langstrecken-erfahrenen Franzosen Nicolas Lapierre und Matthieu Vaxivière. Das Tageblatt hat im Rahmen der 24 Stunden von Le Mans mit Schumacher und Lapierre gesprochen.

Tageblatt: Wie zufrieden sind Sie bislang mit der Entwicklung und den Resultaten in der WEC?

Nicolas Lapierre: Die ersten Rennen waren gar nicht so schlecht und wir konnten das Auto schon gut weiterentwickeln. Nur das Wochenende in Imola war etwas schwierig. Dort konnten wir das ganze Potenzial des Autos nicht ausschöpfen, was schon etwas enttäuschend war. Man muss sagen, dass unser Alpine A424 speziell für die Strecke von Le Mans entwickelt wurde und somit fährt sich das Auto dort auch viel angenehmer als anderswo.

Mick Schumacher: Nico hat die Situation ganz gut resümiert. Ich selbst bin relativ spät zu diesem WEC-Projekt dazugestoßen. Nico hat das Auto ganz von Anfang an entwickelt. Ich kann mich eigentlich sehr glücklich schätzen, denn ich habe viel von seinen Erfahrungen gelernt, sowohl was dieses Auto betrifft als auch insgesamt in Sachen Endurance Racing. Ich habe wirklich gemerkt, dass unser Auto speziell für Le Mans konzipiert wurde und dies ist schon sehr speziell. Generell, so natürlich auch in der Formel 1, ist ein Rennwagen so gebaut, dass er gut auf alle Rennstrecken passt; hier ist er wirklich auf Le Mans ausgelegt.

Nicolas, Sie sind ein sehr erfahrener Langstreckenpilot: Immerhin haben Sie bereits viermal in Le Mans in der LMP2-Klasse gesiegt und sind drei Jahre für Toyota in der LMP1 angetreten. Mick Schumacher: Sie haben eine langjährige Erfahrung mit Formel-Fahrzeugen bis hin zur Formel 1. Nun fahren Sie beide zusammen auf einem LMDh-Auto. Ist dies die ideale Teambesetzung?

N.L.: Das ist ganz schön, denn Mick bringt etwas Neues mit ins Team. Er hat die Sicht eines Formel-1-Piloten, der in einem sehr guten Formel-1-Team arbeitet (Mercedes). Dass er Speed hat, war bekannt, doch er bringt uns auch viel in Sachen Feeling und Weiterentwicklung des Autos. Mit Matthieu Vaxivière bilden wir schon ein sehr homogenes Team und arbeiten sehr gut zusammen. Mick hat sich sehr schnell und gut in unser Endurance Racing eingewöhnt – und das ist nicht einfach, wenn man aus dem Formel-Rennsport kommt.

Mick, was sind eigentlich die Hauptunterschiede beim Pilotieren eines Formel-1- und eines LMDh-Autos?

M.S.: Es ist sehr wichtig, dass man die beiden Rennserien klar voneinander trennt. Man kann das LMDh-Auto nicht mit einem Formel-1-Auto vergleichen, da gibt es schon einen großen Unterschied. Die heutigen Hypercars in der WEC sind vielleicht näher an einem GT-Rennwagen, als das vorher noch der Fall war mit den LMP1-Autos, die einen viel größeren Anpressdruck und mehr Power hatten. Die jetzigen Hypercars sind schwerer. Für mich war es sehr wichtig, mich erst einmal an diese Autos zu gewöhnen und nicht zu viel von dem, was ich aus der Formel 1 kenne, mit rüberzubringen. Es gelingt mir aber eigentlich ganz gut, die beiden Rennwagen komplett auseinanderzuhalten (Mercedes-Formel 1 und Alpine-LMDh, Anm. d. Red.). Es fühlt sich eigentlich wie zwei verschiedene Jobs an.

Nicolas, Sie fahren jetzt schon seit 2021 bei Alpine. Die Marke ist sowohl in der Formel 1 als auch in der WEC aktiv. Hatten Sie jemals die Gelegenheit, einen Alpine-Formel-1 zu testen?

N.L.: Ich habe zwar in meiner Karriere viele Formelrennwagen bewegt, bis hin zur GP2, aber ich habe mich sehr schnell in Richtung Langstreckenrennen orientiert und bin somit nie Formel 1 gefahren. Jetzt bin ich auch viel zu alt dafür. (lacht) Bei Alpine fokussiere ich mich ganz auf die WEC. Ich verfolge natürlich die Formel-1-Rennen sehr genau, aber ich hatte nie die Gelegenheit, einen Alpine Formel 1 auszuprobieren, weder ein aktuelles noch ein älteres Modell.

In Le Mans beeindruckten beide Alpine A424 mit ihrem Speed, fielen jedoch frühzeitig mit Motorschaden aus
In Le Mans beeindruckten beide Alpine A424 mit ihrem Speed, fielen jedoch frühzeitig mit Motorschaden aus Foto: Norbert Nickels, Marie-Jo Nickels

Gibt es eine enge Zusammenarbeit der beiden Alpine-Teams in der Formel 1 und in der WEC oder ist das alles sehr streng getrennt?

N.L.: Ja, es gibt schon eine Zusammenarbeit. Das WEC-Team profitiert von der Erfahrung unseres Formel-1-Teams, aber auch von den Erkenntnissen des Nissan-Formel-E-Teams (Nissan und Renault gehören dem gleichen Konzern an, Anm. d. Red.). Es gibt viele Systeme, ob das nun in Sachen Hybrid oder Energierückgewinnung ist, die in den verschiedenen Serien ähnlich sind. Es besteht schon eine Synergie zwischen den einzelnen Werken. So gibt es zum Beispiel Teammitglieder aus der Motorenabteilung von Viry (F), die sowohl für die Formel 1 als auch für die WEC arbeiten. Einige gehen auch mal von Frankreich nach England und umgekehrt.

Mick, sehen Sie eigentlich in Deutschland ein größeres Interesse an der WEC, seitdem Sie dort antreten?

M.S.: Das ist eine gute Frage. Ich weiß es nicht, da ich schon ewig lange nicht mehr in Deutschland gewesen bin. Generell muss man sagen, dass die Langstreckenrennen für die Fans eine Sportart sind, die nur schwer zu verfolgen ist, da die Rennen so lang sind (6 bis 24 Stunden, Anm. d. Red.). Eigentlich ist es am einfachsten, sich die Zusammenfassungen im Fernseher anzuschauen.

Wie bringen Sie eigentlich Ihre Arbeit bei Alpine in der WEC und bei Mercedes in der Formel 1 unter einen Hut?

M.S.: Meine Entscheidung, in der WEC anzutreten, hatte vor allem den Grund, Rennen zu bestreiten und dadurch „racefit“ zu bleiben. Ich kann WEC und Formel 1 gut verbinden, denn die acht WEC-Rennen ermöglichen es mir auch, bei 19 Formel-1-Grand-Prix vor Ort zu sein.

Nicolas, in der WEC fahren ja die Hypercars und GT-Autos zusammen. Dieses Jahr haben die GT3 die GTE-Fahrzeuge ersetzt. Sind die GT3 langsamer als vorher die GTE und stellt dies ein Problem für die schnellen Hypercars dar?

N.L.: Die GT3 sind nicht wirklich langsamer als die GTEPRO der letzten Jahre und deshalb stellen sie auch kein Problem für die schnellen Hypercars dar. Die Hypercars sind von Jahr zu Jahr schneller geworden und so können wir problemlos die GT-Renner auf den Geraden überholen.

Was ist Ihre Meinung dazu, dass in der WEC, LMH- (aus Europa) und LMDh-Renner (aus den USA) zusammen gegeneinander antreten?

N.L.: Für uns Rennfahrer ist das keine Sache. Wenn wir im Auto sitzen, machen wir uns keine Gedanken, ob wir jetzt gegen ein LMH- oder LMDh-Auto kämpfen. Das Reglement hat es fertiggebracht, dass die beiden sehr eng beieinander liegen.

Mick, Sie sind 2024 zum ersten Mal in Le Mans angetreten. Was sagen Sie zu diesem traditionsreichen Super-Event des Motorsports?

M.S.: Es war mein erstes Mal in Le Mans, aber es kommt mir vor, als ob ich es schon seit ewig kennen würde, denn jeder spricht mit mir darüber. Ich muss zugeben, dass ich in der Vergangenheit Le Mans nicht so richtig verfolgt habe. Was mich wirklich beeindruckt, ist die Tatsache, dass all die Leute in Le Mans so unbeschreiblich motorsportbegeistert sind und das ist sehr schön. Ich sehe es wirklich als ein Privileg an, an diesem Rennen teilzunehmen.

Nicolas, wie sehen Sie den verbleibenden WEC-Rennen in Brasilien, Amerika, Japan und Bahrain entgegen?

N.L.: Die kommenden Strecken sind wieder komplett verschieden im Vergleich zu Le Mans und, wie gesagt, unser Auto wurde speziell für die 24 Stunden von Le Mans konzipiert. Mit jedem Rennen gewinnen wir aber an Erfahrung und hoffen, dass wir in den kommenden Rennen nicht nur einige Punkte mit nach Hause nehmen werden, sondern uns auch in unseren Leistungen steigern können.

Mick, betrachten Sie die WEC als eine Zwischenetappe, bevor Sie wieder zur Formel 1 oder zu den Formel-Fahrzeugen zurückkehren, oder kann die Langstrecke eventuell auch Ihre Zukunft sein?

M.S.: Mein klares Ziel ist es, in die Formel 1 zurückzukehren; die Formel 1 war seit ewig mein Ziel. Die WEC bot mir die große Chance, wie bereits gesagt, zu gleicher Zeit mit der Formel 1 in Verbindung zu bleiben. Wie es jetzt weitergeht, ist schwer zu sagen. Zum jetzigen Zeitpunkt sind ja noch einige Formel-1-Cockpits zu belegen und solange dies der Fall ist, denke ich nicht an einen Plan B.

Alpine in der WEC

Die Sportabteilung des französischen Renault-Konzerns ist unter dem Namen Alpine sowohl in der Formel 1als auch in der World Endurance Championship (WEC) aktiv – also in den zurzeit wohl zwei größten FIA-Automobil-Weltmeisterschaften. In der WEC ist Alpine erst seit Anfang dieses Jahres in der „großen“ Hypercar-Klasse dabei und konnte in den ersten drei Rennen noch keine Top-Resultate erreichen, was aber, durch den Erfahrungsrückstand bedingt, nicht wirklich verwunderlich ist. In Le Mans erstaunten die Franzosen zwar mit ihrem Speed im Training und Qualifying, im Rennen jedoch schieden beide Autos mit Motorschaden aus. Ob es beim nächsten WEC-Lauf in São Paulo besser läuft, wird sich am kommenden Wochenende zeigen.