Impf-Affäre

Philosoph Campagna wirft Henri Grethen „fadenscheinige Argumentation“ vor

Der luxemburgische Philosoph, Professor und Autor Norbert Campagna schreibt in einem offenen Brief über die Argumentation des Präsidenten der hauptstädtischen „Hospices civils“, Henri Grethen. Dieser ist im Februar geimpft worden – das, nachdem öffentlich bekannt worden war, dass Verwaltungsräte nicht in der ersten Phase der Impfkampagne geimpft werden sollen.

Norbert Campagna ist Philosophieprofessor, Philosoph und Autor

Norbert Campagna ist Philosophieprofessor, Philosoph und Autor Foto: Editpress-Archiv/Alain Rischard

Herr Grethen, die Clowns und die Ärzte

Wenn die Frühimpfung der Mitglieder der „Île aux clowns“ gerechtfertigt war, dann war es sicherlich auch diejenige Henri Grethens, der sich in einem Tageblatt-Gespräch (9. März) als Chefclown in Sachen Argumentation geoutet hat. Sehen wir uns die Argumentation des Herrn Grethen etwas genauer an.

Zunächst heißt es, er sei „von der Leitung der ‚Hospices civils’ eingeladen worden, um mich impfen zu lassen“. Danach heißt es dann, er hätte sich gefragt, was für ihn wichtiger sei, „vielleicht deswegen ins Gespräch kommen oder das machen, was die Menschen, mit denen ich jeden Tag in der Direktion zusammenarbeiten, von mir verlangen“. Aus der ursprünglichen Einladung ist auf einmal ein Befehl geworden. Weiß Herr Grethen nicht, dass es hier einen Unterschied gibt?

Dann sagt Herr Grethen, er betrachte sich als Mitarbeiter der ‚Hospices civils‘. Das Reinigungspersonal der ‚Hospices civils‘ gehört m.E. auch zu den Mitarbeitern der Institution. Aber ich glaube nicht, dass es in den Genuss einer Frühimpfung gekommen ist. Oder hat Herr Grethen sich etwa als Präsident dafür eingesetzt? Ich denke nicht. Und wenn Herr Grethen daran zweifelt, dass das Reinigungspersonal zu den Mitarbeitern gehört, dann „kann er [ihre] Arbeit gerne übernehmen“.

Dann kommt der Schlag gegen die „Île aux clowns“. Ich gehe davon aus, dass die Mitglieder dieser Gruppe im Kontakt mit Covid-Patienten sind, zusammen mit ihnen in einem Raum sind und somit unmittelbar Gefahr laufen, sich anzustecken. Mit wie vielen Covid-Patienten hat Herr Grethen täglichen Kontakt? Geht er zu den Kranken, spricht er mit ihnen, gibt er ihnen Hoffnung? Er erwähnt selbst nur „die Menschen, mit denen ich jeden Tag in der Direktion zusammenarbeite“.

Und wenn Herr Grethen sagt: „Da frage ich mich: Was ist denn jetzt wichtiger, den Clown zu spielen oder Präsident der ‚Hospices civils‘ zu sein?“, so kann ich ihm nur antworten, dass er durchaus besser die Rolle des Clowns in Sachen fadenscheinige Argumentation spielt, als die Mitarbeiter der „Île aux clowns“ jemals die Rolle des Präsidenten der „Hospices civils“ werden spielen können.

Dann meint Herr Grethen auch, er habe die oben erwähnte „Einladung“ akzeptiert habe, „um niemanden zu gefährden“. Er „gehe dort ein und aus“. Ich gehe in meinem Gymnasium ein und aus. An manchen Tagen habe ich fünf verschiedene Klassen, was etwa hundert Schüler und Schülerinnen ausmacht. Ich bin der Meinung, dass auch ich in einen Zustand versetzt werden soll, wo ich „niemanden zu gefährden“ drohe. Also bitte sehr, impft mich so schnell wie nur möglich, damit ich nicht hundert Schüler und Schülerinnen an einem Tag anstecke, ganz zu schweigen von meinen Kollegen und Kolleginnen, die auch ihrerseits schnellstens geimpft werden müssen, um „niemanden zu gefährden“!

Doch wird sich ein Arzt finden, der bereit ist, mich zu impfen? Ich denke nicht. Ich bin nicht bekannt genug und ich kann auch keinen Druck auf einen Arzt ausüben, damit er mich impft. Bei mir würden die Ärzte ganz klar „Nein“ sagen, wenn ich sie fragen würde, und sie hätten auch vollkommen recht, es zu tun. Bei den Herren Schiltz, Wurth, Grethen usw. haben die Ärzte nicht „Nein“ gesagt, sondern sich dem Willen dieser Herren unterworfen bzw. sind sie ihrem Wunsch nachgegangen. Und das wirft natürlich die Frage nach der Verantwortung der Ärzteschaft bei diesem ganzen Impfgedränge auf. Wo blieb da das Gewissen der Ärzte? Wo blieb da ihre Zivilcourage? Wäre es nicht an den Ärzten gewesen, die Impfung der genannten Herren und anderer Personen abzulehnen? Sie wären damit nicht ihrem hippokratischen Eid untreu geworden, denn der gute Hippokrates hat nirgends gesagt, dass man den Mächtigen und Bekannten einen Impfstoff geben soll, der zunächst einmal den Schwächeren und Unbekannten zukommen sollte. Ich rufe hier die Ärzte auf, sich dem Druck der Mächtigen zu widersetzen. Ärzte, übernehmt eure Verantwortung für die Schwächeren!

Was soll man am Ende sagen, wenn nicht, gut shakesperianisch: „There is something rotten in the Grand-Duchy of Luxembourg“. Und wenn wir noch abwarten und nichts tun, dann wird das „something“ sich mit der Zeit in ein „everything“ verwandeln.

Norbert Campagna

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