UnwetterDie heftigen Fluten kamen auch in Luxemburg nicht überraschend: Wurde zu spät und verhalten gewarnt?

Unwetter / Die heftigen Fluten kamen auch in Luxemburg nicht überraschend: Wurde zu spät und verhalten gewarnt?
Ein Bild aus Echternach: Hätte manchem Autobesitzer die Größe der Gefahr früher klargemacht werden können? Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante

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Die Heftigkeit, mit der das Hochwasser vor einigen Tagen über die Region gekommen ist, wird allgemein als überraschend und unvorhersehbar beschrieben. Doch an dieser Ansicht wird Kritik laut. Hätte man in Luxemburg schneller und entschiedener reagieren können?

Ein aus Luxemburg stammender Meteorologe und Doktorand der Hydrometeorologie erhebt Vorwürfe gegen das Krisenmanagement im Großherzogtum. Speziell kritisiert Jeff Da Costa im akademischen Nachrichtenmagazin „The Conversation“, vorliegende Warnungen zur Heftigkeit der Überschwemmungen seien nicht ernst genug genommen worden.

Da Costa ist PhD-Stipendiat bei der luxemburgischen Firma RSS-Hydro, die zur Abschätzung von Wasserrisiken forschen und entsprechende Vorhersagemodelle entwickeln. In der Nacht auf Donnerstag gegen 0 Uhr kam er fassungslos an seinem Elternhaus nahe der Hauptstadt an, „um die untere Etage des Hauses meiner Kindheit unter Wasser vorzufinden“. Er erkennt zwar an, dass zunächst nur materieller Schaden entstanden sei, schreibt aber auch: „Es hat mir das Herz gebrochen, zu sehen, wie das Sicherheitsempfinden meiner Eltern innerhalb weniger Minuten weggefegt wurde.“ Dabei ärgert ihn die allgemein verbreitete Auffassung, die Heftigkeit und vor allem die Schnelligkeit des Hochwassers sei nicht vorherzusehen gewesen. „Es ist nicht wahr, dass das alles aus dem Nichts kam!“ Man hätte viel früher anfangen können, zu reagieren, findet Da Costa, nämlich zum Anfang der Woche.

Ausschnitt aus einer Meldung, die das Frühwarnsystem EFAS bereits am Montag, 12. Juli, verteilt hat.
Ausschnitt aus einer Meldung, die das Frühwarnsystem EFAS bereits am Montag, 12. Juli, verteilt hat. Foto: Screenshot

Er verweist darauf, das europäische Hochwasser-Frühwarnsystem EFAS habe zu Beginn der Woche angekündigt, dass es Mitte der Woche in den am stärksten betroffenen Regionen (Westdeutschland, Luxemburg, Ostbelgien und südliche Niederlande) zu extremen Regenfällen und der Gefahr von Überschwemmungen kommen würde. Diese Information wurde, wie üblich, an die nationalen Behörden weitergeleitet  – und hat etwa mit dafür gesorgt, dass in den Niederlanden Einwohner evakuiert wurden, lange bevor die Wassermassen eingetroffen sind „während im benachbarten Deutschland das Bundesland Rheinland-Pfalz erst mit der Evakuierung der Menschen begann, als es bereits zu spät war“, wie Da Costa bitter konstatiert.

„Während das EFAS bei der Erkennung von Bedrohungen sehr effizient ist, führt die unterschiedliche Art und Weise, wie die Länder die Verantwortung für die Warnung ihrer Bürger delegieren, zu einem Stillstand in der Übertragungskette“, glaubt er – und ist damit nicht alleine. Längst wird entsprechende Kritik auch andernorts laut.

„Monumentales Versagen“

Die Hydrologie-Professorin Hannah Cloke, die das EFAS-System mit aufgebaut hat, hat sich ebenfalls geschockt gezeigt, wie wenig deutsche Behörden reagiert hätten auf klare Warnungen, die schon am 10. Juli, also vier Tage vor dem verheerenden Unwetter, herausgegeben wurden. Sie sieht ein „monumentales Systemversagen“. 

Das zeigte sich möglicherweise auch in den reichweitenstarken Tagesthemen der ARD des 14. Juli: Darin entließ der Wetterexperte zum Abschluss der Sendung die Zuschauer mit einer Entwarnung in die Nacht: Weil der Regen nachgelassen habe, sei „das Schlimmste überstanden“ (im Video unten ab Minute 33:50). Nicht nur in Trier-Ehrang und Kordel wurden die Menschen kurz darauf vom Gegenteil überzeugt. Bis jetzt beklagt Rheinland-Pfalz weit über 100 Tote.

In Luxemburg wurden die Warnungen bis zum Mittwoch zwar immer intensiver (auch das Tageblatt warnte), kamen etwa vom Wetterdienst MeteoLux, dem Wasserwirtschaftsamt und, vor allem, dem CGDIS, dem hier eine zentrale Rolle zukommt. Auch wurde betont, dass diesmal auch sonst selten getroffene Gebiete überschwemmt werden könnten. Konkrete Warnungen blieben dennoch eher punktuell und ließen einen graduell zunehmenden Wasserstand annehmen – nicht jedoch den rasant kulminierenden Anstieg der Zuläufe und damit praktisch aller Pegel, der noch kommen sollte. Zu Evakuierungen kam es erst viel später, nämlich mitten in der Katastrophe.

Letzte Warnung um kurz vor 18 Uhr

Vorher versandte das CGDIS am Mittwoch um 17.53 Uhr eine für die Umstände unaufgeregte Mail: Es werden bereits 100 Einsätze vermeldet und dass in Echternach derzeit Sandsäcke befüllt würden, „um auf die diesbezüglichen Bedürfnisse der Feuerwehren reagieren zu können“. Ansonsten werden lediglich zwei Verhaltens-Warnungen gegeben: Dass man „nicht auf überfluteten oder gesperrten Straßen fahren“ solle und dass ein dünner Wasserfilm Kanaldeckel anheben könne, was dann eine „Gefahr für Fußgänger“ darstelle. 

Auf Facebook hat das CGDIS um 12.39 Uhr eine Grafik mit umfassenden Verhaltenshinweisen gepostet (die aber zum Beispiel für Menschen mit eingeschränktem Sehen eventuell nicht lesbar ist). Dort wird auch geraten, die Internetseite des Wasserwirtschaftsamtes zu besuchen. Die nächsten Meldungen vom CGDIS kamen nach Mitternacht und enthielten bereits die dringende Bitte, nur noch die 112 anzurufen, wenn konkrete Leben in Gefahr sind.

Kommunikationsversagen an allen Fronten

Tatsächlich waren auf inondations.lu am Mittwochnachmittag, hinter einigen Klicks versteckt, Grafiken zu finden, die die kommenden extremen und praktisch senkrecht ansteigenden Pegelverläufe einiger Zuflüsse klar und deutlich vorhersagten. Inzwischen stehen diese Grafiken nicht mehr auf der Seite, da sie jeweils aktualisiert werden. Eine telefonische Anfrage mit der Bitte, die Versionen vom Mittwoch noch einmal zur Verfügung zu stellen, wurde am Freitag mit einer erstaunlichen Auskunft beantwortet: Die Grafiken seien in dieser Form „versehentlich“ gepostet worden und eigentlich „so nicht für die Öffentlichkeit gedacht gewesen“. Die Zusage, trotzdem diese oder ähnliche Grafiken zuzusenden, ist bis Redaktionsschluss am Sonntagabend nicht eingehalten worden.

Auch eine Anfrage an die Luxemburger Regierung dazu, ab wann klar war, dass es zu plötzlichen, sehr starken Pegelanstiegen kommen würde und ob es vor dem Höhepunkt der Katastrophe noch Warnungen per Sirene oder Lautsprechern gab, wird mit einer „Entschuldigung für die verspätete Antwort“ inhaltlich völlig offen gelassen und stattdessen auf eine Pressekonferenz verwiesen. In einem Gespräch bei RTL hat der Leiter des Wasserwirtschaftsamts, Jean-Paul Lickes, jedenfalls am Freitag erklärt, man habe „im Vorfeld am Dienstag gewarnt, dass es ganz dick kommen würde“.

Ein weiterer Hinweis darauf, dass die Krisenkommunikation ein Problem haben könnte, kam auch von CGDIS-Chef Paul Schröder, als er am Donnerstag erklärte, warum die Handy-App GouvAlert, die einzig den Zweck hat, vor Katastrophen zu warnen, lange stumm geblieben ist: Das Versenden einer Warnung über das Programm an viele Handys in Luxemburg habe man „im Eifer des Gefechts vergessen“.

Eine Pressekonferenz zum Thema findet am Montag um 9 Uhr statt.

Romain Juni
20. Juli 2021 - 7.47

Endlich kann sich der niedrige Grundwasserspiegel wieder erholen.Die Überschwemmungen sind nur Kollateralschäden.

xavier
19. Juli 2021 - 17.45

Réckschlagklappen hätte viru Jore missen agebaut ginn, elo ass es ze spéit.

HTK
19. Juli 2021 - 13.19

Jeder Bürger müsste,nach den Erfahrungen letzter Zeit,wissen zu was Wasser im Stande ist.Bei Sturm durch einen Wald fahren,bei Starkregen Autos an tief gelegenen Stellen parken,vielleicht in einer Tiefgarage? Wir haben zudem unser Land zubetoniert,kanalisiert,Drainagen angelegt,die Äcker sind von Tonnen schweren Maschinen metertief verdichtet usw.Regenwasser fließt in Rekordzeit in die Bäche und Flüsse. Und ja,der Klimawandel ist da und er wird bleiben.Sogar wenn wir morgen alle E-Auto fahren.Die Pole schmelzen ab und solange wird noch eine Menge Sonnenenergie verbraucht .Wenn dieser Prozess abgeschlossen ist wird es richtig ekelig. Diese Wetterlagen werden keine Ausnahme bleiben. Aber vielleicht finden unsere durchgeknallten Milliardäre bis dahin ein schönes Plätzchen auf dem Mars.

Carlo
19. Juli 2021 - 13.13

Informationen waren do dass et vill Reen giff ginn. Allerdengs mengen Informationen no keng oder just eng ganz spéit Alerte ROUGE vu Météo Lux. Desweideren waren Warnungen, och déi vun der Gestion de l’Eau, nach relativ douce formuléiert (zB Summerzaït: dowéinst Campingen a Gefor…) Autoen ewech huelen oder Kelleren a Rez-d-Chausséen a Geforenzonen an dodriwwert eraus, räumen, si kaum bis guer net erwähnt ginn - zielt ich fir Eisen Katastrophensender RTL. Dobaï war dat een Johonnerthéichwaaser, méi héijchen wi 1993 / 95 a Villen Géigenden.

Nomi
19. Juli 2021 - 12.28

Mee wann mer als Gambia, mat ganz vill TamTam, ob Stei'erzuehler Kaeschten, eng Gouv-Alert angefo'uert hun, dann ass et onverzei'lech dei' net genotzt ze hunn !

DanV
19. Juli 2021 - 12.10

Et war en général eng immens schappeg Kommunikatioun.

Mee déi "versehentlech" geposte Previsiouns-Grafik op inondations.lu huet verschidde Leit dozou bruet, dass se di Nuet virdrun nach hir Autoen an aner Saachen a Sëcherheet bruet hunn. Also merci un deen eenzegen, dee kloer an der Kommunikatioun war.

Wat immens wichteg wär, wär och d'Tendenz, wat um Stau passéiert. Kee gëtt gewuer, wann do d'Schleise mussen opgemaach ginn. A wann et dann su wäit ass, steet d'Waasser banne kuerzer Zäit bei de Leit an der Kichen oder am Keller.

Mënschlech gesinn ass d'Verspéidung vu GouvAlert verständlech, mee wisou ass dat am Fall vun Héichwaasser vu Mënschen ofhängeg, déi da souwisou ënner eenormem Stress stinn? Wisou ass dat net automatiséiert?

D'Waasser kënt praktesch all Joer. Do misst et dach méiglech sinn, eng App oder e Site ze maachen, un déi di verschidden Iwwerwaachungsmechanismen hir Resultater schécken. Domat kéint dann all Bierger aschätzen, ob eng Gefor fir seng Géigend besteet a selbständeg präventiv handelen.

Inondations.lu ass schonn eng gudd Hëllef, mee nëmme fir al Huesen, déi scho laang a Geforenzone liewen. Déi wëssen, bei welchem Pegelstand se hir Précautioune mussen huelen - an dann nach! - de Stau huet och hinnen dës Kéier e Strich duerch d'Rechnung gemaach!

Charel HILD
19. Juli 2021 - 11.33

Op alle Kanäl haten se "extrem vill heftege Reen" gemeld: Dauerreen! Wann ee beim Waasser wunnt an do net nervös gett, dann huet een esou munches net verstaan. Ech wunne net direkt beim Waasser, hat trotzdeem all meng Kulange gebotzt a kontrolléiert. Ech war gewarnt genuch. Déi Leit wou grousse Schued erlidden hun, déi di mer onendlech leed. Awer d' Schold beim Waasserwirtschaftsamt ze sichen, dat ass falsch. Schold ass eendeiteg déi modern Konsumgesellschaft: Betong, CO2, asw.