Online-Handel
Nazipropaganda bei Amazon: „Solche Bücher sollen unverzüglich entfernt werden“
Darf Nazipropaganda bei Amazon vertrieben werden? Bei dem Online-Versandhändler werden Bücher von Julius Streicher vertrieben – der Chefredakteur der nationalsozialistischen Zeitung „Der Stürmer“ wurde bei den Nürnberger Prozessen 1946 für seine antisemitische Agitation zum Tode verurteilt.
Erst Christbaumschmuck mit Konzentrationslager-Motiven, jetzt Nazipropaganda: Amazon-Chef Jeff Bezos steht in der Kritik Foto: dpa/Andrej Sokolow
„Solche Bücher sollen unverzüglich entfernt werden“, twitterte die Gedenkstätte Auschwitz. Zu erstehen sind bei Amazon unter anderem in mehreren Sprachen die Hetzschrift „Der Giftpilz“ und die „Judenfrage im Unterricht“. Der „Holocaust Educational Trust“ mit Sitz in London protestierte ebenfalls und wies in seinem Schreiben an Jeff Bezos, den Gründer und Besitzer des milliardenschweren Marktführers im Online-Versandhandel, darauf hin, dass das Buch „Der Giftpilz“ eine der Beweisgrundlagen für das Todesurteil Julius Streichers bildete. Das Werk wurde 1938 herausgegeben und richtete sich mit seinen antisemitischen Illustrationen und Inhalten an Kinder. Unter anderem stellte Streicher Juden als „Teufel in Menschengestalt“ dar.
Bereits Anfang Dezember gab es einen Skandal, da auf Amazon als Vertriebsplattform ein chinesischer Händler Christbaumschmuck mit Motiven des Konzentrationslagers Auschwitz verkaufte. Der Konzern Amazon verfügt eigentlich über eine ethische Linie, was den Vertrieb seiner Produkte betrifft, dies ist auf der Webseite unter „Anstößiges und umstrittenes Material“ nachzulesen. Dort stehen „Produkte im Zusammenhang mit menschlichen Tragödien und Naturkatastrophen“ auf dem Index. Dies betreffe jedoch keine Bücher, Musik, Videos oder DVDs.
Verständnis für Protest, aber …
Dort will Amazon keine Gewaltverherrlichung dulden, solange es sich nicht um historisches Material handelt. Dies ist bei Streichers Schriften sicherlich der Fall, allerdings können die antisemitischen Inhalte immer noch Menschen beeinflussen. Nach Angaben der britischen Times seien die Bücher von einem amerikanischen Neonazi auf die Online-Plattform Amazon gestellt worden. Im Gegensatz zu dem geschmacklosen Weihnachtsschmuck weigert sich das amerikanische Unternehmen, die Bücher aus dem Verkauf zurückzuziehen.
„Wir glauben, dass der ermöglichte Zugang zum geschriebenen Wort wichtig ist, dies schließt Bücher ein, die manche verwerflich finden mögen“, erklärte ein Sprecher gegenüber der New York Times. Dabei habe man jedoch Verständnis für den Protest des „Holocaust Educational Trust“, einer Organisation, die sich mit ihrem pädagogischen Anliegen, vor Antisemitismus zu warnen, vor allem jungen Menschen zuwendet.
Bücher des 1967 verstorbenen Gründers der „American Nazi Party“, George Lincoln Rockwell, akzeptierte Amazon beispielsweise nicht mehr unter der Zuordnung „historisch“ und nahm sie vor einigen Monaten aus dem Sortiment. Die Gedenkstätte Auschwitz und „Holocaust Educational Trust“ kritisierten beide am Sonntag via Twitter auch die von Amazon produzierte Serie „Hunters“, an der Hollywoodstar Al Pacino mitwirkt. In der fiktionalen Geschichte über Nazi-Jäger im New York der 1970er Jahre kommt in Rückblenden ein „Todes-Schach“ mit KZ-Häftlingen vor, was es in Wirklichkeit nicht gegeben hat.
Die Gedenkstätte Auschwitz nannte dies eine „Narretei und Karikatur“ – und warnte, dass solche Fiktionen Holocaust-Leugnern als Argument dienen können. „Wir ehren die Opfer, indem wir exakt bei den Fakten bleiben“, hieß es von der Auschwitz-Gedenkstätte.