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Ein bedingungsloses Grundeinkommen zur Vorbeugung gegen Pandemien und als Beitrag zum Naturschutz?

Die Natur ist die Basis des Lebens. Industrielle Landwirtschaft und Massentierhaltung sind Folgen einer Wirtschaft, die stetes Wachstum einfordert, im Namen der menschlichen Gier einiger Unersättlicher und die dabei Pandemien in Kauf nimmt.

Ein bedingungsloses Grundeinkommen zur Vorbeugung gegen Pandemien und als Beitrag zum Naturschutz?

Foto: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa

Epidemien des 21. Jahrhunderts wie SARS, Schweinegrippe oder Covid-19 haben etwas gemeinsam: Die Erreger haben sich von Tieren auf den Menschen übertragen. Das vermehrte Aufkommen sogenannter Zoonosen ist kein Zufall, sondern die Folge des gegenwärtigen Lebensstils der Menschheit. Wir zerstören die Artenvielfalt. Forscher sagen uns, dass die Ursachen neuer Krankheiten die gleichen sind, die auch den Klimawandel verursachen. Tropischen Primärwald holzen wir ab für den Import von transgenem Soja für europäische Viehzuchtbetriebe. Die industrielle Intensivhaltung von Tieren, mit zu vielen Tieren auf engstem Raum, bietet Viren und anderen Erregern beste Bedingungen, um in kurzer Zeit das ganze Umfeld zu infizieren.  

Statt in Naturschutz, Kultur, Bildung und Gesundheit zu investieren, wird nur mehr über das Virus geredet und es verbreiten sich Angst, Depressionen, Autoritätshörigkeit und Lethargie. Genügt es zu testen, zu impfen, zu isolieren, Masken zu tragen und Hände zu waschen? Sicher nicht, aber über andere Möglichkeiten oder gar Notwendigkeiten wird vor allem in den Medien kaum gesprochen.

Bedürfnis nach sinnvollem Beitrag

Was jeder individuell tun kann: sein Immunsystem stärken! Was können oder müssen wir kollektiv tun, und zwar sofort? Statt nur die Symptome zu bekämpfen, müssen die Ursachen angegangen werden: Erhalt der Artenvielfalt, nachhaltige Biolandwirtschaft, Gemeinwohlökonomie, Lösung des weltweiten Armutsproblems – 30 Milliardäre besitzen so viel wie die Hälfte der Menschheit.

Kann ein bedingungsloses Grundeinkommen Teil der Lösung sein? Nicht als Sozialmaßnahme, weil es ja jeder erhalten sollte, sondern als Basis, um die menschlichen Fähigkeiten in Freiheit zu entwickeln und zum Wohle aller einsetzen zu können. Der ausbezahlte Betrag, der als „Sockel“ für weitere Einkünfte angesehen werden kann, sollte die Kosten für Nahrung, Wohnung, Kleidung und Kranken- und Pflegeversicherung decken und sich an der Armutsrisikoquote orientieren. Das bedingungslose Grundeinkommen garantiert nicht nur eine gesellschaftliche Integration für alle, eine Basisfreiheit der Teilhabe und die Wahrung der Menschenwürde, sondern es ermöglicht auch, weiterzuarbeiten wie bisher, aber für viele mit weniger Zukunftsangst und Abhängigkeiten.

Dass alle aufhören zu arbeiten, wenn sie ein bedingungsloses Grundeinkommen bezögen, ist falsch. Jeder gesunde Mensch hat das Bedürfnis, etwas Sinnvolles zum gesellschaftlichen Ganzen beizutragen; allein schon aus dem Grund, dass er dazugehören und anerkannt werden möchte. Es mag einige wenige geben, die unter keinen Umständen arbeiten würden. Die gibt es auch ohne bedingungsloses Grundeinkommen und wir ernähren sie trotzdem mit. Es gibt einige, die eine Auszeit brauchen. Hie und da sehr empfehlenswert, für jeden von uns. Manche arbeiten nicht, weil sie krank sind oder weil ihr ganzes Familiensystem es nie getan haben. Statt Kontrolle und Schnüffelei wäre Unterstützung angesagt. Kreativität ist zu fördern statt blinder Gehorsam und unreflektierte Konsumbereitschaft. Und dann gibt es noch die Menschen, die jedes Schlupfloch oder jede Anlagemöglichkeit nutzen, um den höchst möglichen Gewinn aus dem jetzigen, und aus meiner Sicht, fragwürdigen System zu ziehen, und dies ohne zu arbeiten. Sicher ist das legitim, solange die Gesetzgebung es ermöglicht, aber genau hier befindet sich ein Teil des Problems.

Die Finanzierung des bedingungslosen Grundeinkommens wurde mittlerweile vielfältig und facettenreich überlegt und seine Finanzierbarkeit bereits mehrfach bestätigt. Finanzierungsmöglichkeiten wären z.B. eine Finanztransaktionssteuer, Konsumsteuern, CO2-Steuern oder Maschinensteuern. Geldschöpfung durch die Zentralbank und Verteilung an die Bürger eine weitere Option. Die Europäische Zentralbank hat in den letzten Jahren viele Billionen Euro monatlich für Nettoankäufe von Vermögenswerten am Finanzmarkt getätigt. Auch in der Pandemie war die Bereitstellung riesiger Summen möglich. Vor allem große „systemrelevante“ Firmen, wie Fluglinien oder die Autoindustrie, profitierten davon. Es war weltweit noch nie so viel Geld im Umlauf wie momentan. Es handelt sich also um eine reine Verteilungsfrage. Sollte es in der Wirtschaft nicht um gegenseitige Bedürfnisbefriedigung gehen und nicht um persönlichen Profit auf Kosten von Mitmenschen? Die Natur und die menschlichen Fähigkeiten stellen die Basis der Ökonomie dar; beides wird den Menschen vom Leben geschenkt. Jeder hat ein Recht auf seinen Anteil. Eine Ausbezahlung in einer Regionalwährung könnte ebenfalls eine interessante Idee sein. Versehen mit einem Ablaufdatum könnte es den Geldfluss in der Region fördern, der lokal allen zugutekäme.

Keine neoliberale Sparmaßnahme

Das bedingungslose Grundeinkommen ist jedoch keine neoliberale Sparmaßnahme! Das wäre ein Missbrauch des Begriffs! Es ist ein Kredit, um seine Fähigkeiten als wahrer „Arbeit-Geber“ anbieten zu können.
Bedingungsloses Grundeinkommen ist keine Geldfrage – wie viele meinen –, sondern eine reine Bewusstseinsfrage. Könnten wir es wesensgemäß denken, wäre die Umsetzung eine Kleinigkeit, nämlich eine reine Willensfrage. Der Fortschritt in der Gesellschaft ist von der geistigen Ideenfreiheit und ihrer Verwirklichung abhängig.

Früher ernährten die Bauern die Menschen auf ihren Höfen. Heute konsumieren wir Produkte, die andere Menschen hergestellt haben. In der arbeitsteiligen Gesellschaft wird jede konstruktive Idee und jeder Handgriff für andere gemacht. Nehmen wir irgendein Konsumprodukt und bedenken, wie viele Menschen direkt oder indirekt daran beteiligt waren, um uns dessen Kauf zu ermöglichen, dann kommen wir zum Schluss, dass an fast jedem Konsumgut Millionen Menschen mitgewirkt haben.

Arbeiten diese Millionen Menschen nur um Geld zu scheffeln? Nein, sie tun das teilweise aus Zwang, weil sie keine andere Möglichkeit haben, ihre Grundbedürfnisse wie Nahrung, Wohnen oder Sicherheit zu sichern. Aber ein bewusster Mensch will auch etwas Sinnvolles zum gesellschaftlichen Ganzen beitragen, um dazuzugehören und anerkannt zu werden. Vielleicht gibt es sogar die Chance, etwas Kreatives zu tun, das zur Selbstverwirklichung beiträgt, gar zur persönlichen Lebenssinnerfüllung.

Man könnte das bedingungslose Grundeinkommen stufenweise einführen und warum nicht bei den Biobauern beginnen? Pandemien hätten in Zukunft weniger Chancen der Verbreitung! Bei Biobauern stehen nicht der schnelle Höchstertrag und kurzfristige Gewinne im Vordergrund, sondern der Schutz von Boden, Luft, Wasser, Pflanze, Tier und Mensch. Weitgehend geschlossene Kreisläufe im Betrieb, umweltgerechte Verfahren, Vermeidung von Umweltgiften und tierartgerechte Haltungsformen sind in der Biolandwirtschaft die Norm.

Eine willkommene Hilfe

Die biologische Landwirtschaft ist also keine Umkehr zur rückständigen Landwirtschaft. Sie baut vielmehr auf den Grundsätzen und langjährigen Erfahrungen aus der Zeit vor den Pflanzenschutzmitteln auf und entwickelt sich dank moderner Forschung an Universitäten und Versuchsbetrieben immer weiter.

Das landwirtschaftliche Einkommen eines Betriebs besteht heute aus dem Nettoertrag der verkauften Produkte und den Direktzahlungen der EU. Mit dem bedingungslosen Grundeinkommen würde nun eine dritte Größe ins Gesamteinkommen einfließen. „Der Markt“, das Diktat der Abnehmer und der Zwang zur Rationalisierung und Produktivitätssteigerung wären nicht mehr so erdrückend; die ProduzentInnen hätten gegenüber den Zwischenhändlern und dem Einzelhandel mehr Verhandlungsmacht – genauso, wie zum Beispiel auch die Angestellten gegenüber den Arbeitgebern eine freiere Position einnehmen könnten.
Überall dort, wo mit Menschen, Tieren und Pflanzen gearbeitet wird – sei es in der Landwirtschaft, der Pflege oder der Bildung – bedeutet bessere Arbeit mehr Zeitaufwand, mehr Geduld, mehr Zuwendung und mehr Achtsamkeit. Extreme Konsequenzen des Rationalisierens, des alleinigen Wachstums- und Profitdenkens führen zu solchen Auswüchsen wie Pandemien, wie wir sie gerade erleben. Wenn 2025 20% der landwirtschaftlichen Flächen in Luxemburg biologisch bewirtschaftet sein sollen, wie geplant, könnte ein bedingungsloses Grundeinkommen eine willkommene dazu Hilfe sein.

* Alfredo Groff ist Dr. phil., Psychotherapeut, Psychologe, Autor

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