Editorial
Besser ein Monument für John Lennon als „Mir, Wir, Nous, Us“
„Mir, Wir, Nous, Us“ ist noch bis zum Frühjahr hinter der hauptstädtischen Badeanstalt zu sehen Foto: Ville de Luxembourg/Tom Jungbluth
Überraschenderweise mussten Tausende von nicht-religiösen Menschen Anfang Januar feststellen, dass sie – zumindest in Luxemburg-Stadt – nicht zur Allgemeinheit gerechnet werden. Mittels einer religiösen Skulptur der Künstlerin Florence Hoffmann soll eine Botschaft der Toleranz vermittelt werden. Was eine Künstlerin darstellen will, und wie sie das tut, ist ihr allein überlassen; dass sie ihr Werk, das Symbole von fünf verschiedenen Religionen zeigt, aber „Mir, Wir, Nous, Us“ nennt, ist eine Anmaßung.
Laut einer Umfrage, die TNS-Ilres 2022 im Auftrag der Vereinigung AHA durchführte, gaben damals hierzulande 41 Prozent der Befragten an, nicht-religiös zu sein. 59 Prozent bezeichneten sich als religiös: unter diesen waren 53 Prozent Katholiken. Auf die Gesamtzahl hochgerechnet machen sie also lediglich 31 Prozent der Bevölkerung aus, an zweiter Stelle kommen Muslime mit 1,8 Prozent. Die Schlussfolgerung der Studie war und ist ganz simpel: Die Religion spielt im Leben der meisten Menschen in Luxemburg keine Rolle mehr.
Das „Wir“ der Künstlerin schließt also einen erheblichen Teil der Gesellschaft aus. Die Skulptur ist also faktisch ein Symbol der Intoleranz. Die Beschreibung der Skulptur auf der Website der Gemeinde setzt dem Ganzen die Krone auf: „Das Werk (…) stellt die Multikulturalität der Stadt durch die Symbole der fünf am häufigsten praktizierten Weltreligionen Christentum, Judentum, Islam, Buddhismus und Hinduismus in den Vordergrund.“ In Anbetracht der vorliegenden Zahlen sieht man zwar, dass diese sogenannte Multikulturalität zwar etliche Minderheiten berücksichtigt, die Mehrzahl der Bewohner der Stadt und des Landes (es handelt sich bei der besagten Gemeinde um unsere Hauptstadt, und nicht um irgendein Provinznest) jedoch außen vor lässt.
Die Künstlerin lade das Publikum ein, den menschlichen Zusammenhalt und das Zusammenleben in der Welt zu hinterfragen, und hoffe, eine Botschaft der Toleranz zu vermitteln, schreibt die Gemeinde. Angesichts der Tatsache, dass in der heutigen Zeit etliche Probleme in der Welt auf religiöse Intoleranz zurückzuführen sind, ist diese Botschaft bedenklich. Besonders die monotheistischen Religionen machen immer wieder durch Intoleranz auf sich aufmerksam. Beispiele gibt es genug: Im Nahen Osten beanspruchen sowohl Juden als auch Muslime die alleinige Wahrheit für sich und töten dafür. In den Vereinigten Staaten glaubt der Präsident von Gott auserwählt zu sein, um sein Land vor dem Untergang zu retten. Etliche Albernheiten werden dort mit Verweis auf die Bibel gerechtfertigt. Monotheisten haben allerdings nicht das Monopol auf Intoleranz: Regelmäßig wird auch Indien, wo die Hindus Millionen Götter zur Auswahl haben, von interreligiöser Gewalt heimgesucht.
Eine Botschaft für mehr interkulturelle Toleranz in Zeiten von wachsender Intoleranz ist wichtig, erscheint jedoch mehr als fraglich, wenn sie durch ein Werk symbolisiert wird, das in seiner Essenz bereits einen Großteil der Gesellschaft ausschließt.
Als Alternative schlagen wir ein großes Friedenssymbol vor, oder noch besser, eine Statue von John Lennon („Give peace a chance“). Das wäre eine Friedensbotschaft an wirklich alle Menschen: Schließlich war der Engländer populärer als Jesus.