Nahost

Bericht zu versehentlicher Geisel-Tötung in Gaza: Soldaten schätzten Hilferufe falsch ein

Bei der versehentlichen Tötung von drei Geiseln im Gazastreifen Mitte Dezember haben israelische Soldaten einer Untersuchung der Armee zufolge Hilferufe falsch eingeschätzt. Der am Donnerstag vorgestellte Bericht kommt zu dem Schluss, dass die Soldaten bei ihrem Einsatz im Gazastreifen am 15. Dezember auf die Geiseln schossen, nachdem sie diese fälschlicherweise für eine Bedrohung gehalten hatten.

Israelische Soldaten patrouillieren an der Grenze nahe Syrien

Israelische Soldaten patrouillieren an der Grenze nahe Syrien Foto: AFP/Jalaa Marey

Dem Bericht zufolge gingen die Soldaten davon aus, dass das Gebäude in der Stadt Gaza, aus dem die Geiseln kamen, mit Sprengstoff ausgelegt war. Bereits wenige Tage zuvor, am 10. Dezember, hatten die Soldaten demnach aus demselben Gebäude auf Hebräisch den Ruf „Geiseln“ gehört. Dies sei von den Soldaten jedoch als „Täuschungsversuch“ der Hamas interpretiert worden, hieß es in dem Bericht.

Bei ihrem Einsatz am 15. Dezember töteten die Soldaten den Angaben zufolge dann zunächst fünf Hamas-Kämpfer, die versuchten, aus dem Gebäude zu fliehen. Die drei Geiseln flohen der Untersuchung nach wahrscheinlich ebenfalls aus dem Gebäude. Die Männer im Alter zwischen 25 und 28 Jahren trugen demnach keine Oberbekleidung und riefen auf Hebräisch um Hilfe, einer von ihnen trug eine weiße Fahne bei sich. Zwei Geiseln wurden dem Bericht zufolge sofort getötet, die dritte Geisel floh.

Armee trägt die Verantwortung

Weiter hieß es, dass die Soldaten dann den Befehl erhalten hätten, nicht zu schießen und die fliehende Geisel zu identifizieren. Die Rufe „Hilfe“ und „Sie schießen auf mich“ hörend, forderte der israelische Kommandeur die Geisel auf, auf die Soldaten zuzugehen. Zwei Soldaten jedoch hätten den Befehl des Kommandeurs wegen des Lärms eines herannahenden Panzers nicht gehört und daher die Geisel erschossen.

Der israelische Generalstabschef Herzi Halevi erklärte, die Armee sei in diesem Fall bei der Rettung von Geiseln gescheitert. Die drei Todesopfer „hätten verhindert werden können“. Kurz nach Bekanntwerden des Vorfalls hatte der israelische Regierungschef Benjamin Netanjahu gesagt, die Tötung der drei Geiseln habe „das Herz der ganzen Nation“ gebrochen.

Alon Schamris, Jotam Haim und Samer El-Talalka waren am 7. Oktober von der radikalislamischen Hamas in den Gazastreifen verschleppt worden. Der 28-jährige Jotam Haim war Schlagzeuger einer israelischen Heavy-Metal-Band. Wie der 25-jährige arabische Israeli El-Talalka stammte er aus dem Kibbuz Nir Am. Das dritte Opfer, der 26-jährige Alon Lulu Schamris, wurde aus dem Kibbuz Kfar Aza entführt.

Bei ihrem beispiellosen Angriff auf Israel am 7. Oktober hatten hunderte Kämpfer der von der EU und den USA als Terrororganisation eingestuften Hamas zahlreiche Kibbuzim im Süden Israels überfallen und dort Gräueltaten verübt. Nach israelischen Angaben wurden etwa 1.140 Menschen getötet und rund 250 weitere als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt. Israel kündigte daraufhin die Vernichtung der Hamas an und greift seither in einer massiven Militärkampagne Ziele im Gazastreifen an.

Bei einer von Katar, Ägypten und den USA vermittelten einwöchigen Feuerpause waren im November insgesamt 105 Geiseln freigelassen worden – 80 von ihnen im Austausch gegen 240 palästinensische Häftlinge aus israelischen Gefängnissen. 129 Geiseln befinden sich nach israelischen Angaben noch immer im Gazastreifen, darunter Frauen, Kinder und ältere Menschen. (AFP)

Hilfskonvoi beschossen

Im Gazastreifen ist UN-Angaben zufolge ein Transport mit Hilfslieferungen unter israelischen Beschuss geraten. „Israelische Soldaten feuerten auf einen Hilfskonvoi, der aus dem nördlichen Gazastreifen auf einer von der israelischen Armee festgelegten Route zurückkehrte“, erklärte der Chef des UN-Hilfswerks für palästinensische Flüchtlinge (UNRWA) in Gaza, Thomas White, am Freitag im Onlinedienst X (vormals Twitter). Ihm zufolge wurde niemand verletzt, ein Fahrzeug wurde jedoch beschädigt.
Kurz zuvor hatte UN-Nothilfekoordinator Martin Griffiths ebenfalls auf X „eine unmögliche Situation für die Menschen in Gaza und für diejenigen, die versuchen, ihnen zu helfen“, angeprangert. In dem Beitrag erklärte er, dass Hilfskonvois beschossen worden seien – ohne dies jedoch näher zu erläutern. Laut UNRWA ereignete sich der Vorfall bereits am Donnerstag. Das israelische Militär erklärte auf Anfrage, den Vorfall untersuchen zu wollen.

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