Manipulationsvorwürfe gegen den Weltverband
Wurde Fechter Flavio Giannotte Opfer des Systems?
Seit Jahren hält Alischer Usmanow die Zügel des internationalen Fechtsports in der Hand. Der Oligarch hat viel Geld in seinen Lieblingssport investiert. Seine Regentschaft wird jedoch auch von Manipulationsvorwürfen begleitet. Bei der WM vor zwei Wochen in Tiflis machte möglicherweise auch der Luxemburger Spitzenfechter Flavio Giannotte Bekanntschaft mit dem System.
Flavio Giannotte erlebte in Tiflis eine herbe Enttäuschung Foto: Editpress/Alain Rischard
Seit 2008 ist der russische Milliardär Alischer Usmanow praktisch ununterbrochen Präsident der „Fédération internationale d’escrime“ (FIE). Von 2001 bis 2009 war der gebürtige Usbeke Präsident des russischen Verbandes und gleichzeitig Vorsitzender der European Fencing Confederation (EFC). Der mittlerweile 71-jährige, der selbst Säbelfechter war, hat gleich zu Beginn seiner FIE-Amtszeit große Summen in den Verband und in die Förderung des Fechtsports investiert. Er hat die technische Infrastruktur modernisiert, wovon viele kleine oder ärmere Nationen profitiert haben.
Im Laufe der Zeit wurde die FIE stark von den Geldern des Oligarchen abhängig. So kamen im Krisenjahr 2020 ganze 93 Prozent der Gesamteinnahmen des Weltverbandes direkt von ihm. Im Schnitt deckte er die Hälfte des jährlichen Haushalts ab, mit einem Gesamteinsatz von rund 90 Millionen US-Dollar. Nichts Ungewöhnliches für Usmanow. Laut einem Ranking der Sunday Times spendete der Unternehmer in den vergangenen Jahrzehnten rund sechs Milliarden US-Dollar.
Diese finanzielle Abhängigkeit geht mit problematischen Veränderungen struktureller und politischer Natur einher. Als Putin-Freund Usmanow 2022 infolge des russischen Einmarschs in der Ukraine zurücktrat, verlor die FIE einen Großteil ihres Budgets. Interimspräsident Manolis Katsiadakis aus Griechenland gab 2023 zu verstehen, dass die FIE „einen Weg zur finanziellen Unabhängigkeit“ suche. Davon ist der Verband aktuell jedoch weit entfernt.
Viele kleine nationale Fechtverbände, die von Usmanows Stiftung „For the Future of Fencing“ profitiert haben, zeigten ihre Loyalität bei seiner Wiederwahl im vergangenen Jahr. Kritiker werfen dem wiedergewählten Präsidenten vor, die Stimmenmehrheit indirekt gekauft zu haben. Durch die engen Verbindungen zum Kreml sind internationale Spannungen nicht ausgeblieben. Die USA, Deutschland, die Ukraine und die skandinavischen Länder fordern seinen Rücktritt. Der damalige IOC-Präsident Thomas Bach, auch ein ehemaliger Fechter, verhält sich neutral gegenüber dem ehemaligen IOC-Sponsor. Wenige Tage nach seiner Wiederwahl wird Usmanow erneut „freiwillig suspendiert“, um die FIE nicht zu gefährden. All dies bringt der Organisation einen zusätzlichen Verlust an Reputation.
Die Europäische Konföderation steht seit geraumer Zeit im Konflikt mit dem Weltverband. Dieser fußt in erster Linie auf die kontroverse Entscheidung der FIE zur Rückkehr russischer und weißrussischer Fechter unter neutraler Flagge. Im Jahr 2022 hatten beide Verbände gemeinsam beschlossen, die Athleten aus beiden Ländern zu sperren. Diese Sperre hatte die FIE dann aufgehoben und die Rückkehr als neutrale Fechter ermöglicht. Die EFC kritisierte diese Wende scharf und stimmte im Juni 2023 einem Verbot bestimmter russischer und belarussischer Athleten und Trainer zu und suspendierte die russische Fechtunion. Parallel wurde EFC-Präsident Stanislav Pozdnyakov abgesetzt, als Reaktion auf sein Verhalten auf den Ausbruch des Ukraine-Krieges. Zahlreiche europäische Länder, darunter Frankreich und Deutschland, sagten FIE-Wettbewerbe ab, um die Teilnahme russischer Sportler zu verhindern. Über 440 Fechter und Athletenorganisationen unterzeichneten offene Briefe gegen die FIE-Entscheidung.
Im September vergangenen Jahres wurde der Luxemburger Pascal Tesch zum Präsidenten der EFC gewählt. Vergangenen Monat hat der langjährige Vorsitzende des luxemburgischen Fechtverbandes im Namen der EFC einen offenen Brief veröffentlicht, der sich gegen die einseitige FIE-Entscheidung, die russischen und belarussischen Fechter wieder zuzulassen, richtet. Der Brief appelliert an einen offenen Dialog, bei dem die Perspektiven aller Athleten berücksichtigt werden.
In Anbetracht der Geschehnisse der letzten Jahre dürfte dies ein schwieriges Unterfangen werden. Im sogenannten „System Usmanow“ wurde ein komplexes Netzwerk an Machtstrukturen aufgebaut. Dies führte Kritikern nach zu einem Klima der Gefälligkeit, bei dem die Interessen der Sportler hintenangestellt werden, um es gelinde auszudrücken.
Leidenszeit
Im Raum stehen schwerwiegende Vorwürfe: unfaire Wettkampfbedingungen durch verschwiegene Dopingpraktiken, Manipulation der Ergebnisse und bevorzugte Schiedsrichterentscheidungen. Diese möglichen Praktiken rücken die Geschehnisse bei der Weltmeisterschaft vor zwei Wochen in Tiflis, die von Protesten gegen die Teilnahme der russischen und belarussischen Fechter begleitet wurde, in ein besonderes Licht.
Der Luxemburger Flavio Giannotte, der sich mit einer perfekten Vorrunde für das Hauptfeld der letzten 64 qualifiziert hatte, traf dort auf den Dänen Patrick Jorgensen. Im Verlauf des Duells, bei dem Giannotte über die gesamte Zeit führte, bekam der luxemburgische Meister zunächst die Gelbe und dann beim Stand von 13:11 die Rote Karte gezeigt, die mit einem Punktabzug einherging. Im „sudden death“ wurde sein vermeintlicher Siegtreffer vom Obmann annulliert, nachdem dieser sich das Video angeschaut hatte. Sein Gegner nutzte anschließend eine Unkonzentriertheit aus, um den entscheidenden Treffer zu setzen.
Es tut mir leid. Ich will nicht, aber ich wurde verpflichtet, es zu tun.
Die Worte des Schiedsrichters an Flavio Giannotte
„Die Kampfrichterleistung war unter aller Sau“, kommentierte die ehemalige deutsche Spitzenfechterin Imke Duplitzer, die Giannotte bei der WM begleitete, den Kampf wutentbrannt. Der Alptraum des Luxemburgers war damit jedoch noch nicht vorbei. Nach seinem Ausscheiden hatte Giannotte seinen Helm in die Luft geworfen, der ihm beim Auffangen aus den Händen gerutscht war und unglücklicherweise die Ecke der Zählanlage berührt hatte. Als er seinem Gegner zum Sieg gratulieren wollte, wurde er von einer herbeieilenden Frau am „Handshake“ gehindert.
Nach deren Rücksprache mit dem Referee, der die „Planche“ bereits verlassen wollte, kam dieser zurück und zeigte Giannotte, mit dem Blick auf den Boden gerichtet, die Schwarze Karte, die Höchststrafe im Fechtsport. „Es tut mir leid. Ich will nicht, aber ich wurde verpflichtet, es zu tun. Diese Worte habe ich zu hören bekommen“, berichtet Giannotte. Damit endete die WM für den Athleten des Cercle Escrime Sud mit der Streichung aus der Resultats-Liste und dem Verlust der Weltranglistenpunkte sowie einer mehrmonatigen Wettkampfsperre.
Dem Fechten droht das Olympia-Aus nicht unmittelbar. Bei den Spielen 2028 in Los Angeles gehört das Fechten weiterhin zu den 28 Kernsportarten. Darüber hinaus (Brisbaine 2032) besteht das Risiko, dass die Traditionssportart aus dem Programm gestrichen werden könnte. Damit es nicht so weit kommt, müssen die gravierenden Führungsprobleme der FIE gelöst werden. Der Weltverband braucht dringend eine demokratische Neuausrichtung, damit die Legitimität zentraler Entscheidungen nicht mehr von den Verbänden infrage gestellt werden muss und die Athleten sich in fairen Wettkämpfen messen können.