Radsport

Trotz Sturz: Pogacar gewinnt dramatisches Mailand-Sanremo-Rennen

Der schwere Frühjahrsklassiker Mailand-Sanremo ist an Dramatik kaum zu überbieten. Superstar Pogacar, stürzt, startet eine Aufholjagd und siegt im Sprint. Sein erster Sieg in Sanremo.

Thomas Pidcock im Zielsprint knapp geschlagen von Tadej Pogacar bei intensivem Radrennen-Finish

Thomas Pidcock (r.) hielt bis zum Ende mit Tadej Pogacar mit, musste sich aber im Zielsprint knapp geschlagen geben Foto: AFP/Marco Bertorello

Mit zerfetzter Radhose setzte Tadej Pogacar zum Tigersprung an, dann ballte er die Faust und schrie seine Freude heraus. Der Straßenrad-Weltmeister hat trotz eines heftigen Sturzes mit einer schier unglaublichen Energieleistung seinen Fluch besiegt und erstmals in seiner Karriere den schweren Frühjahrsklassiker Mailand-Sanremo gewonnen. Der slowenische Ausnahmefahrer siegte im Sprint knapp gegen den britischen Mitausreißer Thomas Pidcock. Den dritten Platz belegte nach 298 Kilometern der Belgier Wout van Aert.

„Als ich stürzte, dachte ich für eine Sekunde, alles ist vorbei. Es ist der wichtigste Teil des Rennens. Glücklicherweise war ich schnell wieder auf dem Rad. An meinem Rad und mir war nicht so viel kaputt. Die Beine waren noch in Ordnung“, sagte Pogacar nach seinem Coup. Teamchef Mauro Gianetti ergänzte: „Die Emotionen sind nicht in Worte zu fassen. Es war so kompliziert heute.“

Sturz kurz vor der Cipressa

Denn Pogacar passierte das Malheur 33 Kilometer vor dem Ziel, als er in einer Kurve heftig zu Boden gegangen war. Doch der viermalige Tour-de-France-Sieger sprang sofort wieder auf seine Rennmaschine, startete eine atemberaubende Aufholjagd und flog an der Cipressa quasi am ganzen Feld vorbei. Pogacar nahm sich nicht einmal Zeit zum Durchschnaufen, sondern ging direkt in den Attacke-Modus. Nur Vorjahressieger Mathieu van der Poel und Pidcock konnten ihm am vorletzten Anstieg noch folgen. Am letzten Anstieg musste schließlich van der Poel abreißen lassen.

Fünf gebrochene Rippen: „Hätte schlimmer kommen können“

Ein schwerer Sturz überschattet das Frauen-Rennen bei Mailand-Sanremo. Vor allem die Italienerin Debora Silvestri kommt hart zu Fall – hat aber offenbar noch Glück gehabt.

Die italienische Radrennfahrerin Debora Silvestri hat bei ihrem Horror-Sturz auf einer Abfahrt des Frühjahrsklassikers Mailand-Sanremo fünf gebrochene Rippen und einen Mikrobruch in der Schulter erlitten. „Nicht das Finale, das ich mir vorgestellt habe. (...) Es hätte schlimmer kommen können. Zeit, sich zu erholen, aber keine Sorge, ich komme wieder“, teilte Silvestri auf Instagram mit.

Die 27-Jährige war am Samstag auf der Abfahrt der Cipressa über die Leitplanke einige Meter in die Tiefe auf einen asphaltierten Weg gestürzt. Silvestri wurde ins Krankenhaus gebracht, war aber bei Bewusstsein, wie ihr Team Laboral Kutxa mitteilte.

Bei dem Vorfall waren zunächst einige Fahrerinnen, darunter Ex-Tour-Siegerin Kasia Niewiadoma-Phinney, zu Fall gekommen. Silvestri hatte versucht auszuweichen und war dann über die Leitplanke gegangen. Das gleiche Schicksal teilte eine weitere Fahrerin, die aber offenbar nicht so unglücklich aufgeprallt war und schnell wieder stehen konnte.

Das Rennen gewann die zweimalige Weltmeisterin Lotte Kopecky im Sprint vor der Schweizerin Noemi Rüegg. Dritte wurde Eleonora Camilla Gasparrini aus Italien.

So fiel die Entscheidung erst auf der Zielgeraden, als Pogacar wie ein Bahnsprinter lostrat. Der Mountainbike-Olympiasieger Pidcock, der sich zuvor an den zwei Anstiegen nicht abschütteln ließ, hielt dagegen, kam aber nicht mehr vorbei. „Ich wollte alleine gehen, aber Tom war richtig stark. Im Sprint war ich der Glücklichere. Tom ist ein richtig schneller Typ. Ich hatte ein bisschen Angst, als ich angetreten bin. Ich konnte aber nicht zu lange warten. Es war sehr knapp“, schilderte Pogacar die Entscheidung.

In den vergangenen Jahren hatte er den Sieg in Sanremo immer knapp verpasst, gleich zweimal stand ihm dabei sein großer Rivale van der Poel im Weg. Sogar die Radsport-Legende Eddy Merckx – immerhin siebenmal siegreich in Sanremo – hatte seinem Erben Tipps mit auf die Reise gegeben. Durch seinen ersten Triumph bei der Classicissima hat Pogacar nun vier der fünf Radsport-Monumente mit den wichtigsten Eintagesklassikern gewonnen. Ihm fehlt nur noch ein Sieg bei der Kopfsteinpflaster-Tortur Paris-Roubaix.

Geniets und Kluckers arbeiten

Die luxemburgischen Radprofis spielten bei der 117. Ausgabe des Rennens keine Rolle, arbeiteten aber viel für ihre Leader. Kevin Geniets (Groupama-FDJ) rollte als 153., 16:11 Minuten nach Pogacar, ins Ziel und Arthur Kluckers (Tudor) wurde 156. auf 16:23 Minuten. Während Tudor-Leader Matteo Trentin immerhin noch als Neunter in die Top Ten fuhr, musste sich FDJ-Kapitän Romain Grégoire mit Platz 18 zufriedengeben.

Im Überblick

117. Mailand-Sanremo, Eintagesrennen von Pavia nach Sanremo (298 km):
1. Tadej Pogacar (Slowenien/UAE Emirates-XRG) 6:35:49 Stunden, 2. Thomas Pidcock (Großbritannien/Q36.5) gleiche Zeit, 3. Wout van Aert (Belgien/Visma-Lease a Bike) 0:04 Minuten zurück, 4. Mads Pedersen (Dänemark/Lidl-Trek), 5. Corbin Strong (Australien/Israel - Premier Tech), 6. Andrea Vendrame (Italien/Jayco AlUla), 7. Jasper Stuyven (Belgien/Soudal Quick-Step), 8. Mathieu van der Poel (Niederlande/Alpecin-Premier Tech), 9. Matteo Trentin (Italien/Tudor Pro Cycling), 10. Edoardo Zambanini (Italien/Bahrain Victorious) alle gleiche Zeit, ... 153. Kevin Geniets (Luxemburg/Groupama-FDJ) 16:11, ... 156. Arthur Kluckers (Luxemburg/Tudor) 16:23

Seit Jahren bestimmen aber van der Poel und Pogacar das Rennen. „Auf welches Szenario ich hoffe? Auf ein siegreiches Szenario“, hatte Pogacar vor dem Start in Pavia betont. Der 27-Jährige war in Topform angereist, hatte vor zwei Wochen beim Schotterrennen Strade Bianche die Konkurrenz deklassiert und hatte in seinem Team sogar den Giro-Zweiten Isaac del Toro als Helfer.

Van der Poel behält recht

Aber auch van der Poel war wieder bestens vorbereitet. Erst dominierte er die Cross-Saison mit seinem achten WM-Titel und gewann anschließend noch zwei Etappen bei Tirreno-Adriatico. „Letztes Jahr war er schon nah dran. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis er das Rennen gewinnt“, hatte van der Poel prophezeit. Er sollte recht behalten.

Bevor es zur Sache ging, durfte sich aber erst einmal eine siebenköpfige Ausreißergruppe mit sechs Italienern ausprobieren. Fast sieben Minuten fuhren sie heraus, noch vor der Cipressa war aber auch der letzte Fahrer eingeholt.

Zum nächsten großen Aufeinandertreffen der Klassiker-Stars kommt es in zwei Wochen bei der Flandern-Rundfahrt, wo Pogacar im vergangenen Jahr triumphiert hatte. Eine Woche später folgt dann der Showdown in der Hölle des Nordens bei Paris-Roubaix.

0 Kommentare
Das könnte Sie auch interessieren

Leichtathletik

Victoria Rausch wird bei ihrer WM-Premiere 40.

Stabhochsprung

Duplantis siegt am Startort seiner Weltrekordreise

Enovos League

Walferdingen sichert seinen Play-off-Platz