„Déi schéinst’ Woch am Joër“
Träume, Tränen und Thüringer: „352 Football Festival“ präsentierte Dokumentarfilm über die Relegationswoche
Es dürfte für Fußballromantiker die Woche mit dem höchsten Thüringer-Konsum in Jahr sein: die Relegationswoche Ende Mai, Anfang Juni. Wie intensiv diese Tage tatsächlich sind, die über eine ganze Saison entscheiden, wer den Betrieb hinter den Kulissen am Laufen hält und bei wem die Tränen geflossen sind: Die Jungs von „Dräi Fënnef Zwee“ haben gemeinsam mit einer Expertin auf dem Gebiet, Tessy Troes, in ihrem halbstündigen Dokumentarfilm Emotionen, Tore und jede Menge „Punchlines“ einfließen lassen.
Das Beste kommt zum Schluss: Trainer Gilles Wagner hatte vor dem Relegationsduell angekündigt, sein Amt in Koerich niederzulegen, um eine Coaching-Pause einzulegen. Seine Spieler machten ihm den Abschied nicht gerade leicht. Foto: 352 Football Festival
Wer kennt es nicht: Die Nachspielzeit steht kurz bevor oder läuft bereits, die eigene Mannschaft führt knapp, die Blase drückt seit einer gefühlten Ewigkeit – doch der Schiedsrichter lässt unbeeindruckt weiterlaufen. „Jetzt pfeif’ doch endlich ab, ich muss pinkeln.“ Ehrlicher hätte Alexandra Dias Simões es in diesem Moment wohl nicht ausdrücken können. Die Betreuerin der Jeunesse Gilsdorf gehört zu den Persönlichkeiten, die bei „Déi schéinst’ Woch am Joer“ mit ihren Aussagen immer wieder mitten ins Herz der Fußballpuristen treffen und dem Dokumentarfilm seine Echtheit verleihen.
Fußball gehört für viele Leute zum echten Leben dazu
Pit Arnold
Dabei hatten die kreativen Köpfe von „352 Football Festival“ im Vorfeld eigentlich überhaupt nicht vor, das Gilsdorfer Betreuer-Duo während der Relegationswoche auf Schritt und Tritt zu verfolgen, sondern ursprünglich einen anderen unterklassigen Verein auf dem Wunschzettel stehen, dessen Schicksal sie in ihrem halbstündigen Dokumentarfilm zur Schau stellen wollten. „Es war faszinierend, wie offen die Leute waren, als wir mit unserer Idee auf sie zukamen“, erinnert sich 352-Gründungsmitglied Bryan Marcolino an die Kontaktaufnahme. „Uns hat man gleich jede Tür geöffnet. Es war, als wäre man zu Hause“, beschrieb er das Gefühl, das ihm der Aufenthalt in Gilsdorf bescherte.
Alexandra Dias Simões spiegelt die Uneigennützigkeit der guten Seelen jedes Vereins wider Foto: 352 Football Festival
Pit Arnold kümmerte sich in den Monaten vor der „schönsten Woche des Jahres“ um das Konzept, Interviewanfragen und Termine. „Aber es ist wie immer: Am Ende kommt nie das dabei raus, was man eigentlich vorhatte“, lachte er. Gemeinsam mit Tessy Troes, die mit ihrem Dokumentarfilm „Um Ball“ die ersten 50 Jahre des nationalen Frauenfußballs beleuchtet hatte, saß er später während zwei Wochen im Schneideraum, um die Sequenzen, Tonmaterial und Anordnung zusammenzufügen. Der Grundgedanke: „Wir wollen mit unserem Film zeigen, wie wichtig Sport und Zusammenhalt sein können und welchen Einfluss das Ganze auf die Menschen haben kann. Fußball gehört für viele Leute zum echten Leben dazu.“
Ein Hoch auf das Ehrenamt
Besonders bei den Einschnitten rund um den späteren Sieger Gilsdorf (3:1 gegen Lintgen) – etwa beim Ausfüllen des Spielerbogens, beim Aufhängen der Trikots oder bei dem Gefühl der Überwältigung nach dem erlösenden Schlusspfiff – stand das Ehrenamt gezielt im Vordergrund: „Oft heißt es, dass in einem Klub ja sowieso alles funktioniert, denn es findet sich immer irgendeiner, der die Arbeit erledigt. Aber wenn man dann merkt, wie teilweise mit ehrenamtlichen Helfern umgegangen wird, oder ausgerechnet sie angemeckert werden, wenn etwas schiefläuft …“ In Gilsdorf leisten Alexandra Dias Simões und Tiago Martins Lages pro Woche 18 Stunden ehrenamtliche Arbeit. Obschon auf der Leinwand nur Bruchteile sichtbar waren, ist die Kernaussage brutal: Nicht jeder Spieler, Trainer oder Fußballfan sieht, was die beiden im Alltag leisten – geschweige denn bedankt sich dafür. „Gleichzeitig ist es schön zu sehen, dass es solche Menschen gibt, die sich eben nicht nur wegen Geld engagieren“, fügte Arnold hinzu.
Das Kamerateam war mit FLF-Schiedsrichter Jérémy Muller im Auto unterwegs, filmte ihn beim Einsatz und ließ sich im Interview Einblicke in das Referee-Dasein geben Foto: 352 Football Festival
Es sei letztlich auch eine glückliche Fügung des Schicksals gewesen, dass mit dem FC Koerich zwei Tage später der andere Protagonist des Dokumentarfilms aufgestiegen sei. „Wir wollten Menschen zeigen, die authentisch sind. Ich kann mich wenig mit einer BGL Ligue identifizieren. Einen Tiago oder eine Alex gibt es in jedem Klub, gute Seelen wie Gilles Wagner (Ex-Trainer in Koerich) auch“, erklärte Pit Arnold. Zudem hatte der Coach eine besondere Geschichte zu erzählen: Es war, wie im Vorfeld angekündigt, sein allerletzter Einsatz auf der Bank der Koericher. Es war daher wenig verwunderlich, dass der 38-Jährige nach dem Schlusspfiff (2:1-Erfolg gegen Wintger) erst einmal ganz allein in die Kabine verschwand – und es statt Worten in die Kamera zunächst Freudentränen gab. Präsident Charel Leesch hatte im Trubel derweil andere Sorgen: Bier und Sekt.
Und was braucht es neben diesen engagierten Delegierten, Toren und Thüringern eben noch? Die ehrliche Sichtweise eines Schiedsrichters. Dafür kam mit Jérémy Muller ein ambitionierter Mann zu Wort, dessen Auftritt ihm wohl sicherlich den einen oder anderen Sympathiepunkt einbringen wird. Die treffende Analyse der Romantiker der „Missioun Grottekick“ hatte ohnehin mit Kritik aufgeräumt: „Wer selbst kein Maldini ist, sollte sich keinen Collina als Schiedsrichter erwarten“, gab Stefan Guden zu verstehen.
In der Relegationswoche ist die Schönheit dieser Spiele zwar komprimiert, doch eigentlich gibt es das jede Woche. Nur wissen wir das nicht zu schätzen …
Bryan Marcolino
Unter dem Motto „Kill your darlings“ musste bei der Zusammensetzung dieser halben Stunde an Emotionen und Schicksalen so einiges weggelassen werden. „Und irgendwie war es letztlich doch einfach, weil die Geschichten sich von selbst ergeben haben – wegen der Stärke der Charaktere, der Bilder und der Aussagen“, fügte Arnold hinzu. „Wir haben in Luxemburg einen enormen Reichtum, den wir nicht immer zu schätzen wissen“, formulierte es Marcolino.
Ihr übergeordnetes Ziel, die Anziehungskraft der „Barrage-Woche“ zu zeigen, haben sie jedenfalls erreicht. Das Publikum im „Gudde Wëllen“, das bei der Premiere dabei sein durfte, war begeistert. „Wir wollten beweisen, dass etwas Tolles dabei herauskommen kann, wenn ein paar Kollegen ihre Freizeit opfern. Es stecken viel Kraft, Recherche und Geld in diesem Projekt. In der Relegationswoche ist die Schönheit dieser Spiele zwar komprimiert, doch eigentlich gibt es das jede Woche. Nur wissen wir das nicht zu schätzen …“
Wer steckt hinter 352?
Gemeinsam mit Luca de Iuliis gründete Bryan Marcolino im November 2022 die „Dräi Fënnef Zwee Football Festival ASBL“. Der Hintergedanken war seit dem ersten Tag, einen Fußball zu beleuchten, der nicht unbedingt dauernd im Fokus steht. „Wir wollten zeigen, dass es andere Bezüge geben kann: Jugend, Frauenfußball, Ehrenamt – also nicht nur das reine Geschehen auf dem Platz“, erklärte Marcolino. „Wir schauen zwar auch Champions League, aber es ist eben nicht die Idee vom Fußball, die wir vermitteln wollen. Es gibt viele andere, die schon darüber berichten. Stattdessen geht es uns um Geschichten, über die weniger geredet wird. Es gibt einige, die eine Bühne brauchen: Selbst 1., 2, oder 3. Divisionen werden vernachlässigt. Dagegen sind Möchtegern-Halbprofis eher kontraproduktiv für jeden Verein.“ 2023 organisierten beide ihr erstes multikulturelles Festival in Düdelingen, bei dem neben internationalen Experten auch Vertreter von Copa90 (einem Fußball-Medienunternehmen) oder etwa eine Trikotdesignerin von Inter Mailand zu Gast waren. Inzwischen hat sich das Team vergrößert: Ivan Rinaldis, Maurice Bolmer, Noel Fautsch und Pit Arnold stießen dazu. Mit „Déi schéinst’ Woch am Joer“ wurde am Wochenende der erste Dokumentarfilm im „Gudde Wëllen“ präsentiert: Der Zuspruch war enorm: Beide Vorstellungen waren restlos ausverkauft.
Welche Pläne haben die Gründer von 352?
Die Schönheit der Relegationswoche geht auf Tour: Wer Lust hat, den Dokumentarfilm in der eigenen „Buvette“ zu zeigen, sollte in den nächsten Tagen regelmäßig die Social-Media-Kanäle von 352 Football Festival im Auge behalten. Denn ab Januar geht es für die Filmemacher auf Tournee. Pit Arnold erklärte: „Drei Vereine haben sich bereits gemeldet. Wir hoffen, dass es zehn werden – das wäre so ein kleiner Traum. Wir bringen den Beamer und den Ton mit. Wir wollen den Fußball damit ein Stück näher an die Leute bringen.“ Und logischerweise auch Spenden sammeln. Bis zu 10.000 Euro Mindestbudget geht für so einen Dokumentarfilm und die nötigen Experten für Bild und Ton drauf. „Wer will, kann bei der Tournee dann etwas spenden. Da geht es auch gar nicht darum, viel Geld einzunehmen, sondern die Leute zu bezahlen, die für uns gearbeitet haben.“