Tischtennis
Drei Jahrzehnte „Schach auf Speed“: Gilles Michely beendet seine Karriere
Gilles Michely ist eine der prägendsten Figuren des Luxemburger Tischtennis. Drei Jahrzehnte nachdem er zum ersten Mal einen Schläger in die Hand genommen hat, wird der langjährige Nationalspieler seine aktive Karriere nach der laufenden Saison beenden. Dem Tageblatt hat der 37-Jährige den Karriereverlauf geschildert, über die letzten Herausforderungen gesprochen und bereits einen Blick auf die Zeit nach seiner erfolgreichen Laufbahn geworfen.
Ein Bombenalarm am Flughafen oder im Haifischbecken der Allerbesten: Gilles Michely hat Höhen und Tiefen im Sport erlebt Foto: Editpress/Gerry Schmit
Tageblatt: Wann haben Sie die Entscheidung getroffen, Ihren Tischtennisschläger „an den Nagel zu hängen“?
Gilles Michely: Es war keine kurzfristige Entscheidung. Mit dem Gedanken hatte ich schon in der vergangenen Saison gespielt, habe mich dann jedoch entschlossen, noch eine weitere Saison dranzuhängen, nachdem ich in das „Comité directeur“ des Verbandes gewählt worden war. Ich hatte mir vorgenommen, auf einem anständigen Niveau aufzuhören. In meinen drei Jahren in Linger habe ich den Spaß am Tischtennis wiedergefunden.
Wie sind Sie zum Tischtennis gekommen?
Angefangen habe ich im Alter von sieben Jahren beim DT Grevenmacher, wo mein Vater aktiv war. Ich hatte ein gutes Gefühl für den Ball und das Training hat mir gleich Spaß bereitet.
Auf die ersten Erfolge mussten Sie nicht lange warten.
Als Achtjähriger wurde ich Zweiter beim Kriterium der Minimes, unter Konkurrenten, die alle zwei Jahre älter waren. Es hat nicht lange gedauert, bis ich in die Jugendnationalmannschaft aufgenommen worden bin. Danach ging es schnell nach oben und ich gehörte in Europa zu den besten meiner Altersklasse. Im Alter von 15 Jahren bin ich nach Deutschland gegangen, um dort die Schule mit dem Sport zu kombinieren.
Für welchen Verein haben Sie in Deutschland gespielt?
Zunächst war ich zwei Jahre in Heilbronn, wo der langjährige FLTT-Sportdirektor Martin Ostermann aktiv war. Der erste Knick kam mit 17, als ich nach Düsseldorf gegangen bin. Dieser Verein hat im Tischtennis den gleichen Stellenwert wie der FC Bayern München im Fußball. Ich bin in eine Profigruppe mit unter anderem Timo Boll, Michael Maze und Jun Mizutani gekommen. Es hat niemanden wirklich interessiert, dass da ein Nachwuchsspieler hinzugekommen ist. Ich war mit Abstand der schwächste Spieler dieser Gruppe. Diese konnte man mit einem Haifischbecken vergleichen. Dabei möchte ich Timo Boll jedoch ausklammern, der immer mit jedem sehr freundlich war. Diese Situation hat mich mental heruntergezogen. Wegen der Schule war ich dort drei Jahre lang „gefangen“.
Michely (2.v.l.) bei den JPEE 2015 Foto: Editpress/Julien Garroy
Wie ging es danach weiter?
Nach meinem Abitur ging es 2008 nach Grenzau. Die vier Profijahre in Verbindung mit der Armee waren eine sehr schöne Zeit. Große spielerische Fortschritte hatte ich dort allerdings keine mehr gemacht und lag um Platz 300 in der Weltrangliste. Die COSL-Vorgabe, um weiter in der Armee bleiben zu können, war die Olympia-Qualifikation für London oder eine Top-200-Platzierung. Da mir dies nicht geglückt ist, habe ich mich mit 23 Jahren entschieden, eine berufliche Karriere einzuschlagen.
Haben Sie die eine oder andere Entscheidung bereut?
Da bin ich zwiegespalten. Keine Entscheidung in meinem Leben, die ich bewusst getroffen habe, bereue ich. Mit der Erfahrung von heute, und das geht ja jedem so, hätte ich das eine oder andere Mal sicherlich anders entschieden. Danach fing die erfolgreiche Zeit mit dem DT Düdelingen an. Ich bin nach Düdelingen gegangen, um nach der Profikarriere nicht allzu tief zu fallen. Dieser Klub war am professionellsten aufgestellt. Gleich im ersten Jahr konnten wir den Titel holen, dem, neben sieben Pokalerfolgen, noch neun weitere folgen sollten.
Ich bin stolz, sagen zu können, dass ich während 20 Jahren zu den fünf besten Spielern in Luxemburg zählte. Seit dem Jahr 2006 bin ich der jüngste Landesmeister.
Ihre vier Landesmeistertitel im Einzel liegen zeitlich recht weit auseinander, was für ein konstant hohes Leistungsniveau spricht.
Ich bin stolz, sagen zu können, dass ich während 20 Jahren zu den fünf besten Spielern in Luxemburg zählte. Seit dem Jahr 2006 bin ich der jüngste Landesmeister. Luka (Mladenovic, Anm. d. Red.) und Maël (Van Dessel, Anm. d. Red.) waren nahe dran, und ich denke, dass ich in nächster Zeit als Rekordhalter abgelöst werde. Die Meisterschaften waren nie mein Lieblingsturnier. Zum letzten Mal habe ich vor zwei Jahren mitgespielt und kam noch einmal aufs Podium, womit ich auch mit dem Turnier Frieden schließen konnte.
Heißt das, Sie werden in diesem Jahr nicht dabei sein?
Eigentlich hatte ich nicht vor, dort aufzuschlagen. Allerdings hat mich Sarah (De Nutte, Anm. d. Red.) vor einer Woche, einen Tag vor Ablauf der Anmeldefrist, gefragt, ob ich mit ihr im gemischten Doppel antreten würde. Sarah ist die Einzige, für die ich eine Ausnahme mache, sodass ich bei den Meisterschaften dabei sein werde, aber nur in der Mixed-Doppel-Konkurrenz. Sollte ich das Halbfinale mit Linger nicht erreichen, so würde ich zumindest mein allerletztes Match an der Seite einer Olympionikin bestreiten.
Welche Trainer haben sie besonders beeindruckt?
Mit großem Abstand der Schwede Linus Mernsten, der in jedem Land bewiesen hat, was er draufhat. Leider hatte ich nur anderthalb Jahre mit ihm zu tun. In Grenzau war es der ehemalige Weltranglisten-Zweite Chen Zhibin, ohne Martin Ostermann zu vergessen.
Gab es Vorbilder?
Von kleinauf war Jan-Ove Waldner mein Vorbild, aber auch Timo Boll. Auf einer EM habe ich gegen Vladimir Samsonov gespielt und habe eine gewisse Aura gespürt, als ich ihm die Hand gegeben habe. Zu dem Moment hatte ich das Spiel eigentlich schon verloren. Das beste Match, das ich gewonnen habe, war wahrscheinlich mein Sieg gegen Simon Gauzy in der Champions League.
Was sind Ihre schönsten Erinnerungen aus all den Jahren?
Die besten Momente waren für mich die Erfolge im Team. Ich erinnere mich gerne an meine erste WM 2006 in Bremen, als wir aufgestiegen sind, aber auch an die ganzen Erfolge mit Düdelingen und Linger.
Als Heinz Thews den Mietwagen geholt hat, haben wir seinen Koffer stehen lassen. Das war spektakulär, ebenso wie die Rüge danach.
Was gefällt Ihnen besonders an dieser Sportart, was hat sich geändert?
Tischtennis ist wie Schach auf Speed. Man muss in allen Bereichen gut sein und seine Entscheidungen in Bruchteilen von Sekunden treffen. In den letzten 20 Jahren haben sich die Spieler besonders im physischen Bereich weiterentwickelt. Es gab eine Reihe von tiefgreifenden Regeländerungen, auch die Vermarktung der Sportart wurde verbessert. National hat sich nicht viel geändert, Ni Xia Lian war da, als ich angefangen habe, und ist auch jetzt noch da (lacht).
Eine Anekdote?
Im Alter von 12, 13 Jahren, kurz nach den Anschlägen auf das World Trade Center, war ich mit Gilles Schäfer in Schweden und wir haben dort einen Bombenalarm auf dem Flughafen ausgelöst. Als Heinz Thews den Mietwagen geholt hat, haben wir seinen Koffer stehen lassen. Das war spektakulär, ebenso wie die Rüge danach.
Werden Sie dem Tischtennis in Zukunft erhalten bleiben?
Mir ist es wichtig, nach der Karriere Verantwortung zu übernehmen. Der Posten im „Comité directeur“ bereitet mir Spaß und ich werde noch ein weiteres Mal kandidieren. Ich möchte dort anpacken, wo ich die meiste Ahnung habe, das heißt im Kader-Bereich. Unser junges Team hat frischen Wind hereingebracht, unter der Präsidentschaft von Charel Müller, der einen richtig guten Job macht. Als Trainer sehe ich mich nicht, da ich dafür nicht die nötige Geduld habe. Eine Funktion als Coach könnte ich mir jedoch vorstellen.