Rekordstürmerin verabschiedet sich
Amy Thompson beendet ihre Fußballkarriere im Sommer
Dass Stürmerin Amy Thompson die internationale Karriere im Sommer beenden würde, stand bereits seit einem halben Jahr fest. Nun aber traf die 31-jährige Differdingerin die Entscheidung, die Schuhe im Juni ganz an den Nagel zu hängen. Ein Interview.
Amy Thompson erzielte in den vergangenen drei Jahren 24 Tore für Luxemburg Foto: Editpress/Fernand Konnen
Tageblatt: Sie hatten in Ihrer Karriere schon die eine oder andere längere Pause eingelegt, kehrten aber immer wieder auf den Fußballplatz zurück. Ist es diesmal ein definitiver Abschied?
Amy Thompson: Ja, vom Fußballspielen definitiv. Ich stand, seit ich fünf oder sechs Jahre alt war, fast jeden Tag auf einem Platz. Das ist eine lange Zeit, wenn man 27 Jahre später noch immer bereit ist, alles zu geben. Jetzt ist aber der Moment in meinem Leben gekommen, in dem ich noch profitieren will: Ich möchte nicht mehr eingeschränkt sein, wenn ich einen Urlaub plane. Zudem habe ich private Projekte, die bislang nie eine Priorität sein konnten.
Man sagt ja immer, dass man aufhören soll, wenn es am schönsten ist: In den nächsten Wochen stehen das Pokalfinale mit dem Tabellenzweiten Differdingen (gegen Leader Racing) sowie die beiden Länderspiele gegen Belgien an. Wie groß sind die Chancen, dass man Sie bei allen drei Terminen sehen wird?
So wie es momentan läuft, sind die Chancen groß. Es könnte ein schöner, persönlicher Abschluss werden. Ich denke auch, dass ich das für mich selbst brauche. Diese Saison war schwierig aufgrund der Rückschläge und Verletzungen. Meine Karriere bei den Jungs habe ich damals mit einem Finalsieg bei den Scolaires beendet. Ich hoffe, dass sich das jetzt auch so bei den Damen wiederholen wird. Selbst wenn ich nicht viel in der Liga B dabei sein konnte, wäre es schön, an diesem Höhepunkt aufzuhören.
Ein Bild von 2015: Damals gab es nur sehr selten die Chance, sich mit der Nationalmannschaft zu zeigen Foto: Editpress/Jerry Gerard
Es ist kein Geheimnis: Der Ermüdungsbruch kurz vor dem Auftakt der WM-Qualifikation in der Liga B traf Sie hart. Gab es Zweifel, dass Sie nochmal zurückkommen würden?
Ja, ich habe öfters daran gedacht. Ich war zwischenzeitlich ja wieder zurück und habe mich dann gegen Junglinster wieder verletzt. Es gab vier, fünf Momente, in denen ich alles hinschmeißen und sofort aufhören wollte. Zum Glück habe ich aber ein paar wichtige Leute an meiner Seite, die mich überzeugt haben. Sie haben mir klar gemacht, dass ich diese Entscheidung bereuen würde. Meine Freundin, Andreia Machado, Sabrina Deda (beide Racing) und mein bester Freund haben mich überredet, die Saison zu beenden. Ich bin ihnen dankbar und ich bin wirklich froh, dass es nochmal bergauf mit der Gesundheit geht. Heute weiß ich auch, dass sie wohl recht gehabt hätten - und ich es bereut hätte, weil wir noch ein Finale vor uns haben. Das allerletzte Spiel wäre dann das Heimspiel gegen Belgien in der Liga B – vor unseren Fans. Das wäre ein schönes Ende.
Ein Abschied ist auch immer eine gute Gelegenheit, zurückzublicken. Wie würden Sie Ihre außergewöhnliche Karriere beschreiben?
Ich würde sie als Achterbahnfahrt beschreiben. Ich habe vieles miterlebt. Es gab schwere Moment, aber eben auch ganz viele schöne Erfahrungen. Das alles werde ich mitnehmen. An Ende sind diese Erlebnisse wichtiger als Ergebnisse von einzelnen Spielen. Diese Emotionen, Spiele und Menschen, die ich kennenlernen durfte, werde ich nicht vergessen. Es gab auch weniger schöne Tage. Als ich das erste Mal weit weg von Familie und Freunden in den USA war, durfte ich dort nicht sofort spielen. Er war deshalb kompliziert, mich am College in das Team zu integrieren. Hinzu kamen später größere Verletzungen. Der Ermüdungsbruch war schon der Zweite. In diesem Fall wissen wir nicht, ob ich im Winter zu früh mit dem Training begonnen habe oder der Bruch im Dezember übersehen wurde.
Ihren einzigen Meistertitel gewann Amy Thompson 2011 mit dem Progrès Niederkorn Foto: Editpress/Marcel Nickels
Sie haben 2011 Ihren ersten und bislang einzigen Titel mit Niederkorn gewonnen, 12 Jahre später wurden Sie Torschützenkönigin (55 Saisontore) mit Mamer. Was bedeutet Ihnen mehr?
Ein Titel, den man kollektiv gewinnt, wegen der Emotionen, die man mit anderen teilt. Ich erinnere mich daran, dass wir die Trophäe nicht sofort erhalten haben, sondern später für einen Empfang nach Monnerich eingeladen wurden. Ich weiß nicht mehr, warum das war. Vielleicht hatte niemand mit uns gerechnet. Es war schade, denn wir hätten lieber mit den Zuschauern gefeiert. Danach war ich insgesamt vier Jahre nicht in Luxemburg und habe zwei Jahre wegen Verletzungen verpasst. Mit Mamer hatten wir immer Pech, dass es nicht zum Pokalsieg reichte, obwohl wir zwei Endspiele bestritten haben.
Welches Tor ragt heraus?
Die allerschönsten waren diejenigen mit der Nationalmannschaft. Das ist einfach ein anderes Niveau. Man repräsentiert ein Land, seine Nation. Besonders die Tore, die ich in den letzten drei Jahren mit den „Roten Löwinnen“ erzielt habe, bedeuten mir noch ein bisschen mehr. Vor zehn Jahren war es deutlich schwerer, Tore zu schießen: Die Mannschaft war eine andere und wir hatten deutlich weniger Spiele. Vor meinem Comeback hatte ich elf Tore für Luxemburg erzielt – seit 2022 kamen 24 hinzu. Das ist ein klares Zeichen dafür, dass das Team stärker wurde und wir besseren Fußball gespielt haben.
Ich sage jungen Spielerinnen immer wieder, dass sie nicht wissen, welches Glück sie haben
Amy Thompson
Déifferdeng 03
Sie haben den Frauenfußball seit Ihrem 14. Lebensjahr nachhaltig geprägt und werden wohl noch lange die erfolgreichste Stürmerin der Nationalmannschaft sein. Wie lange wird der Rekord bestehen bleiben?
Ich hoffe, nicht zu lange. Das würde bedeuten, dass andere Spielerinnen diese Freude erleben dürfen und wir viele Spiele gewinnen würden. Aber es ist in der Tat ein großer Vorsprung. Ich habe die Hoffnung, dass mich irgendwann eine neue Stürmerin überholt.
Der Pokalsieg mit Mamer blieb ihr verwehrt – doch mit Differdingen hat sie noch eine allerletzte Chance Foto: Editpress/Gerry Schmit
Sie haben vor rund 25 Jahren mit dem Fußballspielen begonnen. Was hat sich seither für die Mädchen und Frauen getan?
Es sind heute deutlich mehr Möglichkeiten vorhanden, damit jedes Mädchen Fußball spielen kann. Ich bin aber immer noch überzeugt davon, dass, solange man sich wohl fühlt und gut betreut wird, man versuchen sollte, so lange wie möglich bei den Jungs zu bleiben. Noch sind wir nicht so weit, dass alle Mädchenmannschaften qualitativ gut besetzt sind. Aber eins steht fest: Der Spaß steht noch immer im Vordergrund. Wer sich aber schneller entwickeln will und Ambitionen hat, wird bei den Jungs mehr gefordert. Wenn ich sehe, wie viele Agenten und Scouts aus dem Ausland zuschauen, wäre ich heute gerne wieder 15 Jahre alt. Ich sage jungen Spielerinnen immer wieder, dass sie nicht wissen, welches Glück sie haben. Wir hatten das alles damals nicht. Ich habe meinen Weg gemacht. Trotzdem würde ich lügen, wenn ich sagen würde, dass ich nicht auch gerne eine Etage höher gespielt hätte, wie es Charlotte Schmit in Portugal tut, oder Laura Miller in einer Top-Liga. Ich war damals in der 2. Bundesliga, aber ich hätte wohl nie eine Chance in der Bundesliga bekommen. Damals hat sich niemand für uns interessiert und es wäre nicht infrage gekommen.
Steckbrief
Amy Thompson
Geboren am 28. Juli 1994
Position: Sturm
Vereine: Progrès Niederkorn, SV Bardenbach (D), 1. FC Saarbrücken (D), SBU Seawolves (USA), Progrès Niederkorn, Mamer, Hesperingen, Déifferdeng 03
Größte Erfolge: Meistertitel 2011, Torschützenkönigin 2023 (55 Tore), Pokalfinalist 2022 und 2023
Nationalmannschaft: 54 Spiele, 35 Tore (Rekord)
Warum?
Sowohl das nationale als auch das internationale Niveau waren nicht gut genug, um auf sich aufmerksam zu machen. Weder die Liga noch das Nationalteam waren für Scouts die Reise wert.
Was braucht die Ligue 1 der Damen in den nächsten Jahren?
Die Vereine müssen mehr Energie in den Damenbereich investieren. Damit meine ich eben nicht die Finanzen, sondern das Interesse am Team. Wenn man Meister werden will, Titel gewinnen möchte, braucht es dafür die nötigen Einrichtungen und Rahmenbedingungen. Das geht von einem kompletten Trainerstab bis hin zum medizinischen Team. Das hat nicht jeder Klub. Heute wollen einige die Spielerinnen anlocken, bieten aber nicht die richtigen Möglichkeiten.
Sie standen bereits beim Progrès an der Seitenlinie. Wann wird man Sie wieder als Trainerin sehen?
Sicherlich nicht sofort. Ich will jetzt erst einmal vom Leben ohne Fußball profitieren. Als Trainerin wäre ich wieder als Erste auf dem Platz und als Letzte zu Hause. Es ist eine Option, meine Trainerausbildung fortzusetzen, aber kein Muss. Die Grundausbildung habe ich gemacht, zum C-Schein fehlt nur noch der sportliche Teil.
Ihr Rekord von 35 Treffern für Luxemburg wird wohl noch eine Weile bestehen bleiben Foto: Editpress/Fernand Konnen
Warum brauchen Sie diesen „Cut“ vom Fußball?
Ich werde weiterhin Sport treiben. Ich habe Padel entdeckt. Das ist etwas, das ich in Zukunft beispielsweise gerne öfters machen würde. Insgesamt habe ich aber den Spaß etwas verloren. Ich will reisen können, ohne mir Gedanken machen müssen. Der zeitliche Aufwand in den letzten Jahren war riesig, ich brauche Abstand und Luft.
Wie hat das Team auf Ihre Nachricht reagiert?
Sie haben es am Montag in der WhatsApp-Gruppe erfahren. Bislang kamen nur Emojis (lacht). Vielleicht werden es bei den Gespräch ein paar andere Reaktionen. Sowohl der Trainer als auch die Vereinsverantwortlichen haben Verständnis für meine Entscheidung gezeigt.
Sie sind für viele Nachwuchsspielerinnen ein großes Vorbild. Woran soll man sich erinnern, wenn man an die Karriere von Amy Thompson denkt?
Hoffentlich an die Einstellung: Wenn man etwas wirklich will und man hart dafür trainiert, kann man alles erreichen. Ich hoffe auch, dass sie verstanden haben, dass man Spaß haben darf. Bei einem Training steht seriöse Arbeit immer an erster Stelle, aber es darf auch gelacht werden. Dann macht der Sport Freude.
Letzte Frage: Alle Stationen und Momente Ihrer Karriere haben Sie als Tattoo auf der Haut verewigt. Was wird im Sommer hinzukommen?
Wohl nicht mehr viel ... Für den Pokal wäre noch ein Platz frei. Ansonsten wohl nur noch das Datum meines letzten Spiels für die Nationalmannschaft.