Leserforum
Zwischen Jubel und Angst – Irans Schicksalsmoment
Nach seiner Wahl inszenierte sich Donald Trump zunächst als Präsident des Friedens. Heute befiehlt er Militärschläge und spricht offen über einen Machtwechsel in Teheran. Das ist kein friedenspolitischer Kurs, sondern ein riskantes Spiel mit dem Feuer. Die Welt blickt gebannt auf den Iran. Der Tod von Ali Chamenei markiert zweifellos eine Zäsur. Fast vier Jahrzehnte lang stand er an der Spitze der Islamischen Republik. Seine Ära war geprägt von Repression, internationaler Isolation und einem Atomprogramm, das das Land wirtschaftlich ausbluten ließ. Proteste wurden brutal niedergeschlagen, Andersdenkende verfolgt und gefoltert. Viele Iranerinnen und Iraner bezahlten ihren Freiheitswillen mit Haft oder gar mit ihrem Leben. Sie hinterließen tiefe Wunden bei der Zivilbevölkerung. Kaum jemand wird dem Religionsführer nachtrauern.
Dass nun sowohl Erleichterung als auch Angst spürbar sind, ist daher nachvollziehbar. Gerade jetzt gilt: Alle Konfliktparteien sind durch das humanitäre Völkerrecht und die Genfer Konventionen verpflichtet. Zivile Infrastruktur wie Krankenhäuser, Wohnhäuser und Schulen muss geschützt werden. Die aktuellen Militärschläge der USA und Israels sind jedoch völkerrechtlich höchst umstritten. Das Gewaltverbot der UN-Charta gilt universell, d.h. unabhängig davon, wie autoritär ein Regime ist. Wer internationales Recht je nach politischer Opportunität auslegt, untergräbt die ohnehin fragilen Fundamente der Weltordnung.
Regimewechsel lassen sich nicht herbeibomben. Wenn überhaupt, dann wachsen sie aus der Gesellschaft selbst. Trumps Rhetorik vom „größten Moment“ für das iranische Volk mag innenpolitisch motiviert sein. Ein von außen erzwungener Regimewechsel birgt jedoch enorme Risiken. Mögliche Folgen sind ein Machtvakuum, ein Bürgerkrieg und eine regionale Destabilisierung. Die Erfahrungen im Irak nach 2003 und in Libyen 2011 sollten Mahnung genug sein. Auch die Rolle Benjamin Netanjahus verdient eine differenzierte Betrachtung. Israels Sicherheitsinteressen sind legitim. Doch Sicherheit entsteht nicht dauerhaft durch militärische Dominanz allein. Sie braucht Diplomatie, politische Lösungen und regionale Verständigung. Dauerhafte Stabilität wächst nicht aus Trümmern.
Der Tod Chameneis bedeutet nicht das Ende des Mullah-Systems. Die Revolutionsgarden, der Wächterrat und der Expertenrat – die Machtarchitektur bleibt bestehen. Entscheidend wird sein, ob sich Risse im Machtgefüge zeigen und ob die iranische Zivilgesellschaft den Raum erhält, selbst über ihre Zukunft zu entscheiden. Was jetzt zählt, ist internationale Besonnenheit. Die Menschen im Iran verdienen Frieden, Rechtsstaatlichkeit und wirtschaftliche Perspektiven. Eine militärische Eskalation im Nahen Osten könnte eine gefährliche Kettenreaktion auslösen, die verheerende Folgen für Zivilisten hätte. Zwischen Hoffnung und Abgrund liegt nur ein schmaler Grat.