Forum von Paulette Lenert

Ein drittes Standbein für den Wohnungsmarkt

Ein drittes Standbein für den Wohnungsmarkt

Symbolfoto: Editpress/Fabrizio Pizzolante

Die Debatte in der Abgeordnetenkammer über die Einrichtung einer nationalen Struktur zur Begleitung von Wohnungsbaugenossenschaften hat deutlich gemacht, dass die Wohnungsfrage längst mehr ist als ein politisches Einzelthema. Sie ist eine Frage der sozialen Stabilität, der wirtschaftlichen Attraktivität und der Generationengerechtigkeit.

Trotz intensiver Anstrengungen, wie dem Ausbau des sozialen Wohnungsbaus, regulatorischen Anpassungen oder Investitionsanreizen, bleibt der Druck hoch. Und es wird immer klarer, dass es nicht ausreichen wird, allein auf Beschleunigung und Neubau zu setzen.

Unsere Wohnungspolitik ruht im Wesentlichen auf zwei Säulen, dem privaten Markt sowie dem staatlichen, beziehungsweise öffentlich geförderten sozialen Wohnungsbau. Beide sind unverzichtbar, aber zwischen beiden besteht jedoch eine beachtliche strukturelle Lücke. Und genau hier setzt das genossenschaftliche Modell an.

Ergänzen statt ersetzen

Wohnungsgenossenschaften sind weder ein Gegenmodell zum Markt noch ein Ersatz für staatliches Engagement. Sie sind eine dritte Säule.

Ihr Grundprinzip ist einfach. Wohnraum wird nicht zur kurzfristigen Rendite geschaffen, sondern dauerhaft dem Gemeinwohl verpflichtet. Die Mieten orientieren sich an den tatsächlichen Kosten, spekulative Weiterverkäufe sind ausgeschlossen, die Bewohnerinnen und Bewohner sind beteiligt und übernehmen Verantwortung.

Dieses Modell stärkt langfristige Stabilität.

Gerade Haushalte mit mittlerem Einkommen, die weder Zugang zum klassischen sozialen Wohnungsbau haben noch die Preise des freien Marktes tragen können, finden hier eine realistische Perspektive.

Ein Blick nach München

In der Debatte wurde zu Recht darauf hingewiesen, dass Luxemburg eigene Lösungen braucht. Dennoch lohnt sich der Blick über die Grenzen.

München ist wirtschaftlich stark, wächst dynamisch und der Wohnungsmarkt steht unter erheblichem Nachfragedruck. Das sind Bedingungen, die Luxemburg durchaus vertraut sind. Und dennoch hat sich die Stadt München entschieden, im Gegensatz zur Stadt Luxemburg, gemeinwohlorientierte Wohnformen systematisch zu stärken.

Mit der Initiative „Sozialgerechte Bodennutzung“ verpflichtet sie private Entwickler, soziale und genossenschaftliche Anteile in größere Projekte zu integrieren. München zeigt, dass sich auch in angespannten Märkten politische Spielräume schaffen lassen, wenn der Wille vorhanden ist und entsprechende Begleitstrukturen bestehen.

Die Stadt München gründete vor mehr als zehn Jahren die „Mitbauzentrale“. Mithilfe dieser Unterstützungsstruktur wurden bis Ende 2024 mehr als 1.900 Genossenschaftswohnungen gebaut, 20 neue Genossenschaften gründeten sich.

Die LSAP fordert, eine solche Unterstützungsstruktur auch in Luxemburg einzuführen.

Es geht nicht darum, Modelle zu kopieren. Es geht darum, Instrumente zu adaptieren, um Resultate zu erzielen.

Warum eine Begleitstruktur entscheidend ist

Luxemburg verfügt bislang kaum bis gar nicht über gewachsene Strukturen im genossenschaftlichen Wohnungsbau. Es fehlt an spezialisierter Beratung, an koordinierter Expertise, an institutioneller Unterstützung.

Genossenschaften entstehen nicht spontan. Sie erfordern juristisches Know-how, Finanzierungskonzepte, Abstimmung mit Gemeinden und professionelle Projektentwicklung.

Genau hier setzt die LSAP mit ihrem Antrag an. Nämlich mit einer nationalen Begleitstruktur, die informiert, berät, vernetzt und erste Projekte absichert. Das ist kein spektakulärer Schritt, aber es ist ein strukturell wichtiger.

Auch der Bestand bietet Potenzial

In der Diskussion wurde ebenfalls deutlich, dass wir den bestehenden Gebäudebestand stärker in den Blick nehmen müssen.

Leerstehende Wohnungen und untergenutzte Gebäude sind in einer angespannten Marktsituation nicht nur ein statistisches Problem, sondern eine reale soziale Herausforderung. Genossenschaften können auch hier durch Erwerb, Renovierung und langfristige gemeinwohlorientierte Bewirtschaftung einen Beitrag leisten.

Auf diese Weise lässt sich ohne zusätzlichen Flächenverbrauch zusätzlicher Wohnraum schaffen und bestehende Strukturen könnten nachhaltig gesichert werden. Der Bestand ist keine Nebensache, er ist Teil einer umfassenden Lösung.

Zur Person

Ein drittes Standbein für den Wohnungsmarkt

Foto: Editpress/Julien Garroy

Paulette Lenert ist Abgeordnete der LSAP und frühere Gesundheitsministerin

Struktur statt kurzfristiger Effekte

Die vorgeschlagene Begleitstruktur wird die Wohnungskrise nicht über Nacht lösen. Aber sie kann die Voraussetzungen schaffen, damit ein drittes, dauerhaft stabiles Segment entsteht.

In einer so zentralen gesellschaftlichen Frage wie der der Wohnungsknappheit sollten wir uns nicht auf zwei Instrumente beschränken, wenn ein drittes sinnvoll ergänzen kann.

Diese Initiative richtet sich nicht gegen bestehende Maßnahmen. Sie erweitert sie. Sie setzt auf Diversifizierung statt Einseitigkeit, auf langfristige Stabilität statt kurzfristiger Effekte.

Dass der Antrag nach intensiver Debatte eine breite Mehrheit gefunden hat, ist mehr als ein parlamentarischer Vorgang. Es ist ein Signal, dass wir bereit sind, strukturell zu denken, dass wir Wohnen nicht nur als Marktfrage begreifen, sondern als Teil unserer sozialen Infrastruktur. Und dass in einer zentralen Zukunftsfrage parteiübergreifende Verantwortung möglich ist.

Vielleicht wird man diesen Beschluss nicht als spektakulären Wendepunkt wahrnehmen. Große Reformen beginnen selten mit großen Gesten, sie beginnen mit klugen Weichenstellungen. Die Entscheidung, das genossenschaftliche Segment institutionell zu stärken, ist eine solche Weichenstellung. Wenn Markt, Staat und ein dauerhaft gemeinwohlorientiertes drittes Standbein zusammenwirken, entsteht mehr als nur zusätzlicher Wohnraum. Es entsteht Stabilität auf einem Markt, der sie dringend braucht. Und genau darum geht es letztlich in der Wohnpolitik: nicht nur Wohnungen zu bauen, sondern bezahlbares Wohnen langfristig zu sichern.

Anmerkung

Das Tageblatt schätzt den Austausch mit seinen Leserinnen und Lesern und bietet auf dieser Seite Raum für verschiedene Perspektiven. Die auf der Forum-Seite geäußerten Meinungen sollen die gesellschaftliche Diskussion anstoßen, spiegeln jedoch nicht zwangsläufig die Ansichten der Redaktion wider.

1 Kommentare
Manfred Reinertz Barriera 18.03.202621:10 Uhr

Um das Problem , bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, um,wie sie richtig sagen, Frau Leneert, die soziale Stabilität, die wirtschaftliche Attraktivität und die Generationengerechtigkeit anzugehen kann man sich doch an dem Wiener Modell, entstanden aus den öffentlichen Wohnbauprogrammen der 1920er-Jahre, inspirieren, angepasst an die luxemburgischen Gegebenheiten.

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