Forum von Ursula von der Leyen
Darum sind engere Beziehungen zwischen der EU und Australien wichtig
Foto: AFP/Nicolas Tucat
Die jüngsten Entwicklungen im Nahen Osten machen besonders deutlich, wie vernetzt unsere Welt ist. Schockwellen aus dem Golfkonflikt breiten sich schnell in der Weltwirtschaft aus, treiben die Öl- und Gaspreise in die Höhe und führen zu Kostenerhöhungen in allen Bereichen – von Chemikalien über Düngemittel bis hin zu Lebensmitteln. In diesem Zeitalter zunehmender geopolitischer Spannungen müssen wir unsere Zusammenarbeit mit Partnern ausbauen, die unsere Werte und unsere Vision einer regelbasierten Welt teilen.
Deshalb bin ich heute in Australien. Die Geografie zeigt die Europäische Union und Australien auf entgegengesetzten Seiten der Welt – und durch die heutigen Herausforderungen kann sich diese Entfernung noch größer anfühlen. Aber die Geschichte zeigt etwas anderes. Immer wieder haben wir durch die prägenden Krisen des vergangenen Jahrhunderts zusammengestanden. Wir sind keine entfernten Fremden. Wir teilen, wie die Australier sagen würden, „a true mateship“. Und in dieser Zeit der neuen Unsicherheiten müssen wir diese Verbindungen noch mehr verstärken.
Australien ist das Herzstück des indopazifischen Raums, einer Region, die sich schnell zum Schwerpunkt der Weltwirtschaft entwickelt. Hier leben rund 60% der Weltbevölkerung und es finden sich einige der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt. Mehr als 40% der EU-Einfuhren stammen aus dem indopazifischen Raum, und die Seewege, die ihn durchqueren, untermauern unseren Wohlstand. Für Europa ist die Stärkung der Verbindungen mit der Region eine strategische Notwendigkeit.
Eine engere Zusammenarbeit zwischen der EU und Australien wird unsere beiden Gesellschaften sicherer machen
Eine engere Zusammenarbeit zwischen der EU und Australien wird unsere beiden Gesellschaften sicherer machen. Wir stehen seit Langem zusammen für die Verteidigung der Freiheit, von den Stränden der Normandie bis hin zu der heutigen Rolle Australiens als größter Nicht-NATO-Unterstützer der Ukraine. Wie die aktuellen Ereignisse im Nahen Osten erneut zeigen, hallt die Instabilität in einer Region weit über die Grenzen hinaus wider. Die Stabilität des indopazifischen Raums ist daher untrennbar mit der Sicherheit und dem Wohlstand Europas verbunden.
Deshalb rufen wir eine Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaft EU-Australien ins Leben. Sie wird gemeinsame Übungen ausweiten, die Zusammenarbeit bei hybriden Cyberbedrohungen vertiefen und die Verbindung zwischen unseren Verteidigungsindustrien stärken. Europäische Unternehmen sind in Australien bereits stark vertreten – Thales beschäftigt dort fast 3.800 Mitarbeiter und Rheinmetall ist der größte Lieferant von Militärfahrzeugen für die australischen Streitkräfte. Diese Partnerschaft wird die Zusammenarbeit weiter verbessern, Skaleneffekte schaffen und die Kosten auf beiden Seiten senken.
Geteilter Wohlstand ist der größte Garant für gemeinsame Sicherheit. Das ist das Grundprinzip der Europäischen Union und beschreibt auch unsere Beziehungen zu Australien.
Geteilter Wohlstand ist der größte Garant für gemeinsame Sicherheit. Das ist das Grundprinzip der Europäischen Union und beschreibt auch unsere Beziehungen zu Australien. Mit einer Wirtschaft im Umfang von 1,7 Billionen EUR ist Australien bereits der drittgrößte Handelspartner der EU und das zweitgrößte Investitionsziel. Wir sind nicht nur durch den Handel verbunden, sondern auch durch gemeinsame demokratische Werte und Standards, von den Arbeitnehmerrechten bis hin zur Online-Sicherheit.
Doch unsere wirtschaftlichen Beziehungen haben nicht mit unseren Ambitionen Schritt gehalten. Es ist Zeit, diese auf den neuesten Stand zu bringen. Deshalb wollen die EU und Australien ein wegweisendes Freihandelsabkommen unterzeichnen. Es wird Zölle auf den Großteil des Handels zwischen der EU und Australien abschaffen und könnte das europäische BIP bis 2030 um 4 Mrd. EUR erhöhen. Es wird die Investitionsströme in beide Richtungen liberalisieren. Heute sind europäische Investoren in Australien mit höheren Screening-Schwellen konfrontiert als ihre asiatischen Konkurrenten. Gleichzeitig suchen australische Pensionsfonds, die Vermögenswerte in Höhe von fast 3 Billionen Euro verwalten, stabile Ziele im Ausland. Europa ist ein natürliches Ziel. Die Öffnung dieser Kanäle ist eine klare Win-win-Situation.
Unsere Volkswirtschaften sind nicht nur aufeinander abgestimmt, sie ergänzen sich. Wie Premierminister Albanese sagte, verfügt Australien fast über das gesamte Periodensystem kritischer Mineralien. Es ist der weltweit größte Lithiumlieferant und verfügt über Rohstoffe, die für die sauberen Technologien der Zukunft von entscheidender Bedeutung sind – von Elektroautos in Spanien bis hin zu Offshore-Windturbinen in der Ostsee. Das Freihandelsabkommen trägt dazu bei, den Zugang zu diesen wichtigen Rohstoffen zu sichern. Und da es Zölle nicht nur auf Rohstoffe, sondern auch auf verarbeitete Produkte ausräumt, fördert es gemeinsame Investitionen in die lokale Verarbeitung und Herstellung hochwertiger Produkte.
In einer Welt, die von Konflikten und wirtschaftlichem Zwang geprägt ist, bedeutet Souveränität, die Abhängigkeit zu verringern
In einer Zeit, in der kritische Ressourcen zunehmend als Waffe eingesetzt werden, können Europa und Australien ein anderes Beispiel geben. Gemeinsam können wir sichere und verantwortungsbewusste Lieferketten aufbauen, die lokale Gemeinschaften unterstützen und gleichzeitig hohe Umweltstandards einhalten.
Diese Abkommen sind Teil des umfassenderen Strebens Europas nach strategischer Unabhängigkeit. In einer Welt, die von Konflikten und wirtschaftlichem Zwang geprägt ist, bedeutet Souveränität, die Abhängigkeit zu verringern. Es bedeutet sicherzustellen, dass kein Land den Zugang zu Energie, Halbleitern oder Seltenerdmineralen als Waffe nutzen kann, um unsere Wirtschaft als Geisel zu nehmen. Diese Unabhängigkeit kann nicht isoliert aufgebaut werden. Sie erfordert starke, diversifizierte Partnerschaften mit vertrauenswürdigen Verbündeten.
Dies ist ein ehrgeiziges Ziel, das Europa mit Australien und vielen anderen teilt. Die Handelsströme schrumpfen nicht, sondern sie verlagern sich. Von Indien bis Mexiko, von Brasilien bis Australien haben Länder die gleichen Ambitionen: Sicherheit, Wohlstand und die Freiheit, ihren eigenen Weg zu wählen.
In dieser sich wandelnden Welt zeichnet sich die Europäische Union als stabiler und zuverlässiger Partner aus. Wir bauen unsere Beziehungen auf der ganzen Welt aus. Allein in den ersten drei Monaten dieses Jahres haben wir historische Abkommen mit Mercosur, Indien und jetzt Australien vorangebracht – eine wahre Handelstrilogie. Gemeinsam bauen wir ein Netzwerk auf, das sich für offenen und fairen Handel einsetzt.
Letztendlich bauen wir Vertrauen auf. Das Vertrauen, dass Offenheit und Sicherheit Hand in Hand gehen können. Souveränität wird durch Partnerschaften gestärkt, nicht geschwächt. Und wir zeigen, dass in einer unsicheren Welt die Partner am stärksten sind, wenn sie zusammenstehen.