Übersetzung und KI
Zwischen den Zeilen liest nur der Mensch: Warum echte Qualität fachliche Expertise braucht
KI liefert Texte auf Knopfdruck, doch echte Präzision bleibt Handarbeit. Während Algorithmen an kontextueller Tiefe und ethischer Verantwortung scheitern, garantieren professionelle Übersetzer das nötige Vertrauen. Warum der Mensch in einer automatisierten Welt unersetzlich bleibt.
Der Mensch bleibt in einer zunehmend automatisierten Welt unersetzlich Symbolbild: Matthias Bein/dpa
Die Übersetzungsbranche erlebt eine technologische Revolution. Doch während die KI durch Tempo besticht, bleibt der Mensch das Maß aller Dinge. Professionelles Übersetzen ist kein mechanischer Wortwechsel, sondern die Kunst, Sinn, Nuancen und kulturelle Zusammenhänge präzise zu übertragen. Das Tageblatt hat bei den Experten Guillaume Deneufbourg und Dr. Martin Will nachgefragt, wie sie die Zukunft ihres Berufsstands bewerten.
Trugbild der perfekten Oberfläche
KI-Ergebnisse bestechen durch rhetorische Geschmeidigkeit – Fachleute nennen dies „Fluency Bias“. Trotz korrekter Grammatik zeigen sich bei differenzierter Analyse oft Mängel. Die KI neigt zu „Halluzinationen“, bei denen sie Inhalte erfindet oder durch zu wörtliche Übersetzung den Sinn entstellt. Guillaume Deneufbourg warnt davor, sprachliche Eloquenz mit faktischer Verlässlichkeit zu verwechseln. „Die Algorithmen produzieren plausible Resultate, die dennoch subtile Bedeutungsverschiebungen oder Sachfehler enthalten können.“ Sein Plädoyer: „Ein Entwurf mag oberflächlich kohärent wirken, doch die nötige Präzision wird erst durch den menschlichen Übersetzungsprozess erreicht. Überzeugungskraft ist kein Korrelat für Genauigkeit.

Guillaume Deneufbourg mahnt zur Vorsicht bei KI-Übersetzungen Foto: Deborah RImi
Besonders kritisch bleibt die Lage bei Fachtexten. Während wissenschaftliche Untersuchungen die Schwächen von KI-Systemen bei juristischen Übersetzungen belegen, beziffern Branchenanalysen die Fehlerquote bei komplexen Inhalten auf bis zu 25 Prozent. In Medizin oder Recht können terminologische Unschärfen fatale Konsequenzen haben. Hier ist eine Spezialisierung der Linguisten – oft auf Niveau eines Zweitstudiums – Standard. Dies verdeutlicht die Grenzen der Technologie, da der KI die sprachliche Intuition fehlt, um sowohl subtile Nuancen als auch hochspezifische Nomenklaturen fehlerfrei zu dekodieren.
Intuition versus Algorithmus
Warum scheitert die Maschine an Aufgaben, die einem Übersetzer logisch erscheinen? Für Dr. Martin Will liegt der Grund in der Arbeitsweise der Systeme. „Das menschliche Gehirn versteht und verarbeitet Sprache anders als Maschinen, da es diese mit Weltwissen sowie sinnlicher Erfahrung verknüpft. Der Mensch hat dadurch Zugang zu intensiv vernetzten Daten, die Intuition, Kreativität und Prägnanz ermöglichen. Die Maschine arbeitet hingegen rein textbasiert.“
Studien zufolge ist der Mensch in Bereichen wie pragmatischer Äquivalenz, Sprachregister, satzübergreifender Kohärenz und kreativer Umformulierung der Maschine deutlich überlegen. Ein menschlicher Übersetzer kann kulturelle sowie kontextuelle Aspekte wesentlich besser berücksichtigen, somit „zwischen den Zeilen“ lesen und subtile Zusammenhänge erkennen. Das schafft derzeit noch keine Maschine. Dies wird auch beim Training und der Weiterentwicklung der Übersetzungs-KI deutlich: Für die Bewertung maschineller Übersetzung werden in der Regel „Referenzübersetzungen“ verwendet, die von Menschen angefertigt wurden. Ohne den menschlichen Goldstandard fehlt der Maschine der Kompass.
Grenzen der KI beim Luxemburgischen
Die Leistungsfähigkeit der KI schwankt massiv je nach Sprache. Während Weltsprachen wie Englisch die Algorithmen mit riesigen Datenmengen füttern, sieht es bei ressourcenarmen Sprachen – den sogenannten „Low-Resource Languages“ – wie Luxemburgisch anders aus. Dr. Martin Will gibt zu bedenken, dass die geringe Sprecherzahl von rund 600.000 Menschen die verfügbare Textmenge natürlich beschränkt. Hinzu kommt eine historische Komponente: „Die Rechtschreibung wurde erst vor 80 Jahren standardisiert, und erst seit 40 Jahren ist Luxemburgisch Nationalsprache.“ Die vielen französischen und deutschen Lehnwörter erschweren technische Lösungen zusätzlich. Wer hier auf den Profi verzichtet, riskiert peinliche oder gar rufschädigende Fehler. Für publikationsreife Texte bleibt der menschliche Experte, der die lokale Kultur und die sprachlichen Feinheiten des Großherzogtums kennt, unersetzlich.

Dr. Martin Will hebt die unterschiedliche Arbeitsweise der KI hervor Foto: Deborah RImi
Wandel statt Ende
Trotz rasanter Fortschritte ist der bereits in den 1960er-Jahren prophezeite „Tod des Übersetzerberufs“ nicht eingetreten. Im Gegenteil: Während sich das Berufsbild fundamental wandelt, wächst die Nachfrage nach qualifizierter Expertise. Die KI wird zum Werkzeug – ähnlich wie einst die Einführung von CAT-Tools.
Guillaume Deneufbourg sieht in der technologischen Entwicklung eher eine Evolution als eine Verdrängung: „Neue Technologien verändern Berufe meist stärker, als dass sie sie verschwinden lassen“, erklärt er. Während die Erstellung von Standardtexten zunehmend automatisiert wird, steige der Wert spezialisierter Fachkräfte paradoxerweise an. „Wir beobachten, dass es in hochspezialisierten Bereichen – etwa im Finanzwesen oder bei spezifischen Sprachkombinationen – immer schwieriger wird, qualifizierte Übersetzer zu finden.“ Laut Deneufbourg verschiebe sich der Fokus weg von der reinen Wortübertragung hin zur finalen Instanz: „Die Qualität einer Übersetzung beruht auf Interpretation, Kontextverständnis und letztlich auf menschlicher Verantwortung.“
Doch diese neue Arbeitsweise bringt Herausforderungen mit sich. Viele Unternehmen versuchen, durch „Post-Editing“ – also das nachträgliche Korrigieren von KI-Entwürfen – Kosten zu sparen. Oft ist der Aufwand jedoch derart hoch, dass eine Neuübersetzung effizienter und qualitativ hochwertiger wäre. Will betont, dass die Verantwortung für das Endprodukt letztlich immer beim Menschen verbleibt: „Die Haftung übernimmt derjenige, der das Ergebnis liefert. Ein professioneller Übersetzer trägt durch seine Sorgfaltspflicht und eine oft vorhandene Berufshaftpflichtversicherung eine rechtliche Verantwortung, die eine KI nicht bietet. Das ist auch ein wichtiges Verkaufsargument: Der Kunde entledigt sich eines Teils seiner eigenen Sorgfaltspflicht, da er einen professionellen, haftbaren Partner hat. Wir müssen daher unserer Alleinstellung als Experten und Berater unserer Kunden gewissenhaft nachkommen. Denn ist die KI-Vorlage zu schlecht, ist ein kompletter Neubeginn oft die wirtschaftlichere Wahl.“
Menschliche Souveränität in der Datenflut
Die Zukunft der Übersetzungsbranche liegt nicht in der Verdrängung, sondern in einer intelligenten Symbiose. Während die KI gewaltige Informationsmengen in Rekordzeit bewältigt, muss die editorische und ethische Leitung zwingend in menschlicher Hand bleiben. „Der Mensch darf nicht zum Reparaturbetrieb degradiert werden, der lediglich KI-Fehler ausmerzt“, so der Tenor der Experten. Vielmehr gilt es, die technologische Power von Beginn an durch professionelle Expertise zu steuern. Will bringt dieses neue Selbstverständnis treffend auf den Punkt: „KI ist ein wichtiges Hilfsmittel, das in Zusammenarbeit mit dem Menschen einen neuen Maßstab setzt. Diese Synergie steigert die bisherigen maschinellen Effizienzgewinne noch einmal deutlich und stellt sowohl den Ansatz ‚Maschine allein‘ als auch ‚Mensch allein‘ in den Schatten.“
In einer Ära der Informationsinflation avanciert die verlässliche, kulturell verankerte Kommunikation zum raren Premiumgut. Fachübersetzer sind weit mehr als Sprachmittler; sie sind die Wächter der Integrität in einer Welt der generativen Beliebigkeit. Totgesagte leben eben doch länger – vor allem, wenn sie jene Qualitäten verkörpern, die kein Algorithmus simulieren kann: Hermeneutik, Empathie und die Übernahme von Verantwortung.
Zur Person
Guillaume Deneufbourg ist Dozent an der Universität von Mons (Belgien) und seit über zwei Jahrzehnten als freiberuflicher Übersetzer aus dem Niederländischen und Englischen ins Französische tätig. Im Bereich der institutionellen Übersetzung arbeitet er für Auftraggeber wie die Vereinten Nationen sowie das belgische Föderalparlament. Parallel dazu widmet er sich der Literatur: Sein Werk umfasst mehr als zwanzig Romane und Essays, von denen mehrere mit Preisen ausgezeichnet wurden.
Zur Person
Dr. Martin Will ist mit sechs Arbeitssprachen (darunter Luxemburgisch) seit über 30 Jahren als Konferenzdolmetscher und Fachübersetzer tätig, unter anderem für EU-Institutionen, nationale Ministerien und öffentlich-rechtliche TV-Sender. Als promovierter Translationswissenschaftler und Experte für computergestütztes Übersetzen und Dolmetschen verbindet er tiefgreifende Praxiserfahrung mit technologischer Innovation.