Den Escher Geméisguart
Wo Menschen eine neue berufliche Perspektive finden
Auf den Gemüsefeldern und in den Gewächshäusern des CIGL Esch herrscht im Frühling reges Treiben. Im Vordergrund: Gemüse, Menschen und die Sensibilisierung zur Herkunft unserer Lebensmittel. Ein Gespräch mit dem Team vor Ort.
Das CIGL Esch hilft Menschen bei der beruflichen Wiedereingliederung Fotos: Laura Tomassini
Es ist ruhig auf dem Escher Galgenberg. Wenn es regnet, ist der Wald quasi menschenleer. Im Dieswee ist schlechtes Wetter jedoch kein Grund für Stillstand, denn hier arbeiten die Angestellten des „Escher Geméisguart“, damit andere etwas auf dem Teller haben. Seit 2015 betreibt das CIGL Esch die rund zwei Hektar Fläche, auf der jährlich 35 Tonnen Gemüse produziert werden. Die Arbeit auf dem Feld oder in einem der zahlreichen Gewächshäuser ist aber längst nicht alles, was der „Geméisguart“ zu bieten hat, denn die Aufgaben teilen sich in vier Bereiche. „Die Basis ist natürlich die Produktion und der Verkauf von Gemüse, daneben haben wir Aktivitäten im Bereich der Animation zur Umwelterziehung, den Bereich des Baus, etwa von Pflanzkübeln, sowie den Bereich ,Essbare Stadt‘“, erklärt Projektkoordinator Mathieu Tassin.
Ousmane ist eigentlich gelernter Dolmetscher, fand aufgrund seines Alters in Luxemburg aber keine Arbeit und wurde vom Arbeitsamt zum CIGL geschickt
Im Vordergrund aller Aktivitäten steht dabei eine der beiden Hauptaufgaben des CIGL (neben dem Angebot lokal benötigter Dienstleistungen), nämlich die Hilfe zur beruflichen Wiedereingliederung von Arbeitnehmern, die es auf dem ersten Arbeitsmarkt schwer haben. Einer von ihnen ist Ousmane. Der 60-Jährige stammt ursprünglich aus Senegal, lebte 20 Jahre lang in Spanien und hat Management studiert. Seine Diplome, unter anderem als Dolmetscher, sind in Luxemburg nichts wert, oder besser gesagt: Die Zeit, die es gebraucht hätte, seine berufliche Erfahrung hier anerkennen zu lassen, hat Ousmane nicht. „Ich habe den ganzen administrativen Parcours in Spanien durchlebt und es in Luxemburg gar nicht erst versucht. Das Problem ist mein Alter, zudem bin ich Familienvater und habe zwei Kinder, da kann man nicht monate- oder jahrelang herumsitzen und auf Dokumente warten.“
Neue Möglichkeiten für die Zukunft
Nachdem Ousmane während der Covid-Pandemie für die „Laboratoires réunis“ arbeitete, versetzte das Arbeitsamt ihn auf den Galgenberg, wo er seit nunmehr gleich zwei Jahren Samen sät, Unkraut jätet und Gemüse erntet. Am 2. Juli kommt sein Arbeitsvertrag mit dem CIGL auf ein Ende, denn dann hat der 60-Jährige die Maximalzeit zur beruflichen Wiedereingliederung erreicht. „Wenn alles wie geplant läuft, fange ich dann als Auslieferer bei den Laboratoires réunis an.“ Dass Ousmane nicht seiner Karriere entsprechend eingestellt wird, nimmt er locker: „Ab einem gewissen Alter muss man sich eben mit manchen Dingen abfinden. Hier habe ich viel gelernt, ich arbeite in der Natur und muss morgens keine Krawatte tragen oder von einem Meeting zum nächsten rennen. Die Arbeit ist unkompliziert und ich bin freier als zuvor.“
Bei uns haben sie die Möglichkeit, zahlreiche unterschiedliche Berufe kennenzulernen und an Ausbildungen teilzunehmen
Mathieu Tassin
Projektkoordinator
Auch die anderen im Team, 18 sind es insgesamt, haben eigentlich etwas ganz anderes gelernt, aber ihre Lebensumstände haben sie alle in den „Escher Geméisguart“ geführt. „Manche haben wie Ousmane Schwierigkeiten, eine Arbeit zu finden, weil sie zu alt oder körperlich nicht mehr fit sind, andere kommen aus schwierigen Verhältnissen. Bei uns haben sie die Möglichkeit, zahlreiche unterschiedliche Berufe kennenzulernen und an Ausbildungen teilzunehmen, natürlich mit dem Ziel, vor Ablauf der zwei Jahre eine feste Anstellung in einem Betrieb zu finden“, erklärt Tassin. In Esch, beziehungsweise im solidarischen Garten „Kalendula“ in Altwies, werden dabei nicht „nur“ zukünftige Gärtner ausgebildet – manche entdecken Talente, von denen sie bis dato nicht mal selbst wussten.
Menschen und Arbeit valorisieren
Das Gemüse aus Esch kann man vor Ort kaufen, im Korb nach Hause bestellen oder auf dem Wochenmarkt der Stadt finden
„Hossien ist sehr talentiert im Umgang mit Kindern, also besteht die Möglichkeit, sich zum Erzieher ausbilden zu lassen, bei anderen beobachten wir während Aktivitäten einen guten Draht zu Senioren, diese können dann eine Karriere als Hilfskraft im Pflegebereich anvisieren“, so der Projektkoordinator. Es gehe stets darum, die Arbeit und die Menschen, die diese ausführen, zu valorisieren, deshalb ist der „Geméisguart“ auch für die Öffentlichkeit zugänglich. Während das Team an Schulküchen, „Maisons relais“ und Restaurants ausliefert, können Privatpersonen so ebenfalls vor Ort Gemüse kaufen oder sich einen Korb nach Hause bestellen. Zweimal die Woche findet man die Produkte aus dem Dieswee dann auch auf dem Escher Markt, sodass stets ein guter Kontakt zwischen den Angestellten und der Kundschaft besteht. „Für mich persönlich ist es das Allerschönste, wenn zum Beispiel jemand aus einem Gemeinschaftsgarten anruft, um eine Person aus unserem Team zu einem Fest einzuladen, weil diese im Garten die Kübel bewässert hat und so Bekanntschaften entstanden sind“, sagt Tassin.
Im Vordergrund steht die Produktion von Gemüse, aber auch die Sensibilisierung nach außen ist wichtig
Hinter jedem geernteten Gemüse steckt nämlich eine Geschichte, ein paar Hände, das dieses aus dem Boden gezupft, gewogen, gewaschen und geschnitten hat. Auch Paulo kümmert sich um die über 250 Gemüsesorten, die auf dem Galgenberg angebaut werden. Egal ob Radieschen, Tomaten, Kohl, Pilze oder Spinat: Es muss sich das ganze Jahr drum gekümmert werden, sonst wird das nichts mit der Ernte. „Ich hatte großes Glück, dass ich hier gelandet bin und ein solch wunderbares Team habe“, meint der 63-Jährige. Wegen Rückenproblemen kann Paulo nicht mehr jede Arbeit ausführen. Im „Geméisguart“ wird deshalb versucht, Aufgaben zu finden, die seinen körperlichen Fähigkeiten entsprechen. „Unsere Betreuer tragen alle zwei Kappen. Manche sind Gemüsegärtner, andere Erzieher, wiederum andere Schreiner, aber sie alle müssen ebenfalls Sozialarbeiter sein, denn hier wird man mit vielen verschiedenen Schicksalen konfrontiert“, so der Projektkoordinator.
Es sei nicht immer einfach, den individuellen Bedürfnissen der Angestellten gerecht zu werden und gleichzeitig eine gute Arbeitsmoral im Team zu wahren, aber man gebe sich Mühe und helfe sich gegenseitig, denn: Das ultimative Ziel des CIGL ist es, Menschen auf ihrem Weg in eine neue berufliche Zukunft zu begleiten, dann ist die Arbeit geglückt.