Alzheimer-Forscher aus Luxemburg

Was Pferdewetten mit Demenz-Prävention zu tun haben

Der Gewinner des diesjährigen „Grand Prix européen de la recherche“ ist Michael Heneka, Alzheimer-Forscher an der Universität Luxemburg. Im Interview mit dem Tageblatt erzählt er, wie schwierig die Heilung der Krankheit ist – und weshalb im Alter nicht nur die Weisheit kommt.

Michael Heneka, Direktor des Luxembourg Centre for Systems Biomedicine (LCSB), porträt im Büro vor wissenschaftlichem Hintergrund

Michael Heneka ist Direktor des Luxembourg Centre for Systems Biomedicine (LCSB) Foto: Olivier Dessy

Für seine jahrelange Widmung in der Alzheimerforschung erhält Michael Heneka den „Grand Prix européen 2026“. Seit vielen Jahren hat er mit seinen Arbeitsgruppen an den Universitäten Münster, Bonn und nun in Luxemburg kontinuierlich dazu beigetragen, Immunprozesse bei der Alzheimer-Krankheit zu verstehen.

Tageblatt: Worin genau liegt der Unterschied zwischen Alzheimer und Demenz?

Michael Heneka: Ich beschreibe Demenz immer gern als ein Haus mit vielen Türen und vielen Fenstern. Demenz gilt als Oberbegriff, Alzheimer ist eine Form der Demenz. Die Krankheit lässt sich in ihrer Ursache und Phänomenologie von anderen Formen der Demenz unterscheiden. Bei der Alzheimer-Krankheit beobachtet man eine klare Abfolge von Kurzzeitgedächtnis-Störungen und nachfolgenden Einschränkungen höhrer Hirnfunktionen, die den Alltag beeinträchtigen.

Bis zum Jahr 2050 könnte man rund die Hälfte der Demenzerkrankungen vermeiden, wenn man alle Risikofaktoren, die wir heute bereits kennen, beachten würde

Ab wann redet man nicht mehr von Altersvergesslichkeit, sondern von Demenz?

Ich weiß gar nicht, ob es so was wie Altersvergesslichkeit wirklich gibt. Sobald es den Alltag einschränkt und ein Mensch allein nicht mehr handlungsfähig ist, ist die Grenze erreicht.

Zur Person

Michael Heneka bei der Verleihung des Grand-Prix Européen März 2024 in Kopenhagen

Michael Heneka (links) bei der Verleihung des „Grand Prix européen“ im März in Kopenhagen Foto: Fondation Recherche Alzheimer

Michael Henekaist seit Anfang 2022 Direktor des Luxembourg Centre for Systems Biomedicine (LCSB) an der Universität Luxemburg. Heneka ist Neurologe und „klinischer Wissenschaftler“ – das heißt, dass er als Wissenschaftler arbeitet und gleichzeitig Patienten versorgt.

Der 58-Jährige forscht seit mehr als 30 Jahren an neurodegenerativen Erkrankungen. Sein Spezialgebiet ist der Einfluss des Immunsystems auf Erkrankungen des Gehirns. Seine wissenschaftlichen Schwerpunkte sind Demenz und die Alzheimer-Krankheit.

Für sein jahrelanges Engagement in der Alzheimer-Forschung ist er am 17. März mit dem „Grand-Prix européen“ der französischen „Fondation Recherche Alzheimer“ ausgezeichnet worden.

Wie sollen Angehörige mit der Situation umgehen? Wann sollen sie eingreifen?

Angehörigen sowie Betroffenen rate ich in dem Moment, an dem man beginnt, sich Sorgen zu machen, einen Neurologen aufzusuchen. So weit, wie die betroffene Person es erlaubt, sollten die Amgehörigen den Demenzpatienten weitestgehend in den Alltag und möglichst viele soziale Kontakte einbinden. Mild fordern ist immer besser, als in die Ecke setzen und den Patienten sich selbst überlassen.

Wie geht es dann weiter?

Wichtig ist eine klare Diagnose. Wenn ein Patient zu mir kommt, stelle ich erst einmal fest, ob es sich wirklich um eine Form der Demenz handelt. Es gibt eine ganze Reihe von Erkrankungen, die eine Demenz vortäuschen können. Zum Beispiel eine Schilddrüsenstoffwechselstörung, ein Vitamin-B12-Mangel, Durchblutungsstörungen des Gehirns oder seltene Formen von Epilepsie. Einschränkungen der Gedächtnisfunktion ist in solchen Fällen ein Symptom, aber nicht die primäre Ursache.

Was sind die Risikofaktoren?

In der Mitte des Lebens befinden sich die meisten Risikofaktoren für eine Alzheimer-Erkrankung, auch wenn diese erst in späteren Lebensabschnitten auftaucht. Es geht hier unter anderem um Bluthochdruck, Cholesterin, Fettleibigkeit, Rauchen, exzessives Trinken, wenig körperliche Bewegung und falsche Ernährung. Im letzten Lebensabschnitt können Luftverschmutzung und besonders soziale Isolation die Wahrscheinlichkeit erhöhen, an Alzheimer-Demenz zu erkranken.

Und wie kann man vorbeugen?

Bis zum Jahr 2050 könnte man rund die Hälfte der Demenzerkrankungen vermeiden, wenn man alle Risikofaktoren, die wir heute bereits kennen, beachten würde. Das ist eine mächtige Zahl für unser Gesundheitssystem. Darüber hinaus hat eine Studie in Hongkong kürzlich gezeigt, dass Brettspiele und Pferdewetten – also kognitive Beschäftigung – selbst im Alter ein schützender Faktor darstellen.

Pferdewetten?

Hier geht es wahrscheinlich um den mathematischen Aspekt und die Wahrscheinlichkeitsabschätzung, also intensive geistige Tätigkeit, die sich noch schützend auswirkt.

Fortgeschrittene Demenz zeigt Schwierigkeiten bei Sprache, Rechnen und planerischem Handeln im Alltag.

Sprache, Rechnen und planerisches Handeln gestalten sich schwieriger in einem fortgeschritteneren Stadium der Krankheit Foto: dpa/Sven Hoppe

Die meisten Menschen gehen davon aus: Wenn ein naher Verwandter an Demenz erkrankt ist, steht einem irgendwann das Gleiche bevor. Wie ausschlaggebend ist die Genetik?

Es gibt ein genetisches Risiko. Grob erklärt: Wenn ein Elternteil dement ist, ist das persönliche Risiko doppelt so hoch wie normal. Wer von Vater und Mutter das sogenannte APOE4-Allel vererbt bekommt, wird mit nahezu 100-prozentiger Wahrscheinlichkeit eine Alzheimer-Erkrankung entwickeln. Wenn man vom Vater ein APOE4 und von der Mutter APOE3 vererbt, ist das Risiko immer noch stark erhöht. Im seltenen Fall von APOE2 ist man sogar geschützt.

Können Pestizide ein Auslöser für Demenz sein?

Für die Demenzkrankheit ist der Einfluss von Pestiziden nicht belegt. Es gibt keine belastbaren Daten zu Pestiziden oder Düngemitteln. Im Vergleich zu Rauchen, mangelnder Bewegung oder Alkoholgenuss ist Pestizidenexposition kein Risikofaktor. Im Zusammenhang mit der Parkinsonerkrankung kommt der Pestizideneinfluss allerdings öfters zur Sprache, dort ist die Datenlage aus meiner Sicht noch uneindeutig.

In welchem Maß sind Umweltfaktoren von Bedeutung?

Wir wissen inzwischen, dass Luftverschmutzung für die Alzheimer-Krankheit eine wichtige Rolle spielt, die Datenlage hierzu wird immer stärker. In Zusammenarbeit mit Kollegen aus den Niederlanden und Bonn haben wir in den vergangenen Jahren auch dieses Thema erforscht. Ob Partikel ins Gehirn gelangen und dort dann zur Entwicklung der Alzheimer-Krankheit beitragen, bleibt jedoch unklar.

Testen Sie Ihr Gedächtnis

Zweifeln Sie manchmal an Ihrem Gedächtnis? Vergessen Sie manchmal Namen, Fakten oder Dinge? Keine Panik – das ist nicht unbedingt Alzheimer. Die Gedächtnisleistung nimmt ab einem Alter von 50 Jahren ab. Das Vergessen wichtiger Dinge ist jedoch etwas besorgniserregender. Bei der Fondation Recherche Alzheimer kann man einen kleinen Test (auf Französisch und Englisch) machen. Wer Bedenken hat, sollte seinen Arzt aufsuchen.

Geben Ihnen die neuesten Forschungsergebnisse Zuversicht?

Mithilfe von bildgebenden Verfahren und biochemischen Blutanalysen kann die Alzheimer-Krankheit lange bevor die tatsächlichen Symptome auftreten, diagnostiziert werden. Und heute können wir mit großer Sicherheit zehn Jahre zuvor an den Blutfaktoren bestimmen, ob der Patient eine Alzheimer-Krankheit bekommen wird – eines Tages vielleicht sogar früher.

Wie weit sind wir von einer Heilung entfernt?

Heilen ist ein großes Wort. Bevor die Krankheit klinisch zutage tritt, hat sie erst mal eine extrem lange Anlaufphase. Wir glauben zu wissen, dass die Erkrankung rund 30 Jahre vor dem Auftreten der ersten Gedächtnisstörungen beginnt. Und danach entwickelt sie sich noch zehn oder mehr Jahre weiter. Wenn ein Patient mit einer ausgeprägten Störung des Gedächtnisses zu mir kommt, dann hat er an der Stelle, wo die Gedächtnisregion war, mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits eine Störung der Hirnfunktion und einen Verlust von Hirngewebe. Da gibt es wenig zu heilen, das kann man nicht wieder hinzaubern.

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