Kunst im Digitalen Zeitalter
Warum der Sänger Oke zur Vermarktung auf Social Media setzt – und wie er das umsetzt
Oke, luxemburgisch-nigerianischer Musiker, hat Ende Februar seine neue EP „Alter-Ego“ veröffentlicht. Im Interview mit dem Tageblatt spricht der Musiker darüber, welchen Herausforderungen Kunstschaffende in Zeiten von sozialen Medien und globalen Krisen gegenüberstehen.
Schlüpft auf seiner EP „Alter-Ego“ in verschiedene Rollen: der Sänger Oke, hier als Stella Ross Foto: Shade Cumini
Wir treffen Khalid Oke, dessen Familienname zum Bühnenname wurde, im Park hinter dem „Musée Dräi Eechelen“ in Luxemburg-Stadt. Es ist ein schöner Frühlingstag. „Auch wenn wir gerade überall Krisen erleben, will ich Freude mit meiner Musik verbreiten“, sagt er überzeugt.
Oke ist in Lagos, Nigerias größter Stadt, aufgewachsen und mit acht Jahren nach Luxemburg gezogen. Er erinnert sich gerne an die Zeit in Westafrika. Er spricht mit viel Respekt über seine Großmutter, welche sehr präsent in seiner Kindheit war. „Sie hatte sieben Kinder und war alleinerziehend, und sie war eine Unternehmerin – und das alles mit Erfolg in einem ziemlich harten Lagos“, so Oke. „Auch wenn nicht immer alles gut war, bin ich ihr dankbar für meine schöne Kindheit.“
Seine nigerianischen Wurzeln sowie sein Leben in Luxemburg beeinflussen seine Kunst – und dies meist gewollt und ausdrücklich. Der Gedanke der kulturellen Zelebration zieht sich wie ein roter Faden durch das Interview. Er macht sich in den Bühnenoutfits aus westafrikanischen Textil-Mustern, den Afrobeat-Einflüssen in manchen seiner Lieder und auch seinen Beiträgen in den sozialen Medien bemerkbar.
„Es gibt definitiv den Druck, soziale Medien zu nutzen“, bestätigt der 27-jährige Künstler, der selbst regelmäßig auf Instagram, TikTok und weiteren Plattformen postet – unter anderem auch um seine Musik zu vermarkten. Doch es geht nicht nur um Musik.
Als aufstrebender Kunstschaffender kommt man nicht daran vorbei, auf Social Media präsent zu sein, findet Oke. Vor allem zur Selbstvermarktung. Oke steht dem Schubladendenken kritisch gegenüber und lässt sich selbst ungern einengen, aber er weiß: Branding verlangt oft genau das. Wer ist cool? Wer hat den Finger am Puls der Zeit? Wen sollte man auf jeden Fall unterstützen? Früher fanden die Fans die Antwort in Magazinen und den Medien, heute auf Instagram und Co.
Experimente
„Man muss ausprobieren, was gut auf Social Media ankommt“, erklärt der Sänger. Seine neueste EP „Alter-Ego“ erweckt drei verschiedene Charaktere zum Leben: Stella Ross, eine queere feminine Sängerin, den Country-Sänger Darius und Ori, dessen Name sich vom Yoruba-Konzept des inneren Schicksals ableitet, ein „Alter Ego“ außerhalb von Normen und Erwartungen. Jeder Charakter hat seinen eigenen Song in der EP. Um Musikbegeisterte in den sozialen Medien auf seine Lieder aufmerksam zu machen, überlegte sich Oke ein kreatives Branding, basierend auf diesen Charakteren.

Oke erfindet sich als Künstler und auf Social Media immer neu Foto: Shade Cumini
Um dies umzusetzen, zog Oke sich als Stella an – großer Afro, glitzerndes Oberteil, Kunstfellmantel bis unter die Knie – und filmte verschiedene kurze Videos in Luxemburg-Stadt. Das Gleiche tat er als Darius, der in Cowboy-Ästhetik dargestellt wird. „Am Anfang war ich schon ziemlich nervös“, erinnert er sich über seine ersten Video-Shoots im öffentlichen Raum. „Doch als ich zum ersten Mal meine Perücke und Stöckelschuhe anhatte, kam eine fremde Frau zu mir und hat mich mit Komplimenten überschüttet.“ Nach zahlreichen Video-Aufnahmen hätte er viel weniger Angst, sich frei im öffentlichen Raum anzuziehen, wie er will, und zu filmen.
Mode, Aktivismus und Musik
In seinen Videos für die sozialen Medien tanzt er in bunten Outfits, inszeniert kleine Sketche mit humoristischen Überschriften, nimmt aber auch Stellung zu globalen Krisen. In einem Video hält er ein Plakat mit der Aufschrift „If you don’t stand with Congo & Sudan, you’re racist“ (wenn du nicht in Solidarität mit Kongo und Sudan stehst, bist du rassistisch). In all diesen Videos hört man die Lieder seiner neuen EP im Hintergrund. Ein Mix aus ausgefallener Mode, Humor und Aktivismus – das ist die Online-Persona von Oke.
Während unseres Interviews wird aber auch klar, dass Nuancen nur schwer einen Platz im Kurzvideo-Format finden. Bezüglich des Videos mit dem Plakat über Kongo und Sudan gesteht Oke: Er hat selbst ein iPhone. „Das beinhaltet wahrscheinlich Materialien, die durch die Ausbeutung kongolesischer Menschen entstanden sind – aber ich weiß auch, dass ich ein Handy brauche. Ich kaufe mir nicht ständig ein neues. Für mich ist es wichtig, dass wir uns bewusst sind, was abläuft, und dass wir dann bewusste Entscheidungen treffen.“
Oke positioniert sich klar gegen die sogenannte Cancel Culture und befürwortet Dialoge zwischen Menschen mit verschiedenen politischen Orientierungen. Oke hat auch längere Videos, in denen er ausführlich über Themen und Eigenerfahrungen spricht, zum Beispiel über Rassismus in luxemburgischen Lyzeen oder Selbstbewusstsein.
Meist sind es die Videos, die den kleinsten Arbeitsaufwand hatten, die am besten performen
Khalid Oke
Sänger
Oke hat das Ziel, einen positiven Einfluss auf sein Publikum zu haben, online und offline. Da spricht der Sänger auch immer wieder übers Queersein. Queer ist eine Gemeinschafts- und Selbstbezeichnung von, unter anderem, lesbischen, schwulen, bisexuellen, transgeschlechtlichen und intergeschlechtlichen Menschen.
„Manchmal muss man sich selbst auch einfach feiern“, sagt Oke. Auch das sei eine Form der Resistenz: sich bunt anzuziehen, sich durch Make-up auszudrücken, frei zu tanzen, mit Feminität und Maskulinität offen zu experimentieren – all dies zeigt Oke auf Social Media. Der Sänger will damit signalisieren, dass queere Kultur allen Menschen Freude bringen kann.
Oke erklärt, dass dies besonders in der heutigen Zeit wichtig sei: „Wenn irgendwas schiefläuft, sind die Queers zu oft die Sündenböcke. Wir haben eine Reihe anderer Probleme hier in Luxemburg, aber immer wieder sprechen wir über queere Menschen als Problem der Gesellschaft.“ Das Beispiel der geschlechtsneutralen Toiletten kommt hier auf. „Ich verstehe nicht, warum wir uns nicht auf andere Probleme fokussieren. Es gibt so vieles, das wir tun könnten, um aus Luxemburg ein besseres und sicheres Land zu machen – und das Gleiche sieht man auch auf globaler Ebene.“
Direkter Zugang zum Publikum
Später dreht sich das Gespräch wieder um die Präsenz auf Social Media. Der Sänger lacht, wenn er sagt: „Meist sind es die Videos, die den kleinsten Arbeitsaufwand hatten, die am besten performen und die meisten Aufrufe bekommen.“ Oke rät anderen Sänger*innen, auch aktiv in den sozialen Medien zu sein. Als er anfing, hatte er nicht viel Lust, seine Zeit mit diesen Plattformen zu verbringen, „but you are a fool if you don’t use it!“.
Durch diese Plattformen hat Oke zahlreiche neue Musikbegeisterte von sich überzeugt. Auch seine persönlichen und politischen Beiträge kommen an. Wie er erklärt, erhält er immer wieder positive Direkt-Nachrichten von Fans online.
Content für Social Media kreieren sei „bittersweet“, weil es nun zu einer der Hauptarbeiten des Sängers geworden ist. Es ermögliche den direkten Zugang zum Publikum. „Der eigentliche Auftritt auf der Bühne bleibt aber die Kirsche auf dem Kuchen“, versichert der Sänger lachend.