Bildung
Über den Wert der Schreibschrift in Luxemburgs Schulsystem in Zeiten der Digitalisierung
Verliert die Handschrift an Bedeutung? Weit gefehlt: Viele Experten halten die „geste graphique“ weiterhin für unentbehrlich. Sowohl Pädagogen als auch Psychologen weisen darauf hin, wie wichtig die Schreibschrift für das Erlernen kognitiver Fähigkeiten ist.
Diane Marx (l.) und Francine Vanolst vom Bildungsministerium Foto: Editpress/Hervé Montaigu
Oscar ist am Verzweifeln. Bis er das kleine „g“ geschrieben hat, braucht er viele Versuche. Das „h“ ist für den Achtjährigen bisher eine unüberwindliche Hürde. Und erst das „k“. Die Blockschrift fiel ihm leicht, bei der Schreibschrift mit ihren vielen Schnörkeln und den miteinander verbundenen Buchstaben ist es anders. Aurélie hingegen hat sogar Spaß daran. Sie hat sich kunstvoll ins Zeug gelegt. Was ihrer Schrift anzusehen ist. Von ihrer Lehrerin wurde sie dafür mehrfach gelobt.
Manche werden sich fragen, ob es noch sinnvoll ist, Kindern die Schreibschrift beizubringen, die später, wenn sie von der Schule abgehen und ins Berufsleben einsteigen, nur auf Tastaturen tippen oder über Bildschirme wischen. „Ist es da wirklich notwendig, so viel kostbare Schulzeit für Schreibschrift-Schleifen und Füller-Führerscheine zu opfern?“, fragte unlängst die Süddeutsche Zeitung. „Zumal – das sagen zumindest viele Lehrkräfte – sich ohnehin immer mehr Schülerinnen und Schüler beim Schreiben mit der Hand schwertun?“
Seit etwa 40 Jahren lernen die Kinder in Luxemburg zuerst die Druckschrift und dann die Kursivschrift, also die Schreibschrift in einer durchgehenden Linie. Einig sind sich viele Lehrer darin, dass zu wenig Zeit dafür bleibt, um das Schreiben mit der Hand zu üben. Die Lehrpläne lassen dies oft nicht zu. Dabei ist wissenschaftlich längst bewiesen, dass erst, wenn sich das Schreiben automatisiert hat, der Kopf freier für die Inhalte des Schulstoffs ist. Generell lernen Kinder beim Schreiben per Hand mehr als nur Buchstaben. Es wirkt sich auf ihre kognitiven Fähigkeiten aus. Sie können die Buchstaben besser und schneller erkennen als beim Schreiben mit Tastatur.
Tastatur statt Füllfederhalter
Als etwa in Finnland – das dortige Schulsystem wurde aufgrund seines erfolgreichen Abschneidens bei den Pisa-Schülervergleichsstudien häufig als vorbildlich gepriesen – vor knapp zehn Jahren die Bedienung von Laptop und Tablet auf dem Lehrplan Vorrang vor der Handschrift erhielt, schieden sich die Geister in vielen Schulministerien Europas. Während einige Pädagogen das Tippen auf der Computertastatur an Stelle des für viele mühseligen Schreibens mit dem Füllfederhalter ins Schulheft begrüßten, betrachteten nicht nur Traditionalisten die Neuerung aus dem Norden mit Skepsis. Während die finnischen Bildungspioniere das schnelle Schreiben und Verschicken von Kurznachrichten zur Bildungskompetenz erhoben, sah man hierzulande darin vor allem Nachteile. Wer Worte und Sätze mit dem Stift zu Papier bringe, könne sich das Erlernte besser einprägen, lautete das Argument.
Ähnlich sieht es auch Serge Tisseron. „Das Nachzeichnen der verbundenen Buchstaben lehrt, sich Wörter besser vorzustellen, und verstärkt das Lernen. Außerdem wird dadurch die Feinmotorik gefördert“, sagte der französische Psychologe und Psychoanalytiker im Tageblatt-Interview. Generell sei es in jedem Alter unerlässlich, das Schreiben auf Papier beizubehalten, da es zur psychischen Plastizität beiträgt, rät der Erziehungsexperte.
Foto: Editpress/Hervé Montaigu
Während in Frankreich viel mehr Wert auf die Schreibschrift gelegt wird als etwa in Luxemburg und Deutschland, hat sich in diesen beiden Ländern der doppelte Schreiblernprozess durchgesetzt. Dabei kam es insbesondere im Nachbarland zu kontroversen Diskussionen. Viele Schulen verzichten etwa auf die verbundene Ausgangsschrift als Schreibschrift und setzen stattdessen auf die sogenannte Grundschrift, die auf Druckbuchstaben basiert. In den deutschen Bundesländern wie auch hierzulande wird zuerst die Druckschrift gelehrt. Der zweite Schritt sei mühsam und zeitaufwendig, heißt es im Schulportal der Robert-Bosch-Stiftung. Die Bildungsstandards der deutschen Kultusministerkonferenz geben vor, dass die Schüler eine individuelle, „gut lesbare Handschrift flüssig schreiben“.
Derweil ist im Luxemburger „Plan d’études“ festgelegt, „dass zuerst in der écriture imprimée und danach in der écriture cursive unterrichtet wird“, erklärt Francine Vanolst, Chefin der Direktion für den Grundschulunterricht im Bildungsministerium.
Letztere ist für den Zyklus 2 vorgesehen und wird im Zyklus 3 vertieft. Dann wird es ausgebaut und läuft immer schneller und automatisierter ab. Der Wechsel zur Schreibschrift findet statt, ohne dass es Vorgaben gibt, wann sie eingeführt wird. Allerdings sollte dies nicht gleichzeitig mit der der Druckschrift stattfinden. „Viele Lehrer beginnen im Laufe von Zyklus 2.2 mit der Schreibschrift“, weiß Vanolst, „andere bereits am Ende von Zyklus 2.1.“
Von der Druckschrift zur Schreibschrift
Sie hat zum Interview ein „Mila“-Lesebuch zur Veranschaulichung mitgebracht. „Die Schüler entwickeln bis zum Sekundarunterricht ihre eigene Handschrift, die über die Jahre hinweg gewachsen ist“, sagt Francine Vanolst. Sie schlägt das Buch auf und sagt: „Im ‚Mila‘ ist nur die Druckschrift abgebildet, da es sich um die Leseschrift handelt.“ Sie weiß, dass einige Schüler mehr Schwierigkeiten haben, die Schreibschrift zu lesen als die Druckschrift.
Aus dem doppelten Schreiblernprozess heraus entstehe eine Mischform aus Druck- und Schreibschrift, weiß Diane Marx, beigeordnete Direktorin des „Centre pour le développement des apprentissages“ (CDA). Zwar legten noch viele Lehrer Wert auf schönes Schreiben, doch die klassische Kaligrafie, das Schönschreiben, gebe es nicht mehr. Francine Vanolst kann dies bestätigen: „Eine Benotung im Schönschreiben gibt es nicht mehr. Aber da es in den Kompetenzen festgelegt wird, fließt es in die Bewertung mit ein.“
Diane Marx weiß: „Wie Studien gezeigt haben, speichern die Schüler das Geschriebene gut ab, wenn es fein säuberlich geschrieben ist. Wie ordentlich man es schreibt, hat sicherlich einen Impakt darauf.“ Oder wie es Francine Vanolst ausdrückt: „Durch das Schreiben verinnerlicht man das, was man schreibt – man wird sich dessen bewusst.“ Zudem komme es darauf an, wie das Blatt liegt, in welchem Winkel man schreibt und wie man den Stift hält. Für die Linkshänder sei es wichtig, dass der Lehrer ihnen die richtige Blattposition für Linkshänder zeigt.
Diane Marx weist zudem darauf hin, dass dem Zyklus 1 (Spielschule) eine wichtige Bedeutung zukomme, wenn die ersten Buchstaben erlernt werden. „Dies geschieht auf eine spielerische, malende Art und Weise“, erklärt sie. „Dabei ist darauf zu achten, auf welche Weise der Buchstabe geschrieben wird – zum Beispiel, dass der Kreis vom linksrum geht und nicht rechtsrum. Schließlich erleichtert die richtige Schreibrichtung des Buchstabens den Schreibfluss. Ebenso erlernen die Schüler, wie man den Stift greift. Wenn die Haltung des Stifts nicht gut ist, unterbricht das den Schreibfluss. Im zweiten Zyklus wird dann verstärkt darauf geachtet. Füllfederhalter zum Beispiel werden nicht mehr systematisch verwendet. Mit einem Kugelschreiber, bei dem die Schrift abwischbar ist, ist es weniger kompliziert.“
Mischform Grundschrift
In 15 bis 20 Pilotschulen in drei Regionen des Landes wird die sogenannte Grundschrift gelehrt, die auf Druckbuchstaben basiert. „Das ist eine Mischform, die sich durchgesetzt hat“, sagt Diane Marx, „eine Druckschrift mit Häkchen.“ Sie weist darauf hin, dass in Frankreich mit Schreibschrift beginnend unterrichtet wird, während in Deutschland eine Mischform vorherrscht, bis auf ein paar Bundesländer, wo frei gewählt werden darf.
Foto: Editpress/Hervé Montaigu
Wie in Luxemburg findet in Deutschland in den meisten Grundschulen die Alphabetisierung mit der Druckschrift statt, worauf dann die Schreibschrift folgt. Je nach Bundesland war dies entweder die 1953 eingeführte Lateinische Ausgangsschrift, die 1969 entwickelte Vereinfachte Ausgangsschrift6399++ oder die Schulausgangsschrift (1968 in der DDR eingeführt, auch in einigen westlichen Bundesländern unterrichtet). Viele Schulen verzichten mittlerweile auf die verbundene Ausgangsschrift, die als Synonym für die Schreibschrift verwendet werden kann, und setzen auf die 2010 entwickelte Grundschrift.
Im März dieses Jahres hat sich die Konferenz der Kultusminister der Bundesländer auf einen gemeinsamen Rahmen für die verbundene Schreibschrift geeinigt. Deutschdidaktiker hatten eine Petition an die Konferenz eingereicht und den Kultusministern die bundesweite Einführung der Schulausgangsschrift nahegelegt. Doch deren Entscheidung fiel anders aus: Welche Schrift letztendlich gelernt wird, bleibt offen. Entscheidend sei nicht die Schriftform, sondern die Entwicklung einer individuell flüssigen Handschrift. Derweil weicht die Luxemburger Schreibschrift sowohl von der Schulausgangsschrift als auch von der vereinfachten Ausgangsschrift ab.
Ob nun Druckschrift besser ist als Schreibschrift, darüber haben zahlreiche Analysen kein abschließendes Ergebnis gefunden. „Wir haben einige Analysen machen lassen“, sagt Diane Marx. „Eine stammt von Psychomotorikern und Ergotherapeuten, die einen anderen Blick darauf haben. Man kann es sowohl aus pädagogischer als auch aus historischer Sicht betrachten. Etwa aus rein graphomotorischer Sicht kann man sagen, dass die Schreibschrift eine natürlichere Form des Schreibens mit sich bringt, weil man nicht bei jedem Buchstaben absetzen muss.
„Kaligo“: Schreibschrift per App
Allerdings sind die graphomotorischen Anforderungen sowohl bei der Druck- als auch bei der Schreibschrift die gleichen. Man sagt aber auch, dass es bei der Schreibschrift etwas schneller geht, bei der Druckschrift aber leichter ist.“ Francine Vanolst fügt hinzu: „Die Druckschrift braucht man sowieso beim Erlernen des Lesens. Bei der Schreibschrift lernt man die Druckbuchstaben zum Lesen und die der Schreibschrift zum Schreiben.“
Diane Marx meint: „Der Nachteil der Schreibschrift ist, dass man länger braucht, sie zu erlernen. Der Mittelweg wäre eher die Grundschrift. Doch auch diese bringt, wie Untersuchungen ergaben, sowohl Vor- als auch Nachteile mit sich – wie beispielsweise, dass es Kindern schwerfällt, die Schreibschrift zu lesen. Französische Studien sind eher für die Schreibschrift, deutsche eher für die doppelte Form. Es ist wirklich schwierig, zu sagen, was nun besser ist.“
Die beiden Luxemburger Pädagoginnen wissen aus Erfahrung, dass die einen Schüler froh darüber sind, wenn sie ausprobieren können, während sich andere wiederum schwertun: „Für jene mit Dyspraxie ist die Schreibschrift eine größere Hürde, nicht zuletzt, weil es eine ‚double apprentissage’ ist“, sagt Diane Marx. So oder so müssten Schüler die „geste graphique“ erlernen. Wenn ein Kind wirklich Schwierigkeiten hat, dann biete sich vielleicht eine Tastatur an. Doch auch der Umgang müsse erlernt werden.
Auch in Zeiten der Digitalisierung und insbesondere der Digitalisierung des Schulunterrichts bleibe die „geste graphique“ unentbehrlich und nötig beim Schreibenlernen. Die beigeordnete CDA-Direktorin weist darauf hin, dass sich Schüler zum Beispiel auf dem i-pad handschriftliche Notizen machen. Und auch beim Üben der Handschrift gibt es mittlerweile digitale Hilfsmittel, wie etwa eine eigens dafür zur Verfügung gestellte App: Das CDA brachte 2023 zusammen mit dem „Service de coordination de la recherche et de l’innovation pédagogiques et technologiques“ (Script) und dem französischen Start-up-Unternehmen Learn & Go „Kaligo“ heraus.
Die Befürchtung, dass die persönliche Handschrift als individuelles Merkmal des Menschen an Bedeutung verloren hat, mag berechtigt sein. Dagegen dürfte die Behauptung, dass die Kunst des Schönschreibens bis hin zur Kalligrafie vom Aussterben bedroht sei, verfrüht sein. Sie hat bereits die Einführung des Buchdrucks überstanden, so wird sie auch die digitale Revolution überleben. Der Schweizer Kalligraf Andreas Schenk etwa betrachtet sie als „stille Kunst, eine Feder zu führen“ und verweist auf die meditative Kraft der Kalligrafie.
„Sauklauen“ und „fatale“ Handschriften
So wie der Schreibschrift gelegentlich die Leseschrift gegenübergestellt wird, bei der es auf eine gute Leserlichkeit ankommt, besteht ein Unterschied zwischen dem Schönschreiben und der Kalligrafie als Schönschreibkunst. Weit davon entfernt sind „Sauklauen“, wie sie häufig Ärzten nachgesagt werden. Ein nicht ohne Grundlage erhobener Vorwurf: „Nach Berechnungen des Institute of Medecine der National Academies of Science sterben in den USA jedes Jahr 7.000 Menschen, weil ihre Ärzte unleserliche Rezepte ausstellen“, berichtete der Spiegel Anfang 2011. Ähnliche „fatale“ Handschriften sollen auch berühmte Schriftsteller wie Leo Tolstoi und James Joyce gehabt haben.
Das Nachrichtenmagazin zitierte im selben Artikel die Schriftexpertin Kitty Burny Florey, die eine Renaissance der Handschrift im Entstehen sah, und verwies auf den steigenden Absatz von teuren Füllern und auf Studenten, die sich handgeschriebene Briefe und Gedichte schreiben. Dagegen glossierte die Autorin Anne Trubek in der Neuen Züricher Zeitung: „Die Handschrift ist eine unnatürliche Art zu schreiben. Wir sollten sie auf den Müllhaufen der Geschichte werfen und nicht mehr unsere Kinder drangsalieren.“
Den Hauptgrund für den desolaten Zustand vieler Handschriften sieht der Autor, Blogger, Graphik-Designer, Schriftsetzer und Buchdrucker Jules van der Ley bei den „Prozessen, die mit dem Erlernen der Schrift zu tun haben und bei den Ausgangsformen, mit denen man die ersten Schreibversuche macht“. Er schreibt: „Der ganzheitliche Vorgang des Schreibens mit der Hand bedingt nicht nur das Aussehen von Texten, sondern auch ihre innere Struktur. Es gilt, diesen Wert zu erhalten, und daher ist es wichtig, in der Schule eine Schrift zu vermitteln, die konkurrieren kann mit dem perfekten Aussehen der Computererzeugnisse.“ Seine „Kleine Kulturgeschichte der Handschrift“ endet mit dem Aufruf: „Erobern wir uns eine gute Handschrift zurück!“
Oscar dürfte der vermeintliche Streit zwischen Kulturpessimisten und Apologeten der digitalen Revolution ziemlich egal sein. Der Achtjährige ist froh, dass in seinem Namen kein „k“ vorkommt. Derweil denkt der Autor dieses Textes an seinen eigenen Vater, der einst nach einem Schlaganfall mühsam wieder die Schreibschrift erlernen musste. Tag für Tag übte er Buchstaben, bis er zurück zu seiner alten Schönschrift fand – und zurück ins Leben.