Interview
Stehen der Rivaner und die geschriebene Presse endgültig vor dem Aus?
Was für Winzer die gestiegenen Preise für Glasflaschen sind, sind für Zeitungsverlage die stetig steigenden Papierkosten. Die Rechnung ist simpel – und ernüchternd: Produzieren wird teurer, konsumiert wird weniger. Sowohl beim Wein als auch bei gedruckten Zeitungen zeigt die Kurve nach unten.
Michelle Cloos im Gespräch mit unseren Eintagsjournalisten Bob Molling (l.) und Jean-Paul Schmitz (r.) Foto: Editpress/Julien Garroy
Rivaner und geschriebene Presse haben beide ein Imageproblem. Der öde Bistro-Wein ersetzt durch „edlere“ Sorten, die veraltete „Lügenpresse“ durch kurze, zusammengeschnittene KI-Videos. Michelle Cloos, Generaldirektorin von Editpress, gibt zu, dass ein Teil des Problems selbst verschuldet ist durch kostenloses Zur-Verfügung-Stellen von Inhalten online. Verglichen mit Wein: Beim Kauf einer Flasche Wein wird nicht nur das Glas bezahlt, sondern auch die Arbeit zur Produktion des Weines dahinter. Ein Interview über Parallelen zwischen Weinbau und Journalismus.
Tageblatt: Beim Rivaner als auch bei der geschriebenen Presse gibt es ein Imageproblem. Wo liegen die Gemeinsamkeiten und Herausforderungen?
Michelle Cloos: Ein zentrales Problem der Presse ist zunächst ein relativ neues Phänomen: die Social-Media-Plattformen und inzwischen auch die künstliche Intelligenz. Es wird sehr viel Inhalt produziert, der nicht journalistisch und nicht hochwertig ist, aber trotzdem Informationen vermittelt – teilweise ungeprüft oder falsch. Das ist einerseits problematisch für die Gesellschaft, andererseits auch eine Art unfaire Konkurrenz für die Presse. Diese Inhalte binden Aufmerksamkeit und nehmen den Menschen Zeit weg, die sie früher für klassische Medien hatten. Konkreter ist aber das Problem des Finanzierungsmodelles. Die Presse basiert auf drei Säulen: Abonnements, Werbung und staatliche Unterstützung. Wenn immer mehr Werbung zu Plattformen wie Facebook oder Google abwandert, bricht eine wichtige Einnahmequelle weg.
Wie steht es um die Zahlungsbereitschaft?
Bei gedruckten Zeitungen war klar, dass man dafür bezahlt. Im Digitalen ist das anders. Auch wir als Presse haben dazu beigetragen, indem wir Inhalte lange kostenlos angeboten haben. Hinzu kommt ein Imageproblem. Die Presse wird teilweise als altmodisch wahrgenommen, während soziale Medien als moderner gelten. Dabei sind die Inhalte nicht vergleichbar.
Vorurteile lassen sich nur abbauen, wenn man ein Produkt wirklich erlebt
Michelle Cloos
Generaldirektorin von Editpress
Welches Image hat der Rivaner Ihrer Meinung nach?
Ich kann nur aus persönlicher Erfahrung sprechen. Für mich war Rivaner lange der „günstige Bistro-Wein“, nicht unbedingt ein edler Wein. Ich war dann aber sehr überrascht, als ich ihn blind probiert habe: Teilweise hat er mir besser geschmeckt als andere Weine, die ich aufgrund ihres Images für hochwertiger gehalten hätte.
Lässt sich dieses „Blindverkostungs-Prinzip“ auf die Presse übertragen?
In gewisser Weise schon. Entscheidend ist der direkte Kontakt. Vorurteile lassen sich nur abbauen, wenn man ein Produkt wirklich erlebt. Das gilt für Wein genauso wie für Journalismus. Deshalb versuchen wir, näher an die Menschen heranzukommen. Wir wollen zeigen, wer hinter der Zeitung steht, wie Journalisten arbeiten und wie Medien entstehen. Viele haben ein vorgefertigtes Bild – etwa, dass das Tageblatt eine Zeitung aus dem Süden sei. Deshalb gehen wir bewusst auch in andere Regionen, etwa mit einer Pop-up-Redaktion in Grevenmacher.
Welche Rolle spielt der eigene Redaktionswein?
Das ist auch eine Form der Imagearbeit. Einerseits ist es ein journalistisches Projekt, weil wir über Weinbau berichten und Dinge erklären, die wir selbst erst lernen mussten. Gleichzeitig ist es eine Möglichkeit, Menschen über ein anderes Thema an die Zeitung heranzuführen.