Esch
Start der „Assemblée citoyenne“: „Es ist eine gute Gelegenheit, sich mitzuteilen“
40 ausgeloste Einwohnerinnen und Einwohner haben in Esch die Arbeit der „Assemblée citoyenne“ aufgenommen. In den kommenden Monaten sollen sie Vorschläge zur Gestaltung des öffentlichen Raums erarbeiten. Die erste Sitzung diente vor allem dem Kennenlernen und dem Einstieg in den Beteiligungsprozess.
Moderatorin Liz Thielen von der Agentur „Snakke & Co.“ animierte die erste Sitzung der „Assemblée citoyenne“ Foto: Editpress/Sandra Lutz
Mit einer ersten Sitzung im Escher Rathaus ist am Montag die „Assemblée citoyenne“ offiziell gestartet. 40 ausgeloste Einwohnerinnen und Einwohner kamen erstmals zusammen, um sich kennenzulernen und in den mehrmonatigen Beteiligungsprozess einzusteigen. Die Auftaktveranstaltung stand unter dem Motto „Onboarding“ – also eine strukturierte Einführung – und markierte den Beginn eines kollektiven Arbeitsprozesses, der bis Juni andauern soll.
Mustafa Kazemi Sayed startet motiviert in die Bürgerversammlung Foto: Editpress/Alain Rischard
Einer der 40 ausgelosten Bürgerinnen und Bürger ist Mustafa Kazemi Sayed. Der 33-Jährige wohnt seit knapp vier Jahren in Esch und flüchtete damals aus Afghanistan nach Luxemburg. Er arbeitet aktuell für eine Firma. „Ich führe ein normales Leben“, sagt Mustafa. An den Bürgerrat hat er zunächst keine großen Erwartungen: „Es ist das erste Mal, dass so etwas in Luxemburg stattfindet. Es ist eine gute Gelegenheit, sich mitzuteilen.“
Zukunftsgestaltung in Esch
Um die Sprachbarriere aufzuheben, gab es Simultanübersetzungen auf Französisch, Englisch und Arabisch – die Ausgangssprache ist Luxemburgisch Foto: Editpress/Alain Rischard
Dem Projekt waren rund 10.000 Einladungen vorausgegangen, auf die sich 551 Personen meldeten. Aus ihnen wurde eine möglichst repräsentative Gruppe zusammengestellt – anhand von Kriterien wie Alter, Geschlecht, Nationalität, Wohnort und Bildungsniveau. Ziel ist es, die Vielfalt der Stadtgesellschaft abzubilden.
Bürgermeister Christian Weis (CSV) eröffnete die Sitzung und sprach von einem „kollektiven Abenteuer“. Es sei für ihn eine besondere Situation, als erster Bürgermeister eine solche Bürgerversammlung einzuleiten.
Mit Blick auf das erwartete Bevölkerungswachstum von derzeit rund 38.000 auf 50.000 Einwohner in den kommenden 15 Jahren betonte Weis die Bedeutung der Diskussionen für die zukünftige Stadtentwicklung. Zugleich versprach er, dass alle eingebrachten Ideen und Forderungen eine Antwort der Politik erhalten sollen.
Ich komme hierher als unbeschriebenes Blatt
Zico Dsouza
Teilnehmer der „Assemblée citoyenne“
Im Zentrum der „Assemblée citoyenne“ steht die Frage, wie der öffentliche Raum in Esch künftig gestaltet werden kann, um das Zusammenleben zu stärken. Straßen, Parks, Viertel und Nachbarschaftsorte sollen dabei ebenso thematisiert werden wie Fragen der Inklusion, der Natur oder der Stadtplanung allgemein.
Geregelter Tagesablauf
Chemikerin Leila Novalic liegt vor allem die Umweltthematik am Herzen Foto: Editpress/Alain Rischard
Die 26-jährige Escherin Leila Novalic hat sich aus Neugier angemeldet. „Ich bin in Esch geboren und lebe immer schon hier“, erklärt sie. „Ich studierte in Deutschland Chemie und jetzt arbeite ich im Bereich der Umwelt hier in Esch bei ArcelorMittal.“ Deshalb ist sie vor allem auf den Austausch rund um die Umwelt gespannt, „wie wir die Infrastruktur für die Zukunft resilienter gestalten können“, so die Bürgerrätin.
Insgesamt sind sieben Sitzungen vorgesehen. Diese folgen einem festen Ablauf: Vormittags stehen Informations- und Lernphasen mit Expertinnen und Experten auf dem Programm, nachmittags Diskussionen in Kleingruppen und gemeinsame Beratungen.
Die erste Sitzung am Montagabend diente vor allem dazu, eine gemeinsame Arbeitsbasis zu schaffen. Moderiert wurde der Prozess von der Agentur „Snakke & Co.“. Unter Anleitung der Moderatorinnen und Moderatoren tauschten sich die Teilnehmenden zunächst in verschiedenen Übungen aus und lernten sich kennen. Dabei ging es unter anderem um persönliche Bezüge zur Stadt, Wohnorte oder Einschätzungen zur Zukunft des öffentlichen Raums.
Respektvoller Austausch
Zico Dsouza möchte zunächst verstehen, wie die Stadt funktioniert, und dann gezielte Verbesserungsvorschläge machen Foto: Editpress/Alain Rischard
Zico Dsouza lebt seit acht Jahren mit seiner Frau und zwei Hunden in Esch und möchte hier eine Familie gründen. Der 42-Jährige kommt ursprünglich aus Indien, wohnt aber bereits seit 19 Jahren nicht mehr dort. „Ich bin in der Finanzindustrie tätig. Hier in Esch haben wir das Glück, in einem größeren Haus wohnen zu können als etwa in Luxemburg-Stadt.“ Zico beschreibt die „Assemblée citoyenne“ als eine gute Initiative. „Ich komme hierher als unbeschriebenes Blatt und hoffe, etwas zu lernen und zu helfen, die Stadt besser zu gestalten“, sagt er.
Anschließend arbeiteten die Teilnehmenden in kleineren Gruppen weiter. Diskutiert wurde unter anderem, was die Versammlung zu einem Erfolg machen könnte. Genannt wurden etwa respektvolle und offene Diskussionen, die Berücksichtigung aller Meinungen sowie konkrete und umsetzbare Vorschläge. Mehrere Teilnehmende betonten zudem die Möglichkeit, neue Perspektiven kennenzulernen und sich über den eigenen sozialen Kreis hinaus auszutauschen.
Erster Entwurf im Juni
Die 40 Teilnehmenden sowie die Begleitpersonen konnten sich am Montag erstmals gemeinsam austauschen Foto: Editpress/Alain Rischard
Neben den Teilnehmenden waren auch Beobachterinnen und Beobachter aus der Forschung anwesend, die den Prozess wissenschaftlich begleiten. Für die Dauer der Versammlung galt das Rathaus am Montag symbolisch als gemeinsamer Arbeitsraum der Bürgerinnen und Bürger.
Die in den kommenden Monaten erarbeiteten Empfehlungen der Bürgerräte sollen Anfang Juni in einem ersten Entwurf vorliegen und anschließend der Politik übergeben werden.
Der Schöffenrat hat angekündigt, zu den Vorschlägen Stellung zu nehmen und deren Umsetzbarkeit zu prüfen. Die „Assemblée citoyenne“ ist als Pilotprojekt angelegt. Sie soll zeigen, inwiefern ein solches Beteiligungsformat in Esch funktionieren kann – und ob es künftig fortgeführt wird.