Konzertkritik

Rhiannon Giddens kreuzt in der Philharmonie den Atlantik

Die US-Musikerin Rhiannon Giddens gräbt in der Philharmonie die verschütteten Wege der amerikanischen Musik aus. Ihr Konzert zeigt, wie wenig von der Idee reiner Traditionen bleibt, wenn man ihnen bis zu ihrem Ursprung folgt.

Rhiannon Giddens hat fast jeder schon mal gehört: Ihr Banjo und ihre Viola erklingen unter anderem im Lied „Texas Hold‘em“ von Beyoncé

Rhiannon Giddens hat fast jeder schon mal gehört: Ihr Banjo und ihre Viola erklingen unter anderem im Lied „Texas Hold‘em“ von Beyoncé Foto: Karen Cox

Die Weltmusik hat ein altes Problem, das sie gern mit Offenheit verwechselt. Sie holt Künstler aus dem globalen Süden auf europäische Bühnen, solange sie liefern, was das Publikum für echt hält: die Kora aus Mali, die Trommel aus dem Kongo, den Gnawa aus Marokko. Es ist ein Zoo der Authentizität, und wer das Gehege verlässt, fällt aus dem Katalog.

Rhiannon Giddens reißt die Gitter dieses musikalischen Käfigs am Sonntagabend in der Philharmonie mit erstaunlicher Beiläufigkeit ein. Bei ihr fließt ein gälisches Lied schottischer Einwanderer aus North Carolina in ein kongolesisches Kinderlied über, das in derselben Tonart steht. Man könnte das für einen Arrangiertrick halten. Tatsächlich ist es eine Landkarte: Die Musik der Pulitzer-Preisträgerin folgt den Routen, auf denen Menschen über den Atlantik kamen, freiwillig oder in Ketten, und sie legt frei, was diese Menschen im Gepäck hatten. Giddens hat einmal gesagt, die amerikanische Musik falle in sich zusammen, wenn man einen einzigen ihrer Fäden herausziehe. Die Grenzen zwischen Blues und Country hätten erst die Plattenfirmen gezogen, um besser verkaufen zu können.

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