70 Jahre Schuman-Erklärung
„Offene Grenzen: je eher, desto besser!“
Vor 70 Jahren, am 9. Mai 1950, hielt der französische Außenminister Robert Schuman eine Rede, die zur „Gemeinschaft für Kohle und Stahl“ führte. Der Tag gilt als Gründungsdatum der Europäischen Union. Seit vergangenem Jahr ist der 9. Mai, der Europatag, in Luxemburg ein gesetzlicher Feiertag. Am Samstag wurde er im Dreiländereck an der Mosel, in Schengen, trotz geschlossener Grenzen gefeiert. Kardinal Jean-Claude Hollerich war auch dabei und forderte wie alle anderen Anwesenden auch, dass die Grenzen schnellstens wieder geöffnet werden.
Europatag in Schengen: (v.l.) die Europaabgeordnete Isabel Wiseler, Kardinal Jean-Claude Hollerich, die Bürgermeister Michel Gloden und Ralf Uhlenbruch, die Schöffen Jean-Paul Müller und Tom Weber sowie Werner Lenert, Ortsvorsteher von Perl Foto: Editpress/Claude Lenert
Gibt es einen geeigneteren Ort als Schengen, um den Europatag zu zelebrieren? Jenen 9. Mai 1950, der als Gründungsdatum der Europäischen Union gilt und an dem der damalige französische Außenminister Robert Schuman anregte, eine Gemeinschaft für Kohle und Stahl ins Leben zu rufen? (siehe Infobox)
Gegenseitige Kontrolle der für die Rüstungsindustrie benötigten Materialien sollte jeden Krieg zwischen Deutschland und Frankreich unmöglich machen. Schuman und die anderen Gründerväter der EU sahen aber viel weiter. Es ging ihnen auch um Aussöhnung in einem von Krieg gezeichneten Europa und um ein Zusammenwachsen durch die Bande neuer Freundschaften über Grenzen hinweg.
An der Mosel, im Dreiländereck zwischen Deutschland, Frankreich und Luxemburg, ist 1985 in Schengen der Grundstein gelegt worden, um diese Visionen Wirklichkeit werden zu lassen. 1985 wird der Vertrag von Schengen unterschrieben, der zehn Jahre später, 1995, die Grenzhäuschen und Grenzkontrollen verschwinden ließ und unter anderem freies Reisen ermöglichte.
„Keine Alternative zu Europa“
70 Jahre nach der Schuman-Erklärung ist aber genau das in Schengen heute nicht mehr möglich. Alle Redner der kleinen Zeremonie im Europazentrum in Schengen haben am Samstag daran erinnert. Den Feiertag, den wir uns übrigens mit Kroatien teilen, wollte sich der Schengener Bürgermeister Michel Gloden, trotzdem nicht vermiesen lassen – „durch politische Entscheidungen, die andernorts in Europa getroffen wurden!“. Auch wenn jetzt nicht alles positiv verlaufe: „Es gibt keine Alternative zu Europa!“
Mit Ralf Uhlenbruch, Bürgermeister vom gegenüberliegenden Perl, muss man nicht lange um den heißen Brei reden: „Wir haben uns an das Selbstverständnis der offenen Grenzen gewohnt!“, sagt er. Die Entscheidung des deutschen Innenministers, die Grenzen zu schließen, könne er nicht wirklich nachvollziehen. Die Frage eines Zeremonie-Teilnehmers, warum sich denn das Saarland Seehofer nicht widersetze wie Nordrhein-Westfalen, kann oder will Uhlenbruch nicht ausführlich beantworten. Er zeigt aber viel Verständnis und irgendwo scheint es ihm auch peinlich.
Klare Worte fand am Samstag Kardinal Jean-Claude Hollerich. „Gegen Corona können wir uns eine Maske aufsetzen, nicht aber gegen wieder aufkommenden Nationalismus!“ Grenzen seien starke Symbole und Menschen würden eher auf Symbole schauen statt auf Statistiken. „Wenn die Grenzen zu lange zubleiben, dann fallen auch öfters wieder die Schranken in den Köpfen und in den Herzen“, so Hollerich, für den es deshalb nur eine Botschaft gibt: „Öffnet die Grenzen! Je eher, desto besser. Mit jedem Tag, an dem sie geschlossen bleiben, geht ein Stück Ideal Europas verloren.“
Europa nach Perl tragen
Mit einer ebenso symbolischen wie spontanen und friedlichen Aktion setzten sich am Ende der offiziellen Zeremonie etwa 100 Menschen in Bewegung und trugen die Europaflagge unter Aufsicht einer sehr entgegenkommenden Polizei über die Grenzbrücke bis zum Kreisverkehr zwischen Perl und Apach und wieder zurück. Es hätte auch die große „Schengen is alive“-Fahne sein können. Die war bestellt, konnte aber nicht bis zum Samstag geliefert werden.
Wenn sie eintrifft, sollte sie besonders für die Menschen im deutschen Perl und dem französischen Apach gut sichtbar aufgehängt werden. Allerdings braucht man denen wohl kaum zu sagen, welchen Segen die Idee von Robert Schuman für die Grenzregion an der Mosel bedeutet. Dass Schengen sich nicht unterkriegen lassen wird – sowieso nicht.
Spätestens am 14. Juni, dem Jahrestag des Vertrages, soll das wieder unter Beweis gestellt werden. Vielleicht wird dann ja auch, anders als am Samstag, ein Mitglied der Regierung unter den Anwesenden sein. Im Verlauf dieser Woche soll übrigens auch das Europazentrum in Schengen seine Türen wieder für Besucher öffnen. P.S.: An den Grenzübergängen scheint sich diese Woche womöglich auch was zu tun.
Schuman und seine Erklärung
Robert Schuman zählt zu den Gründervätern der Europäischen Union. Er wird 1886 in Luxemburg geboren und wächst im deutsch-französischen Grenzgebiet auf. Die dort gemachten Erfahrungen prägen ihn. 1940 wird er nach Deutschland deportiert, kann aber fliehen und sich dem französischen Widerstand anschließen. In Zusammenarbeit mit Jean Monnet entwickelt er einen Plan, den er am 9. Mai 1950 ankündigt, dem Tag, der heute als Geburtsstunde der Europäischen Union gilt. Nur fünf Jahre nach der Kapitulation Nazi-Deutschlands schlägt der französische Außenminister Robert Schuman Deutschland vor, die nationale Kohle- und Stahlproduktion zu koordinieren. Der Gedanke dahinter war, dass es nur über die Kontrolle der wichtigsten Grundstoffe für die Rüstungsindustrie möglich sei, einen neuen Krieg zu verhindern. Der Plan begeistert nicht nur Deutschland, sondern auch Italien, die Niederlande, Belgien und Luxemburg. 1951 unterzeichnen diese sechs Länder den Vertrag von Paris, mit dem die „Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl“ auch „Montanunion“ genannt, gegründet wird. Robert Schuman stirbt 1963 in Scy-Chazelles nahe Metz. Im Haus ist heute ein Museum untergebracht.