Flashback
„Novecento“ – ein halbes Jahrhundert als bukolische Filmoper
Das Tageblatt präsentiert in einer losen Serie Meisterwerke der Filmgeschichte, die 2026 ein Jubiläum feiern – dieses Mal Bernardo Bertoluccis „Novecento“ von 1976. Das 317-minütige Monumentalwerk beschreibt in opulenten Bildern den Klassenkampf zwischen Bourgeoisie und Landarbeitern sowie den Aufstieg des italienischen Faschismus.
Robert De Niro und Gérard Depardieu als Alberto Berlinghieri und Olmo Dalcò in „Novecento“ Foto: IMDb
Die Voraussetzungen hätten kaum besser sein können. Bernardo Bertolucci, 1940 in der Nähe von Parma als Sohn des Dichters Attilio Bertolucci geboren, wuchs in Rom in einem Elternhaus auf, in dem sich die einflussreichsten italienischen Intellektuellen jener Zeit trafen. Pier Paolo Pasolini wurde sein Mentor. Bertolucci assistierte dem Schriftsteller und Regisseur bei dessen Filmdebüt „Accattone“ (1961). Neben Pasolini bezeichnete er Freud und Marx, Proust und Stendhal als seine Vorbilder. Bertolucci sagte, dass er wegen Jean-Luc Godards „A bout de souffle“ (1960) Filmregisseur geworden sei. Außerdem prägten ihn Luchino Viscontis Realismus und dessen Ästhetizismus. In Giuseppe Verdis Opern sah er die kollektive und individuelle Zeit zu Momenten intensiver Emotion verdichtet.
„Für mich geht es beim Filmemachen um Leben und Tod“, sagte Bertolucci. Kein Wunder, dass sein erster Film „La commare secca“ (1962), den er nach einer Erzählung Pasolinis im Alter von 21 Jahren drehte, vom Tod handelt. Es folgten Werke wie „Prima della rivoluzione“ (1964), Bertoluccis persönlichster Film, oder „La strategia del ragno“ (1970) über Geschichte und Erinnerung, den Faschismus und die Mythen des Widerstands anhand der Auseinandersetzung eines Sohnes mit seinem Vater, der ermordet wurde und danach ein hohes Ansehen als Opfer des Faschismus genießt. Zusammen mit Kameramann Vittorio Storaro und Cutter Franco Arcalli entwickelte Bertolucci eine artifizielle Licht- und Farbdramaturgie emotionaler Verfremdung und Verdichtung zugleich und verband Kollektiv- und Individualgeschichte.