Zwischen leeren Stühlen und offenen Ohren

Luxemburg-Stadt stellt sich beim „Apéri’tour“ bekannten Problemen im Bahnhofsviertel

Zwischen leer gebliebenen Stühlen und lebhaften Debatten wurde im Bahnhofsviertel klar: Die Probleme sind bekannt, doch die Stadt will handeln – mit neuen Ideen, offenen Ohren und einer Portion Geduld.

Obwohl nur wenige gekommen waren, wurde engagiert diskutiert. Themen wie Drogenhilfe, Bildung und Stadtbild standen im Mittelpunkt.

Obwohl nur wenige gekommen waren, wurde engagiert diskutiert. Themen wie Drogenhilfe, Bildung und Stadtbild standen im Mittelpunkt. Foto: Carole Theisen

Gut zwei Drittel der Stühle bleiben leer, als Bürgermeisterin Lydie Polfer am Donnerstagabend im „Centre sociétaire“ an der rue de Strasbourg das dritte Event der „Apéri’tours“ eröffnet. „Ich habe das Gefühl, als sei etwas schiefgelaufen – so wenige sind heute da“, wundert sie sich und vermutet, dass die Post die Einladungen zu spät zugestellt habe. Dabei, so Polfer, „gibt es eine Menge zu besprechen“.

Die Veranstaltungsreihe soll den Dialog mit den Bewohnern fortsetzen, die im vergangenen Jahr ihre Ideen und Beschwerden eingebracht hatten. Nun wollten Bürgermeisterin und Schöffen – Paul Galles, Laurent Mosar und Patrick Goldschmidt – zeigen, was daraus geworden ist.

Im Bahnhofsviertel drehte sich die Diskussion erneut um altbekannte Themen: Sicherheit, Drogen und Sauberkeit. „Uns ist bewusst, welche Probleme es hier gibt“, betonte Polfer. „Aber vieles hat sich bereits verbessert.“

Die Probleme verschwinden nicht von heute auf morgen, aber mit Platzverweisen, Kameras und ständiger Präsenz machen wir Fortschritte

Laurent Mosar

Schöffe

Die Polizeipräsenz ist spürbar gestiegen, bestätigen mehrere Bewohner. „Die Probleme verschwinden jedoch nicht von heute auf morgen“, räumt Laurent Mosar ein, „aber mit Platzverweisen, Kameras und ständiger Präsenz machen wir Fortschritte.“ Nicht alle im Saal teilen seine Einschätzung: „Die Dealer wissen genau, wo sie stehen müssen, damit man sie nicht sieht“, meint ein aufgebrachter Teilnehmer.

Patrick Goldschmidt, zuständig für Mobilität, stellt neue Ideen für mehr Sicherheit in der Nacht vor. Die Stadt prüfe eine App, über die Bürger ein Taxi rufen können, das teilweise von der Stadt mitfinanziert wird.

Frust, Fortschritt und neue Pläne

Ein Schwerpunkt des Abends liegt auf den Projekten des „Ideation Lab“, das gemeinsam mit Bürgern Vorschläge entwickelt: sichere Fußwege, Mitfahrinitiativen oder den „Safe Haven“, eine Art digitaler Notknopf für unsichere Situationen. „Ziel ist es, bewährte Ideen aus verschiedenen Vierteln zu übertragen und gemeinsam weiterzudenken“, erklärt Projektleiterin Sandra Latanik.

Paul Galles spricht über Bildung und Identität im Viertel. Kinder sollten ihren Stadtteil als Lebensraum begreifen – mit Orten, die sie mögen, und solchen, die sie fürchten. In der rue Glesener soll dafür ein neues Bildungshaus entstehen, wo heute noch der Polizeiparkplatz ist.

Auch die Fragen aus dem Publikum sind konkret: Eine Frau will wissen, ob am „Rousegäertchen“ bald wieder Rosen blühen – sie seien entfernt worden, obwohl sie noch gut gewesen seien. „Natürlich kommen die Rosen zurück“, verspricht Polfer. „Und es werden 18 neue Bäume gepflanzt.“

Solange das neue ,Abrigado‘ nicht fertig ist, bleibt das Problem der Drogenabhängigen. Sie brauchen einen sicheren Ort, sonst verlagert sich alles nur.

Michel Dimmock

Bewohner des Viertels

Zum geplanten dritten Neubau des „Abrigado“ erklärt Polfer, das Drogenhilfezentrum solle weiter hinten auf der Wiese entstehen. Das alte Gebäude sei „am Ende seiner Lebenszeit“, ergänzt Christof Mann, Leiter der Sozialen Angelegenheiten bei der VdL. Langfristig strebe man eine dauerhafte Lösung an – ein „Abrigado 4“.
Zwischendurch wird es hitzig, als ein Mann die Behörden wegen mangelnder Sauberkeit scharf kritisiert. Goldschmidt reagiert sofort: „Ich reagiere allergisch, wenn jemand pauschal gegen Beamte wettert.“ Andere verteidigen die Arbeit der Stadt. Ein Bewohner des Wallisplatzes meint: „Ja, es ist dreckig – aber morgens sorgt die Stadt dafür, dass alles wieder sauber ist. Das muss man auch sagen.“

Michel Dimmock, Bewohner des Viertels, zieht ein differenziertes Fazit: „Diese Abende sind wichtig, weil sie Austausch ermöglichen. Die Polizeipräsenz hat sich deutlich verbessert, das spürt man. Aber solange das neue ,Abrigado‘ nicht fertig ist, bleibt das Problem der Drogenabhängigen. Sie brauchen einen sicheren Ort, sonst verlagert sich alles nur.“ Auch Herr Horn lobt den offenen Austausch: „Es wurde viel getan, aber Perfektion gibt es nicht. Die Politik hat es nicht leicht – man sollte sich auch mal in ihre Lage versetzen.“
Gegen 19.30 Uhr muss Lydie Polfer weiter. Auf dem Weg nach draußen verspricht sie, alle gezeigten Informationen am nächsten Tag online zu stellen. „Wir nehmen Ihre Anliegen ernst – und wir bleiben dran.“

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