Leben retten

Erste Hilfe bei Säuglingen und Kleinkindern: Das „Centre Lunata“ zeigt, wie es geht

Der Besuch eines gewöhnlichen Erste-Hilfe-Kurses erlaubt es Laien, lebensrettende Maßnahmen für Notfälle und Unfälle zu erlernen und die Zeit bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes zu überbrücken. Handelt es sich bei dem Patienten um ein Baby oder Kleinkind, ist man als Laie, und insbesondere als Mutter oder Vater, schnell überfordert. In spezifischen Erste-Hilfe-Kursen für pädiatrische Notfälle vermittelt die Kinderärztin Dr. Pia Herrera im „Centre Lunata“ regelmäßig das notwendige Wissen.

Beatmung eines Babys – diese und andere Erste-Hilfe-Maßnahmen erläutert Dr. Pia Herrera

Beatmung eines Babys – diese und andere Erste-Hilfe-Maßnahmen erläutert Dr. Pia Herrera

Unbefangen entdecken Babys und Kleinkinder ihre Umwelt. Überall in der Wohnung lauern Gefahren, etwa der heiße Herd, die Steckdosen, Treppen, Türen oder Schubladen. Herumliegende Kleinteile können zur Erstickungsgefahr werden, Haushaltsprodukte zum Gift. Viele Unfälle und Notfallsituationen kann man durch entsprechende Vorsichtsmaßnahmen verhindern, sagt die Kinderärztin. Aus diesem Grund vermittelt sie in ihren Kursen wichtige Tipps, wie man die Wohnung kindersicher gestaltet, damit es von vornherein nicht zu einem Notfall kommen kann.

Die beste Vorsorge kann zwar Notsituationen vermeiden helfen, dennoch kann immer mal etwas passieren. Wie man dann gezielt handeln muss, erklärt die Ärztin in theoretischen und praktischen Kursen. Bei einem medizinischen Notfall oder nach einem Unfall steht an erster Stelle das Absetzen eines Notrufs über die Notrufzentrale 112, sagt die Ärztin. Je nach Situation geben die Sanitäter über Telefon bereits erste Anweisungen, denen man Folge leisten soll.

Herzstillstand – schnell handeln, um Leben zu retten

Im Fall eines Herzstillstandes müssen die Wiederbelebungsmaßnahmen sofort ergriffen werden. Diese werden immer dann ausgeführt, wenn das Kind bewusstlos ist und keine normale Atmung feststellbar ist, beziehungsweise wenn Zweifel daran bestehen, dass eine normale Atmung vorhanden ist.

Bei Kindern und Säuglingen besteht die Gefahr einer Verlegung der Atemwege durch Fremdkörper. Vor Beginn der Herzdruckmassage sollte der Ersthelfer versuchen, vorsichtig bis zu fünf initiale Atemspenden zu verabreichen. Ist die Atemspende aufgrund eines Fremdkörpers, der sich nicht entfernen lässt, unmöglich, so erfolgt ausschließlich die Herzdruckmassage.

Diese ist dem altersbedingten Atemrhythmus, dem Atemvolumen und der entsprechenden Herzfrequenz anzupassen. Für die Herzmassage platziert der Helfer zwei Fingerkuppen einer Hand auf die Mitte des Brustkorbs des Säuglings. Jetzt drückt man 30-mal mit zwei Fingern das Brustbein ca. ein Drittel bis zur Hälfte tief nach unten. Dann erfolgen zwei Mund-zu-Mund-Beatmungen. Zeitgleich zum Geschehen soll der Helfer etwaige Passanten oder Nachbarn auffordern, den Notruf 112 zu benachrichtigen. Bei einem Kind ab dem ersten Lebensjahr solle man zudem veranlassen, dass ein weiterer Helfer ein sogenanntes AED-Gerät, also einen automatischen Defibrillator, holt. Die Herz-Wiederbelebung wird bis zum Eintreffen professioneller Hilfe fortgeführt. Sobald ein AED-Gerät verfügbar ist, wird auch dieses benutzt. Beim Öffnen des Gerätekoffers gibt der Defibrillator über den eingebauten Lautsprecher entsprechende Anweisungen. Nachdem man die beiden Elektroden an den entsprechenden Stellen am Oberkörper angebracht hat, analysiert das Gerät den Herzrhythmus. Ergibt die Analyse die Notwendigkeit eines Elektroschocks, fordert das Gerät die Ersthelfer auf, sich vom Patienten zu entfernen und diesen nicht zu berühren. Erst wenn das Gerät weitere Anweisungen zur Durchführung der Herzdruckmassage und Beatmung gibt, führt man diese weiter. Bei einem Kind ab dem ersten Lebensjahr führt man die Herzdruckmassage mit dem Ballen einer Hand durch. Die richtigen Positionen und Maßnahmen sollte man auf jeden Fall in einem praktischen Erste-Hilfe-Kurs erlernen, um die Überlebenschancen des kleinen Patienten zu erhöhen.

Erstickungsnotfälle

Hat ein Kleinkind oder Säugling sich verschluckt, so soll man, wenn es noch bei Bewusstsein ist, das Kind husten lassen. Wenn das Kind nicht in der Lage ist, den Fremdkörper selbstständig auszuhusten, muss man eingreifen. Auch hier gilt es, den Notruf 112 zu benachrichtigen. Den Säugling legt man in Bauchlage mit dem Kopf nach unten auf den Vorderarm oder den Oberschenkel des Helfers. So kann die Entfernung des Fremdkörpers auch durch die Schwerkraft unterstützt werden. Dabei muss der Kopf des Babys unbedingt durch eine Hand gestützt werden. Jetzt verabreicht man mit der Hand fünf Schläge auf den Rücken, zwischen die Schulterblätter. In der Regel reicht dies aus, den Fremdkörper nach außen zu befördern. Bei größeren Kindern kann man das Kind über den Oberschenkel legen, damit der Oberkörper vertikal nach unten hängt. Auch hier schlägt man mit der flachen Hand fünfmal auf den Rücken. Die Erfolgsquote dieser Maßnahme sei recht hoch, sagt die Ärztin. Beim Versagen dieser Maßnahme gibt es in der Ersten Hilfe eine zweite Möglichkeit, das sogenannte Heimlich-Manöver. Dieses kann man aber erst ab dem ersten Lebensjahr anwenden.

Erstickungsnotfall durch Verschlucken. Mit dem Kopf nach unten hängend und das B...
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Erstickungsnotfall durch Verschlucken. Mit dem Kopf nach unten hängend und das Baby auf dem Oberschenkel abgestützt, schlägt man fünfmal mit der Hand zwischen die Schulterblätter.
Die Herzmassage beim Säugling kann man auch auf dem Oberschenkel des Ersthelfers...
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Die Herzmassage beim Säugling kann man auch auf dem Oberschenkel des Ersthelfers durchführen
Kontrolle, ob der Patient noch atmet oder nicht
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Kontrolle, ob der Patient noch atmet oder nicht
Die Herzdruckmassage wird beim Säugling mit zwei Fingern durchgeführt
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Die Herzdruckmassage wird beim Säugling mit zwei Fingern durchgeführt
Bei älteren Kindern erfolgt die Herzdruckmassage mit dem Handballen
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Bei älteren Kindern erfolgt die Herzdruckmassage mit dem Handballen

Dazu stellt sich der Helfer hinter den Patienten und umfasst mit den Armen dessen Oberbauch. Mit der einen Hand bildet er eine Faust und legt sie unterhalb der Rippen und des Brustbeins in die Magengrube. Mit der anderen Hand greift er die Faust und zieht sie dann fünfmal ruckartig kräftig gerade nach hinten zu seinem Körper. Ziel ist es, durch die plötzliche Druckerhöhung in der Lunge den Fremdkörper aus der Luftröhre zu befördern. Nach jeder Durchführung sollte überprüft werden, ob der Fremdkörper sich schon gelöst hat. Der Brustkorb selbst soll dabei nicht zusammengedrückt werden. Das Heimlich-Manöver ist bei Kindern unter einem Jahr absolut ungeeignet. Um solchen Erstickungsnotfällen vorzubeugen, rät die Kinderärztin dazu, Kleinkindern auf keinen Fall ganze Nüsse, Beeren oder kernhaltige Früchte zum Essen zu reichen. Auch gilt es, alle Kleinstgegenstände außer Reichweite der Kinder zu bringen.

Gefährliche Stürze

Weitere häufige Notfälle bei Kleinkindern und Säuglingen seien Stürze aus einer gewissen Höhe. Sehr typisch ist der Sturz vom Wickeltisch in einem unachtsamen Moment. Die Folge eines solchen Sturzes kann ein schwerwiegendes Schädel-Hirn-Trauma sein, so die Kinderärztin. Da der Kopf eines Säuglings oder Kleinkindes der schwerste Körperteil ist, schlägt der Kopf bei einem Sturz als erster auf. Nicht ausgeschlossen bei derartigen Stürzen seien Verletzungen an der Wirbelsäule. Wenn das Kind bewusstlos ist oder sichtbare Kopfverletzungen vorhanden sind, müssen die Eltern den Notruf 112 kontaktieren. Auch wenn das Kind nach einem Sturz nicht sofort Symptome zeige, so sei beispielsweise eine zu einem späteren Zeitpunkt eintretende Gehirnblutung nicht ausgeschlossen. Um alle Zweifel auszuschließen, solle man das Kind von einem Arzt untersuchen lassen. Die Erste-Hilfe-Maßnahmen nach einem schweren Sturz richten sich nach den Symptomen, sprich Maßnahmen bei Bewusstlosigkeit oder sichtbaren Blutungen. Bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes solle man, insofern das Kind noch bei Bewusstsein ist, versuchen, den Kopf des Kindes zwischen zwei Händen zu stabilisieren. Ist der kleine Patient bewusstlos, wendet man die stabile Seitenlage an und achtet auf das Freihalten der Atemwege.

In den Kursen geht die Pädiaterin auf weitere Themen ein, wie Verbrennungen, Vergiftungsnotfälle oder allergische Reaktionen. Der Ärztin liegt viel daran, dass die Kursteilnehmer möglichst oft die einzelnen Maßnahmen an einem Mannequin üben. Nur so könne man ein Gefühl für die Realität bekommen, und vor allem einer möglichen Panikreaktion im Notfall entgegenwirken, sagt Dr. Herrera. Videos oder schriftliche Anleitungen können das praktisch erlernte Wissen aber jederzeit auffrischen.

Verständlicherweise seien Eltern bei einem Notfall in Panik. Je mehr man die Maßnahmen praktisch erprobt habe, umso besser könne man im Ernstfall reagieren, so die Ärztin. Besonders in Situationen wie einem Herzstillstand oder bei Verschlucken müsse man sehr schnell handeln, um das Leben des betroffenen Kindes zu retten.

Zudem vermittelt die Ärztin den Kursteilnehmern Informationen zu Krampfanfällen und Konvulsionen bei Säuglingen. Auch wenn diese unterschiedliche Ursachen haben, gilt es auch hier, verschiedene Maßnahmen einzuleiten. Diese haben dann die Funktion, einerseits das Kind vor weiteren Verletzungen zu bewahren und andererseits den Bewusstseinszustand zu überwachen und entsprechend zu handeln. Um die Eltern und Kursteilnehmer bestens auf eine mögliche Notfallsituation vorzubereiten, setzt Dr. Pia Herrera in ihren Kursen auf Rollenspiele. Dies sei eine sehr gute Methode, Eltern zu helfen, ihre Ängste abzubauen, so die Expertin.

Informationen

Das Centre Lunata veranstaltet in regelmäßigen Abständen die pädiatrischen Erste-Hilfe-Kurse. Diese finden in der rue de Luxembourg 97 in Bartringen statt. Die nächsten Kurse sind am 14. und 21. Oktober. Weitere Informationen gibt es hier.

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