Kulturgeschichte
Die Entzauberung: Von einem möglichen Ende des amerikanischen Jahrhunderts
Der Einfluss der US-Kultur hat Europa maßgeblich geprägt. Amerika war Leitstern und Verheißung. Ist der transatlantische Traum ausgeträumt und die kulturelle Hegemonie der Vereinigten Staaten mit Donald Trumps zweiter Amtszeit wirklich zu Ende?
Lost in America: Harry Dean Stanton in Wim Wenders „Paris, Texas“ (1984) Foto: imdb
Der King kam über Bremerhaven nach Deutschland. Am 1. Oktober 1958 legte der Truppentransporter USS General Randall an. Elvis Presley wurde von Scharen, vor allem weiblicher Fans begrüßt. Bald darauf trat er in der hessischen Provinz seinen Militärdienst als GI an. Der Rock ’n’ Roll hatte zu dieser Zeit bereits den ersten Höhepunkt überschritten. Ein berühmtes Foto zeigt Presley, wie dieser Bill Haley, einen der Pioniere des Genres, der mit seiner Band auf Tournee war, in der Garderobe besucht.
Die US-Besatzungstruppen brachten den Rock ’n’ Roll und dieser ein neues Lebensgefühl nach Deutschland. Verbreitet wurde der Sound vor allem von dem Militärsender American Forces Network (AFN). Die Bands spielten in Hallen und Clubs. Während die Musik, verbunden mit einer neuen Mode, bei den Jugendlichen einschlug, sprachen die Älteren von einem Verfall der Sitten. Zu einem ähnlichen Wandel gesellschaftlicher Orientierung führte die „Amerikanisierung“ in anderen europäischen Ländern, in abgeschwächter Form auch in Frankreich und Italien. Ihren Höhepunkt erlebte sie in den 50er und frühen 60er Jahren, verbunden mit einer transnationalen Konsumkultur. Der Tübinger Historiker Anselm Doering-Manteuffel schreibt: „Als neues Phänomen transnationalen Kulturtransfers trat nach dem Ende der Blockspaltung die Globalisierung an die Stelle, deren US-amerikanische Eigenheiten hinter der marktwirtschaftlichen und konsumgesellschaftlichen Uniformität in nahezu allen Ländern rund um den Globus zurücktraten.“
Immer mehr Menschen fühlten sich von dem „American Way of Life“ angezogen. Die kulturelle Hegemonie der USA nahm nach dem Zweiten Weltkrieg deutlich zu. Bereits seit Ende des Ersten Weltkriegs waren die USA zu einem Referenzort für die Gesellschaften West- und Mitteleuropas geworden und nicht mehr nur zu einem Auswanderungsland der „unbegrenzten Möglichkeiten“, konstatiert Doering-Manteuffel. 1918 setzte ein neuer Transfer von Kulturmustern aus den USA nach Europa ein, der sich nach den Worten des Historikers in verschiedenen Formen der künstlerischen Avantgarde niederschlug, die „die europäische Unterscheidung in bürgerliche Hochkultur und populäre Massenkultur nicht kannte“.
Kalter Krieg und Antikommunismus
Der Alltag wurde zunehmend von der Konsumgesellschaft geprägt. Schon in der Zwischenkriegszeit, vor allem in den 20er Jahren, bevor die faschistischen Regime und das stalinistische System zum Wettlauf mit den USA in allen Bereichen der technischen Moderne antraten, hatte die amerikanische Kultur insbesondere in den europäischen Metropolen Einzug erhalten. Diese Entwicklung setzte sich nach dem Zweiten Weltkrieg fort, nun im Kontext des Kalten Krieges und des Antikommunismus. Eine herausragende Rolle spielte dabei vor allem die amerikanische Popkultur.
Die verschiedenen Musikstile seien zum Spiegelbild der Suche nach einer US-amerikanischen Identität geworden, erklärt Maik Brüggemeyer, Redakteur der deutschen Ausgabe des Musikmagazins Rolling Stone, in seinem 2021 erschienenen Essay „Born in the USA“ nach dem Song von Bruce Springsteen. Ausgehend vom Blues über den Jazz bis hin zu Country und Rock ’n’ Roll setzte das „American Idol“ Maßstäbe. Die US-Popkultur wurde zum Symbol von Freiheit und Individualismus, zum Ausdruck des American Dream – und damit auch der Glaube an soziale Mobilität, Erfolg und Wohlstand. Amerikanische Filme, Musik und Lifestyle-Trends erfuhren eine weltweite Verbreitung, US-Künstler und -Schauspieler wurden zu Weltstars – Englisch die Lingua franca.
Die „Traumfabrik“ Hollywood lieferte die Botschaft, dass jeder, ungeachtet seiner Herkunft, die Möglichkeit zum Aufstieg hat. Auch in der Musikwelt spiegelten sich die Ideale des amerikanischen Traums wider, ebenso in der US-Literatur. In ihren Werken setzten sich amerikanische Schriftsteller und -Dramatiker mit sozialen Ungerechtigkeiten, wie etwa John Steinbeck in „The Grapes of Wrath“ (1939), auseinander, oder mit den Folgen des Krieges, Norman Mailer in „The Naked and the Dead“ (1948). Sie entwickelten literarische Formen und Stile weiter und inspirierten damit unter anderem europäische Autoren. Ein Beispiel stellt der Erfolg der amerikanischen Short Story dar, deren Rezeption nach 1945 in Deutschland zu einer Blüte der Kurzgeschichte führte. Eine ähnlich selbstkritische Auseinandersetzung fand im Fernsehen, seit den 50er Jahren das Leitmedium in den Industrieländern, erst viel später statt.
„Transatlantisches Gefühl“ der Freiheit
Die amerikanische Unterhaltungsindustrie von der Film- über die Musik- bis zur Videospielindustrie wurde nicht nur ein mächtiger Wirtschaftszweig und Milliardengeschäft. Zugleich transportierte sie ein Lebensgefühl. „Amerika perfektionierte die Romantisierung seiner selbst immer weiter“, schrieb Andrian Kreye im November vergangenen Jahres in der Süddeutschen Zeitung unter dem Titel „Es war einmal Amerika“. Die große Kultur des Westens sei für die Europäer jahrzehntelang Leitstern und Verheißung gewesen, so der Autor in seiner „Hymne zum Abschied“. „Das lag vor allem daran, dass es jenseits des Atlantiks eine Kultur gab, die so viel zugänglicher war als jede andere im Rest der Welt, eine Kultur, die den Freiheitsbegriff, die Aufbruchstimmung und die Energie Amerikas nicht nur in die Köpfe, sondern die Herzen der Menschen transportierte“, schreibt Kreye und spricht von einem „transatlantischen Gefühl“.
Von Blues und Jazz sowie Country und Rock ’n’ Roll bis hin zu Funk und Hip-Hop – die Liste der kulturellen Einflüsse ist lang. Dabei war die „Amerikanisierung“ nie eine kulturelle Einbahnstraße, sondern Teil einer transatlantischen Wechselwirkung.
Von Blues und Jazz sowie Country und Rock ’n’ Roll bis hin zu Funk und Hip-Hop – die Liste der kulturellen Einflüsse ist lang. Dabei war die „Amerikanisierung“ nie eine kulturelle Einbahnstraße, sondern Teil einer transatlantischen Wechselwirkung. So wurden die Beatles aus Liverpool stark von der US-Popkultur, dem Rock ’n’ Roll und Musikern wie Buddy Holly inspiriert. Andererseits sorgten sie für eine „British Invasion“ in den USA. Derweil hatten die Rolling Stones ihre Wurzeln im Blues und wurden von Musikern wie Howlin’ Wolf und John Lee Hooker beeinflusst. Ihr Bandname stammt von dem Bluesmusiker Muddy Waters. Andererseits entwickelten die Stones den Blues weiter. Von diesem ließen sich auch Led Zeppelin inspirieren. Zugleich beeinflussten britische Bands wie Black Sabbath, Iron Maiden, Deep Purple und Judas Priest entscheidend amerikanische Metal-Bands. Ein weiteres Beispiel der Wechselbeziehung ist Punkrock. Sein musikalischer Ursprung ist in den USA ebenso wie in Großbritannien zu finden. Zur subkulturellen Strömung wurde Punk jedoch erst im UK der 70er Jahre, weil es dort dafür den nötigen gesellschaftlichen Nährboden gab.
Von einer gegenseitigen Beeinflussung kann man auch beim Film sprechen, obwohl amerikanische Filme nach Angaben der Europäischen Audiovisuellen Informationsstelle nach wie vor eine große Dominanz in den europäischen Kinos haben: Demnach haben die US-Filme einen Anteil von 70,1 Prozent (2023) gegenüber den europäischen mit 26,4 Prozent. Einen vergleichsweise hohen Anteil einheimischer Filme verzeichnen das Vereinigte Königreich (40,8 Prozent) und Frankreich (40,0 Prozent).
Kulturelle Wechselwirkung
Auch künstlerisch ist der amerikanische Einfluss auf das europäische Kino seit jeher nicht von der Hand zu weisen. Die Regisseure der Nouvelle Vague, der wichtigsten filmischen Bewegung der Nachkriegszeit in Frankreich, waren stark von den Filmen und der Ästhetik der amerikanischen Filme der 40er und 50er Jahre geprägt. So ist Jean-Luc Godards „A bout de souffle“ (1960). Der Film ist eine Hommage an den amerikanischen Film noir. In der Hauptrolle betrachtet Jean-Paul Belmondo vor einem Kino ein Foto von Humphrey Bogart und ahmt diesen nach – eine ironische Verbeugung vor einer cineastischen Ikone. Andererseits übte die Nouvelle Vague einen großen Einfluss auf die Filmemacher des New Hollywood aus, die viele ihrer Stilmittel übernahmen.
Deutsche Filmemacher waren nicht weniger vom US-Kino inspiriert: Rainer Werner Fassbinder begeisterte sich etwa für die Melodramen von Douglas Sirk, aber auch für US-Gangsterstreifen und Elemente aus der Popkultur. Sein langjähriger Kameramann Michael Ballhaus entwickelte innovative Kameraeinstellungen, die er später bei Martin Scorsese anwandte. Nicht zu vergessen ist Wim Wenders, dessen amerikanische Prägung unter anderem in seiner Roadmovie-Trilogie – „Alice in den Städten“ (1974), „Falsche Bewegung“ (1975) und „Im Lauf der Zeit“ (1976) – und bei „Paris, Texas“ (1984) zu erkennen ist. Ein anderes Beispiel ist der Italo-Western, der wie ein Abgesang auf das uramerikanischste Genre wirkte, dieses aber auch wiederbelebte.
Als Donald Trump 2016 erstmals gewählt wurde, fragte sich der New Yorker Schriftsteller Jonathan Lethem, warum er überhaupt noch etwas schreiben solle. „Die Welt ergibt keinen Sinn“, so der Autor. Er schrieb trotzdem weiter. Und auch Musiker aus der ganzen Welt wandeln weiter auf den ausgetretenen Pfaden des Rock ’n’ Roll und von Elvis Presley, der seit fast einem halben Jahrhundert tot ist – und noch immer lebt.