Blühende Tradition

Der „Léiffrawëschdag“ in Greiweldingen vereint Natur, Kultur und Gemeinschaft

Während das ganze Land am vergangenen Freitag den Feiertag genoss, herrschte in Greiweldingen lebhaftes Treiben: Kunsthandwerksstände, Kinderanimation, Musik – und vor allem die traditionelle Segnung des „Wësch“, des bunten Kräuterstraußes, der das Herz des Festes bildet. Das Tageblatt mischte sich unter die Besucherinnen und Besucher, um herauszufinden, was der „Léiffrawëschdag“ für sie bedeutet.

„O’zapft is!“ … oder so ähnlich. Die Minister Gloden (M.) und Delles (im blauen Blazer) in ihrem Element

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Greiweldingen. 15. August. 10.30 Uhr. Die Sonne brennt, das Thermometer klettert in Richtung 30 Grad, doch die Kirche im Dorfzentrum ist gut gefüllt. Die Messe beginnt, gefolgt von der traditionellen Segnung der „Wëschen“ und des Weins. Die Atmosphäre ist familiär, fast intim. Man kennt sich. Man grüßt sich. Und man kommt jedes Jahr wieder.

Denn am 15. August steht Luxemburg im Zeichen des „Wësch“. Mariä Himmelfahrt – liebevoll „Léiffrawëschdag“ genannt – gehört zu den letzten lebendigen Erntefesten des Landes. Der Name verweist auf die „léif Fra“, die Jungfrau Maria, doch die Tradition reicht weit über die Kirche hinaus: Ein Fest, das die Dörfer zusammenbringt, die Natur ehrt und altes Wissen lebendig hält.

Der ehemalige Bauer Jos ist jedes Jahr beim „Léiffrawëschdag“ dabei

Der ehemalige Bauer Jos ist jedes Jahr beim „Léiffrawëschdag“ dabei

Kaum eine Stunde später, um 11.30 Uhr, öffnen sich die schweren Kirchentore, die Besucher strömen hinaus, die „Wëschen“ und das Weinfass werden feierlich herausgetragen und angezapft, begleitet von lokalen und nationalen Politikern. Wirtschaftsminister Lex Delles und Innenminister Léon Gloden reichen die ersten Gläser direkt in die Hände der Wartenden.

Organisiert wird das Ganze vom Verein „Greiweldenger Leit“, einem Zusammenschluss engagierter Dorfbewohner, die das Fest jedes Jahr mit Hingabe auf die Beine stellen. Vom Kräutersammeln über die Deko bis zur Gastronomie – hier läuft alles über das Ehrenamt.

Der „Wësch“: ein Strauß voller Bedeutung

Der Star des Tages ist der „Wësch“. Der Kräuterstrauß besteht aus bis zu 35 Pflanzen, die gesammelt, gebunden und gesegnet werden. Er soll Haus und Hof schützen, ein Ritual, das sich über Generationen gehalten hat.

Annette Eischen und ihr Mann René Thiry reisen jedes Jahr aus Niederkorn an: „Wir kommen wegen des ,Wësch‘, wegen der Stimmung. Den ,Wësch‘ hängen wir auf, damit er unser Haus schützt. Früher hing er auf dem Dachboden, bei uns bleibt er im Keller. Der alte „Wësch“ wird verbrannt. Es ist schön zu sehen, wie die Tradition lebt.“

Weinkönigin Anne-Catherine hebt den sozialen Aspekt hervor: „Natürlich ist der ,Léiffrawëschdag‘ eine Tradition, die weitergeführt werden sollte. Es ist einfach wunderschön, dass so viele Leute zusammenkommen. Und am Ende nimmt jeder einen ,Wësch‘ mit nach Hause.“
Die frühere Justiz- und Kulturministerin Octavie Modert ergänzt, dass der „Wësch“ früher in Stall oder Scheune aufgehängt wurde, heute könne man ihn überall platzieren: „Es geht darum, Segen zu bringen – dass dem Vieh nichts passiert, dass alles gut geht, er drückt Schutz und Dankbarkeit aus.“

„Früher hieß es, man nimmt ihn mit nach Hause, damit er das Haus bei Gewitter oder Unwetter schützt“, erklärt Erny Konsbrück der „Greiweldenger Leit“. „Ich hänge ihn auch zuhause auf. Erstens riecht er wunderbar, zweitens ist es eine schöne Erinnerung an diesen Tag.“ Für Konsbrück ist der „Wësch“ ein Stück Familiengeschichte: „Ich bin von hier, ein echter Greiweldinger. Meine Großmutter – sie wäre heute etwa 120 Jahre alt – hat früher immer ihren eigenen ‚Wësch’ gemacht, ihn in die Kirche gebracht, wo er still gesegnet wurde.“ Heute ist das Ritual öffentlicher geworden und wird von den „Greiweldenger Leit“ bewusst weitergegeben.

Annette Eischen: „Wir kommen wegen des ‚Wësch‘ und wegen der Stimmung“

Annette Eischen: „Wir kommen wegen des ‚Wësch‘ und wegen der Stimmung“

Nadine Hau-Schumacher verkauft die Sträuße für 10 Euro – für einen guten Zweck. „Wir haben in diesem Jahr 100 Wische für den Verkauf gemacht. Dieses Jahr geht der Gewinn an Parkinson Luxemburg. Wir machen jedoch immer ein paar zusätzliche, kleinere Wische, um die Kirche und die Umgebung zu dekorieren.“
Sie beschreibt die sorgfältige Auswahl der Kräuter: „Wir sammeln die Kräuter hier in Greiweldingen in unseren Gärten, dazu verschiedene Getreidesorten und Wildkräuter von Wiesen und Feldern. Wichtig sind Majoran, Schafgarbe, Rosmarin, Lavendel, Petersilie, Wermut, Ringelblumen, Thymian und vieles mehr.“ Für Hau-Schumacher ist der „Léiffrawëschdag“ vor allem ein Gemeinschaftserlebnis: „Das ganze Dorf packt mit an. Man trifft sich, arbeitet zusammen, die Kinder lernen, die Natur zu entdecken. Man schaut, was blüht, was wächst und will immer mehr wissen. Es verändert den Blick auf die Welt.“

Minister Lex Delles betont: „Der ,Léiffrawëschdag‘ ist eine echte Tradition – vor allem hier in Greiweldingen. Der ,Wësch‘ wird noch von Hand gemacht und es ist wichtig, solche Bräuche weiterzuführen.“ Auf die Frage nach der christlichen Bedeutung antwortet er: „Für mich ist es Teil einer Tradition, die es wert ist, gepflegt zu werden. Jeder hat seinen eigenen Glauben und gestaltet das Fest nach eigenem Empfinden. Ich selbst nehme immer einen ,Wësch‘ mit nach Hause – verschenke ihn aber immer an eine Dame aus der Ortschaft.“

Ein fester Bestandteil des „Léiffrawëschdag“ ist der Kreativmarkt, der sich durch die Gassen von Greiweldingen zieht. Lokale Künstler, Bastler und Händler präsentieren hier handgemachten Schmuck, Deko und kulinarische Spezialitäten. Martine ist seit Jahren mit ihrem Stand dabei: „Ein echtes Luxemburger Fest, das schon lange hier stattfindet.“

Auch musikalisch ist Vielfalt geboten: „Es gibt luxemburgische Musik, aber auch internationale Klänge. Und natürlich gibt es Essen und Trinken – für jeden Geschmack etwas.“ Der „Léiffrawëschdag“ zeigt, dass Tradition alles andere als altmodisch ist. Er verbindet Generationen, bringt Menschen zusammen und macht aus einem Kräuterstrauß ein kulturelles Statement – egal, ob er im Keller hängt, in der Scheune oder verschenkt wird. Und das gelingt: Trotz 30 Grad, und obwohl viele den Ursprung des Feiertags kaum noch kennen, bleibt am Ende, was zählt – ein gesegneter Strauß, ein Glas Wein und das Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein.

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